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„Twin Peaks“ für Einsteiger

Vor dem Start der neuen „Twin Peaks“-Staffel: Ein kleiner Basic-Guide für alle, die mit der mysteriösen Serie und ihrem Schöpfer noch nicht vertraut sind.

von Christian Fuchs

Manchmal kann die Erinnerung ganz schön täuschen. Hatte ich das Fernsehereignis „Twin Peaks“ doch als massentauglichstes Werk des großen Regieaußenseiters David Lynch abgespeichert und als ideale, fast schon gefällige Einstiegsdroge in dessen unverwechselbares und verqueres Schaffen.

Als ich dann unlängst mit Freunden wieder in legendäre Folgen der gefeierten TV-Serie hineinschaute, als Vorbereitung auf die hysterisch erwartete neue Staffel, blieb nicht nur die gewohnte Faszination zurück, sondern auch ein Gefühl echter Verwunderung. Erwiesen sich die alten Episoden, allesamt Anfang der 90er für ein Millionenpublikum gedreht, doch entschieden weiter von heutigen Sehgewohnheiten entfernt, als wir es kollektiv verklärt hatten. Vor allem der begleitende Kinofilm „Twin Peaks: Fire Walk With Me“, ein irrlichterndes und damals schwer unterschätztes Prequel zur Serie, wirkt aus heutiger Sicht wie eine Kunst-Installation auf dem Donaufestival. Betörend und verstörend zugleich.

„Twin Peaks“ - die Story:

In dem amerikanischen Holzfällerstädtchen herrscht ein Gleichgewicht aus Idylle und Schrecken, Unschuld und Verdorbenheit. Auf der einen Seite trifft man sich bei Kirschkuchen und Kaffee im archetypischen Diner, um lokalen Klatsch und Tratsch auszutauschen. Auf der anderen Seite verwandelt sich das niedliche Örtchen bei Nacht in einen Sündenpfuhl, inklusive käuflichem Sex und florierendem Drogenhandel. Der Mord an der blonden Highschool-Queen Laura Palmer bringt in Twin Peaks dann alles zum Kippen. Denn der ermittelnde FBI-Beamte Agent Cooper kommt den dunklen Geheimnissen der Bewohner Schritt für Schritt auf die Schliche.

Dabei sind es nicht bloß der surreale Humor oder diverse avantgardistische Einflüsse, die das „Twin Peaks“ Universum eventuell schwer zugänglich für Serienjunkies der Gegenwart machen. David Lynch und sein Produktionspartner Mark Frost brechen, zumindest in den Originalepisoden, mit beinahe sämtlichen, eingespielten Konventionen, die auch zu aktuellen Mindfuck-Reihen wie „The Leftovers“ oder „The OA“ gehören.

1. Sich Zeit nehmen, Kirschkuchen essen

„Twin Peaks“ verkörpert die Antithese zum fahrigen Schnitt-Tempo der Serien- oder Kino-Gegenwart. Sogar verglichen mit gemächlich dahinrollenden Serien wie „Mad Men“, „Rectify“ oder der zweiten „True-Detective“-Staffel wirkt das Geschehen in dem mysteriösen Städtchen bisweilen zeitlupenhaft. Ein paar sparsame Sätze, entweder komisch angehaucht oder mit gruseligen Untertönen, reichen oft für eine ganze, lange Sequenz, untermalt vom jazzig-minimalistischen Score des tollen Angelo Badalamenti. Man muss sich reinfallen lassen in dieses süße Nicht-Geschehen, kann dabei wie die Hauptfigur Agent Cooper genüsslich einen Kirschkuchen verspeisen, entspannen. Schockierende Enthüllungen kommen bestimmt, aber Geduld bitte.

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2. Soap-Opera-Simplizität statt realistischer Charaktere

Der Grund, warum wir bei so vielen Qualitäts-Serien heutzutage mitfiebern, sind die minutiös entworfenen Charaktere. Drehbuchautoren, die ja im Serien-Business meist in größeren Kreativteams arbeiten, feilen lange daran, psychologisch glaubwürdige Figuren mit ambivalenten Facetten zu entwerfen, damit auch die abgefahrenste Geschichte eine realistische Erdung bekommt. Lynch, Frost und ihre zahlreichen Autoren ignorierten bei der Original-„Twin-Peaks“-Saga dagegen noch gänzlich diese Art von Bodenhaftung. Die Einwohner des Titelstädtchens scheinen stellenweise aus einer neurotischen Soap-Opera entliehen oder einem Hollywood-B-Movie-Fundus.

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3. Gegen die Psychologie

David Lynch ist auch in seinen fantastischen Kinofilmen mit voller Absicht gegen Psychologisierung jeder Art. Die naturwissenschaftliche, soziologische und ideologische Vermessung der Welt habe ein Vakuum hintergelassen, sagt der moderne Mystiker. Die magische Qualität des Lebens, meint Lynch, „can be reduced to certain neuroses or certain things, and since it is now named and defined, it’s lost its mystery and the potential for a vast, infinite experience.“ Aus diesem Grund besteht das wahnwitzige Personal des Filmemachers, der sich privat der „Transzendentalen Meditation“ verschrieben hat, oft aus skizzenhaften Charakteren, die wie aus einem Traum entsprungen scheinen. Das dubiose Wort „Realismus“ sollte man im Zusammenhang mit „Twin Peaks“ gleich vergessen.

4. It’s all a big mystery

Dementsprechend ist im Reich von „Twin Peaks“ geheimnisvolle Undurchschaubarkeit das höchste Gut. Mr. Lynch will uns wieder zu Kindern machen, die keine Ahnung haben, was sich hinter den Dingen versteckt, die unschuldig forschen, entdecken und sich im Dunkeln gruseln. „Ich liebe Geheimnisse“, meint der Regisseur, der sich um Dramaturgie-Konventionen genauso wenig schert wie um Glaubwürdigkeit. „Je unlösbarer ein Geheimnis ist, desto schöner ist es“, lautet sein Motto. „Sich dem Geheimnis und der Gefahr hinzugeben, macht das Leben viel intensiver. Wenn Geheimnisse aufgelöst werden, fühle ich mich schrecklich betrogen. Es ist unglaublich schön, wenn da noch ein Rest Mysterium bleibt“.

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5. Keine Auflösung erwarten

Ein zentrales Geheimnis, um das sich seinerzeit die erste Staffel der Serie drehte, mussten die Macher Lynch und Frost dennoch lüften. Auf Druck des Senders ABC entlarvten sie Laura Palmers Mörder. Was draußen in den Wäldern rund um Twin Peaks wirklich passiert, blieb aber bis zum Ende ein großes Mysterium. Die Serie deutet an, dass sich dort ein Portal zu einer anderen Dimension öffnet, die sogenannte Black Lodge, in der auch „Bob“ haust, die Personifizierung des Bösen, die Menschen wie Leland Palmer heimsucht. Eine pseudowissenschaftliche Erklärung oder auch nur eine Genre-gerechte Auflösung, wie sie zu typischen Mysteryserien gehört, sollte man sich dazu auch von der neuen Staffel nicht erwarten. Einfach den Trip in die schwarze Hütte genießen.

Überhaupt: Am besten das rationale Denken einmal ausschalten bei dieser Serie. Das Set-Dekor, die wunderbar exzentrische Besetzung, die Ausleuchtung, die hypnotische Musik einsaugen. Und die absurden Ideen ins Unterbewusstsein sickern lassen.

Dass die Geschichte klassischen Mustern nicht folgt, lässt Platz für endlose Interpretationen. Wie „Twin Peaks“ am Beispiel einer Ortschaft den gesamten amerikanischen (Alb-)Traum analysierte, die bürgerliche Familie völlig auseinandernahm, postmoderne Entfremdung ebenso verhandelte wie, gegen Ende, die Philosophie des Marquis De Sade, das alles in einer Art surrealer Sitcom, schrieb TV-Geschichte. Mal sehen, ob David Lynch auch im Goldenen Serienzeitalter den Status des prophetischen Außenseiters wahren kann.

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