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I'm Dying Up Here

Showtime

Das Leben - kein Witz

Retrocharme und süße Melancholie. Die neue Serie „I’m Dying Up Here“ beleuchtet die kalifornische Comedy-Szene der 70er.

Von Philipp L’heritier

„I’m Dying Up Here“ ist keine Comedy. Selten ist die gerade angelaufene, von Showtime produzierte Serie lustig, das ist mit Absicht so.

Dass sich die Zuseher angesichts des verhandelten Themas das Gegenteil hätten erwarten können, weiß die Show. „I’m Dying Up Here“ wirft einen Blick auf die boomende Stand-Up-Comedy-Szene im Los Angeles der frühen 70er-Jahre.

Ein großes, mehr oder weniger gleichberechtigtes Ensemble bevölkert hier ein zwar fiktionales, dabei eng an wahren Begebenheiten angelehntes, ein brodelndes Biotop voller Typinnen und Typen, Outsider, Egoisten und Käuze. Um fast schon dokumentarfilmhafte Strenge bemüht, dabei doch vom leichten Wind der Unbekümmertheit und des wilden Lebens geküsst.

Breitkragige Hemden, Schlaghosen, kalifornischer Softrock-Soundtrack, Bärte, Frisuren. Die alte Dichotomie von Stardom und Verzweiflung, von Kokain und Hunger, Überschwang und Untergang. Hinter der Fassade der Clowns, so erfahren wir hier wenig neu, immerhin neu erzählt, wohnen fertige Seelen.

Humor im Umbruch

Aus allen Ecken des Landes fliegen junge Menschen mit dem letzten Geld in den Taschen und der großen Hoffnung im Herzen in die Stadt, um dort ihr Glück als professionelle Spaßmacher zu suchen. Nach und nach beginnt sich zu dieser Zeit eine junge, frische Comedy-Szene zu etablieren.

Altmodische, familienfreundliche Witzeunterhalter mit Onkel-Charme werden von neuer Rock’n’Roll-Attitude mit Hippie-Spirit auf Tabu-Crashkurs immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Deftige Gags über Sex, Drogen und politische Themen setzen sich langsam durch, die Comedians leben dazu den passenden Lifestyle – wenn es denn irgendwann mal klappt mit dem Fame.

Raketenstart

Dreh- und Angelpunkt von „I’m Dying Up Here“ ist der Comedy-Club The Cellar: erste Adresse am Platz, dabei adäquat abgefuckt und vom Parfüm des Halbseidenen durchweht. Talentscouts gehen hier ein und aus, die Warteliste für Auftritte im Cellar ist lang, bezahlt aber wird kaum jemand.

Eine Performance hier kann Sprungbrett ins Fernsehen sein, in einen der heiß begehrten Slots in der Show von Late-Night-Legende Johnny Carson. So werden aus armen Schluckern Entertainment-Größen.

Im echten Leben hat Johnny Carson vielen Comedians zu ihrem großen Break verholfen, beispielsweise Jay Leno oder Jim Carrey. Carrey fungiert bei „I’m Dying Up Here“ als einer der Produzenten, nicht bloß auf dem Papier, er hat auch einige Anekdoten aus den frühen Tagen seiner Laufbahn ins Drehbuch der Serie einfließen lassen.

So etwa die Weisheit, dass es mit der Karriere lange, lange nicht klappen kann, eventuell nie, und so aus finanzieller Not wenig andere Optionen bleiben, als sich für geraume Zeit in einen begehbaren Kleiderschrank einzumieten.

I'm Dying Up Here

Showtime

Reiches Panorama

„I’m Dying Up Here“ zeigt die Gockelkämpfe und Eifersüchteleien zwischen den hadernden Comedians, die ständige Rangelei um die Hackordnung im Club, den Neid. Kaputte Freundschaften, verbohrte Liebeleien, unverhohlener Sexismus und Rassismus.

Lange Kamerafahrten - sicherlich von Martin Scorseses ewigen Shots in beispielsweise „Goodfellas“ gelernt - durchs Gewusel des Cellars, zwischen Kellnerinnen und Trunkenbolden, zwischen Junggesellen-Abenden, Prostituierten und schwergewichtigen Agenten erwecken eine farbenprächtige Welt zum Leben.

Es dirigiert diese Welt mit strenger Hand und harter Liebe: die vielfache Awardpreisträgerin Melissa Leo (u.a. Oscar für „The Fighter“ 2010) in der Rolle der Club-Chefin Goldie. Sie raucht Kette und lässt sich im Hinterzimmer gerne ordentliche Tabletts weißen Pulvers reichen. Nur sie entscheidet, wer denn wann für den großen Auftritt bereit ist.

Kleinteiliges Puzzlespiel

In seinem sprunghaften, fragmentarischen Montagestil orientiert sich „I’m Dying Up Here“ klar – wenn auch deutlich zahmer und konventioneller gestaltet – am Werk von Regisseur Bob Fosse: Freilich am Film „Lenny“ aus dem Jahr 1974, mit Dustin Hoffman in der Rolle des revolutionären Komikers Lenny Bruce, aber auch an den überschäumenden Showbiz-Schlachtengemälden „Cabaret“ und „All that Jazz“.

Das Ensemble glänzt und glüht, Andrew Santino als eitler Zyniker, Michael Angarano als schüchtern-sensibler Newbie, Ari Graynor als einzige Frau im Comedy-Boys-Club.

Bislang hantiert „I’m Dying Up Here“ dabei etwas scherenschnitthaft mit Erzählmustern und treibt den Plot gar mechanisch voran. Langsam jedoch entwickelt sich ein leiser, melancholischer Groove, die Figuren bekommen Profil. Es ist ein harter, steiniger Weg nach oben.

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