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Gods and Monsters

Mit „Alien: Covenant“ versucht Ridley Scott nun Philosophie und Horror-Action zu vermischen.

Was ist falsch an einem Sci-Fi-Horrorfilm, der es wagt, seine eigenen kleinen Beschränkungen auf pompöse Weise zu dehnen und der seine Story mit Philosophie, Wissenschaft und Pseudowissenschaft zum existentialistischen Epos aufpimpt? Gar nichts, wenn man den Schreiber dieser Zeilen fragt. Während mich Filme, die nur strikt innerhalb abgesteckter Genregrenzen funktionieren wollen, immer mehr langweilen, freue ich mich über jeden Hauch von Aufgeblasenheit und Größenwahn.

Im Fall von Ridley Scotts „Prometheus“ waren viele Zuseher und Kritiker allerdings ganz anderer Meinung. Deren Hoffnung, endlich mal wieder einen klassischen „Alien“-Film zu sehen, hatte der Regisseur 2012 bitter enttäuscht. Benutzte Scott in dem Weltraum-Spektakel doch nur die von ihm miterfundene Mythologie, um sich mit einem privaten Lieblingsthema zu beschäftigen: dass nämlich Außerirdische für den Ursprung des irdischen Lebens verantwortlich sind.

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Die Götter müssen verrückt sein

Kein gefräßiges Xenomorph-Monster huschte durch „Prometheus“, dafür lernten wir die Engineers kennen. „Götter“ aus dem All, die uns Menschen einst erschufen. Und die uns als misslungenes Experiment mit Hilfe eines gezüchteten Virus gerne wieder kollektiv ausrotten würden. Teilen des Publikums rauchte bei diesen Ideen der Kopf, als pubertierender Fan des Schweizer Autors Erich von Däniken saß ich damals mit einem freudigen Grinsen in dem stockdüsteren Film und musste auch an Friedrich Nietzsche, Stanley Kubricks „2001“ oder die besten Folgen der „X-Files“ denken.

Bei den Gegnern von „Prometheus“, von denen es gar nicht so wenige gibt, schürten die ersten Trailer zu „Alien: Covenant“ nun eine Hoffnung: Dass der englische Filmemacher endlich wieder zu seinen Wurzeln gefunden hatte und man einen kompakten, klaustrophonischen Horrorschocker erwarten konnte, fernab von philosophischen Proseminaren.

Aber schon die Eröffnungssequenz des neuesten Beitrags zur „Alien“-Saga knüpft an dem umstrittenen Vorgängerfilm an. In einem Flashback sehen wir wie ein jüngerer Peter Weyland (Guy Pearce), der Gründer des zwielichtigen Konzerns, der eine maßgebliche Rolle in sämtlichen Teilen der Reihe spielt, den von ihm erschaffenen Androiden David (Michael Fassbender) in ein Gespräch über den Schöpfungsakt verwickelt. Im Hintergrund läuft Richard Wagners „Einzug der Götter in Walhall“. Wir ahnen: Das wird nichts mit dem abgespeckten Sci-Fi-Horrorthriller, eventuell könnte es in diesem Film auch um Theologie, künstliche Intelligenz und Faschismus gehen.

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David - Allein zu Haus

Nach dem Prolog folgt ein Szenario, wie wir es mittlerweile aus etlichen Science-Fiction-Filmen kennen. Irgendwo in der Unendlichkeit des Alls reist ein Kolonieschiff zu einem fremden Planeten, an Bord 2000 schlafende Paare, die das ferne Paradies besiedeln sollen. Als die Crew durch einen Unfall frühzeitig erwacht, kommt es nach einer hitzigen Diskussion zu einer fatalen Kursänderung. Ein mysteriöser Notruf führt die Covenant zu einem nahen Planeten. Und dort lauert der Schrecken.

Wie gesagt, auch wenn dieser Film vorab wie ein slickes Update des legendären „Alien“ aus 1979 wirkt, schließt dessen Regisseur Ridley Scott nur bedingt an sein Original an. Denn auf dem fremden Planeten warten nicht nur gefährliche und uns Zusehern vertraut wirkende Kreaturen auf die Crew, sondern auch der narzisstische Maschinenmensch David.

Wie man aus einem für das Netz gedrehten Promovideo erfahren kann, wurde der schwer derangierte Android von der Astronautin Shaw (Noomi Rapace) nach dem katastrophalen Ausgang der Prometheus-Mission wieder zusammengeflickt. In einem Schiff der Engineers machte sich das ungleiche Duo dann auf die Suche nach dem Planeten, dessen göttlichen Bewohnern wir alle unser Dasein verdanken. Es ist aber nur David alleine, der die Covenant-Crew nach ihrer Landung begrüßt und seine Erzählungen wirken fast so beängstigend wie die schleimigen Monster draußen im Dunkeln.

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Der Versuch, es allen recht zu machen

Eigentlich gibt es zwei Michael Fassbenders in „Alien: Covenant“ zu sehen, was ein großer Gewinn für den Film ist. Es bereitet enormes Vergnügen zuzusehen, wie er neben dem eitlen David auch Walter zum Leben erweckt, einen weiterentwickelten und tatsächlich gefühllosen Androiden, der die Besatzung der Covenant schützen soll. Deren Mitglieder sind übrigens mit Katherine Waterston, Danny McBride und Billy Crudup bestens besetzt.

Fast noch mehr Hass als bei „Prometheus“ brodelt gegenüber „Alien: Covenant“ gerade aus diversen Webforen. Einen Punkt kann ich diesmal verstehen: Ridley Scott versucht es in seinem neuen Film wirklich allen recht zu machen, bemüht sich die puristischen Fans mit maximaler Xenomorph-Action und viel Kunstblut zufriedenzustellen, gleichzeitig aber den gewagten Themen aus „Prometheus“ zu folgen. Dieser Spagat geht sich nicht immer ganz aus und hinterlässt letztlich wohl bei sämtlichen Fraktionen etwas Enttäuschung.

Aber davon abgesehen bietet „Alien: Covenant“ immer noch viel dunklen Reichtum. Der mittlerweile 79-jährige Scott fasziniert weiterhin mit seinem visuellen Gespür und schafft es auch, der abgehobenen Geschichte die für die „Alien“-Franchise notwendige realistische Bodenhaftung zu verleihen (daran scheiterte vor allem der vierte Teil „Alien Resurrection“ seinerzeit ganz kläglich). Der Brite, der so unglaublich ödes Kino macht, wenn er sich als Humanist präsentieren will („The Martian“, „A Good Year“), findet vor allem auch im eisigen Negativismus zu sich selbst. Wie in „Prometheus“ und der sträflich unterschätzten Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Counselor“ genießt Ridley Scott in „Alien: Covenant“ förmlich das Gefühl des Untergangs, der in der Luft liegt.

Widmete sich die Originalserie in den Geniestreichen „Alien“, „Aliens“ und „Alien 3“ noch dem Kampf der Menschen gegen kalte Konzerne und feierte in der Figur von Sigourney Weavers Ripley den Sieg des Weiblichen über eine überkommene Männlichkeit, regiert in den Prequels der Backlash. Auch starke Frauen wie Shaw oder jetzt Daniels (Katherine Waterson) sind, wie die Männer, nur mehr Spielbälle in einem grausamen Universum. Die Götter verachten die Menschen, der Kapitalismus beutet die Menschen aus, die Maschinen belächeln die Menschen - und die Götter. Ridley Scott hat einen Feelbad-Blockbuster geschaffen, der auf den omnipräsenten Marvel-Optimismus mit Verachtung blickt. Muss man sich auch erst einmal trauen.

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