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Kraftklub

Franz Reiterer

FM4 Frequency

K ist für Unity

FM4 Frequency Musikrundschau, Donnerstag. Band of Horses, Flume, Mumford & Sons, Kraftklub, Wiz Khalifa. Mehr.

von Philipp L’heritier

Der Rauschebart und die Rührseligkeit vom Grunde des Whiskeyfasses, vielleicht ein speckiges Truckercap auf dem Kopf. Die Gruppe Band of Horses aus Seattle ist eine sehr gute Band.

Bevor jedoch am Donnerstag beim FM4 Frequency Festival auf der Space Stage die Rotweinmelancholie ausgerufen wird, dreht dort der seit Jahrzehnten Festival-geeichte Samy Deluxe die Temperatur auf: Der ausgefuchste MC mit dem Hit-Paket, er verwurstet alles und jeden, beschwört die alte Hamburger Schule und den neuen Style.

Auch das Beginner-Stück “Ahnma” taucht auf. Wird alles nicht alt, neu auch nicht. Jeder sagt “Digger” heutzutage. Es folgt die lieb-todesromantische Joy-Division-Gedächtnis-Arbeit der englischen Gruppe White Lies.

Dann aber: die wundersam-zerbrechliche Band of Horses. Der vom Schmerz gestochene Folkrock, der beschwingt-wehmütige Jingle-Jangle-Indie der frühen R.E.M., atmosphärisch-verspukter Dream-Pop, die vom Leben gegerbte Stimme - auf diesem Gebiet ist “Everything all the Time”, das 2006 via Sub Pop erschienene Debütalbum der Band of Horses, nach wie vor ein Klassiker. Viel kann dieser Platte nicht mehr passieren.

Auch live ist das, was die Gruppe da am frühen Abend auf der Main Stage veranstaltet, kaum weniger als der gute Magentee und die große Herzmassage.

Und die ewige Todes-Ballade “The Funeral” wird und kann noch soundsoviele Montagen am Season-Ende von US-amerikanischen Krankenhaus-Fernsehserien begleiten - angesichts dieses herrlichen Schmelzes und des Vibrierens in den Gliedern, das hier so federleicht transportiert wird, mögen wir auf alle Zeiten heiße Tränen der Freude zerdrücken.

FM4 Frequency 2017

Mehr zum FM4 Frequency 2017 gibts auf frequency.at und natürlich auch hier bei uns!

Bei ihrem Konzert spielen Band of Horses das Stück, wie es so geht, gegen Ende des Sets; den Abschluss macht das optimistische “The General Specific”. “Gonna wash my bones in the Atlantic Shore - only for you and me”, so heißt es da. So soll es sein, ein versöhnliches Goodbye nach einem rührenden Konzert. Papa was a rodeo, mama was a rock and roll band.

Sweet Beat

Es folgt der große Bruch auf der Main Stage - aber auch die Manifestation dessen, was das Normale auf großen Festivalbühnen geworden ist. Zum Glück. Elektronische Popmusik.

Der Aufstieg des australischen Produzenten Flume - der Mann ist immer noch jung - in den letzten Jahren ist einer der sympathischen Nebenstränge in der Erzählung namens “die große EDM-Bubble”.

Hat halt so im Kinderzimmer herumgebastelt, der Flume, mittlerweile baut er Beats für Lorde und Vince Staples und fertigt Remixe für Arcade Fire, Sam Smith und Disclosure.

Der Auftritt von Flume gestaltet sich als der übliche Mittelweg zwischen Live und DJ-Set, auch sein Programm ist die gut erprobte Mischung aus eigenen Stücken und Cover-Versionen/Remixes.

Es gibt “You & Me” von Disclosure, es gibt “Tennis Court” von Lorde. Es zwitschert und brummt, es brutzelt lieb und quietscht und riecht nach Honig. Es geht auch mit der Zartheit und den Sirup-Melodien, scharfer Strom geht durch die Menge, ein Highlight.

Wir sind viele

Auf der Green Stage bewegt die Jugendkultur-Band erwartungsgemäß die Massen: Kraftklub aus Chemnitz. Kraftklub verhökern die witzig gebrochene Teenager-Punk-Antihaltung im großen Stile.

Eines ihrer bekanntesten Lieder heißt “Ich will nicht nach Berlin”. Da ironisieren Kraftklub den schicken Hauptstadt-Hype, “die Hipster” und “deren Projekte”. Dass man mit so etwas den Mainstream der Minderheiten nur bestens anzapfen kann, ist klar. Gegen den Zeitgeistsein als Zeitgeist.

Kraftklub

Franz Reiterer

Mit Hooks gespickter Garagenpop, Sprechsingsang, der mit der entlarvenden Überaffirmation einer ungeliebten Sprecherposition arbeitet, mit frechen Perspektiv-Wechseln in den Lyrics, in denen alle und jeder den Humor des Schulhofaußenseiters - er hat es sich so ausgesucht - und den wissenden Grinser mitlesen können. Verstehen und Sich-Verstanden-Fühlen.

Auf der Bühne werden Kraftklub von gut 20 Tänzerinnen begleitet, wie die Band selbst in roten Jacken uniformiert, die Unity einer Halbstarken-Gang symbolisierend, alles läuft rund, rund.

Wenig bekannte Fußnote: Bassist Till und Sänger Felix sind die Söhne zweier Mitglieder der obskuren Avantgarde-Band AG. Geige, die sich Ende der 80er, Anfang der 90er unter anderem an Dadaismus, weirder Tapemusik und der Erbschaft des spinnerten kalifornischen Art/Anti-Musik-Kollektivs Residents abgearbeitet hat.

Man darf also das Unternehmen Kraftklub vielleicht als groß gedachtes Performance-Projekt und Persiflage im Geiste von The KLF begreifen? Wie entwerfe ich einen Hit? Wie geht das, ein sinnstiftendes Design for Life?

In ihren Lyrics und ihren Videos machen sich Kraftklub gerne ironisierend über die Kommerzialisierung und den so genannten Ausverkauf der guten, alten Punkrock-Werte lustig, über die Warenförmigwerdung des einstmaligen Undergrounds. Mit ihrer Musik und ihren Konzerten denken sie das Konzept konsequent weiter.

Wie gewohnt haben auch Wanda danach auf der Green Stage alle Fäden und das Publikum komplett in der Hand. Kurz vor Mitternacht kann man die vergewissernde Umarmung der Lederjacke auch schon wieder vertragen.

The Waste Land

Der Superstardom hat Mumford & Sons nicht korrumpiert, der Mainstreamfame sie nicht verwässert. Mumford & Sons sind immer schon nicht gut gewesen.

Das hätte nicht so sein müssen: Eine Londoner Neo-Folk-Band mit allen Ticks und Macken, die die Wald- und Wiesen-Lieder der britischen Heide mit Südstaatenamericana- und süß klingelnder Oldtimer-Musik verbindet. Und das Ganze dann mit weihevoll gemeinter Bedeutungslyrik zugekleistert, die bevorzugt auf die Literaturgeschichte zwischen Shakespeare, T.S. Eliot, John Steinbeck und karg-zerknautschter Dust-Bowl-Poesie verweist.

Mumford & Sons

Patrick Wally

Mumford & Sons sind am Donnerstagabend der Headliner beim FM4 Frequency Festivals. Sie sind eine der größten Bands des Planeten, viele, viele Menschen sind gekommen. “Snake Eyes” ist der Eröffnungssong des Konzerts, hier geht der Refrain so: “It’s in the Eyes, I can tell, you will always be danger!”. Und man weiß gleich, dass das mit der Gefahr und dem Risiko genau das ist, womit die Band Mumford & Sons nichts zu tun hat. Mumford & Sons sind Behauptung und Gimmick.

Mumford & Sons sind in den letzten Jahren ein bisschen mehr zur Rockband geworden und haben sich aus dem Pub wegbewegt. Karierte Westen und Hosenträger trägt man jetzt nicht mehr, dafür eher Lederjacke.

Es gibt im Vergleich zu früher verstärkt oft echtes Schlagzeug, mehr verzerrte Gitarre, dafür hat man auf dem 2015 erschienen, dritten Album “Wilder Mind” auf das Symbol-Instrument Banjo verzichtet.

Hinsichtlich Produktion und Arrangements haben “Wilder Mind” zwei gute Typen betreut: Überproducer James Ford von der Simian Mobile Disco, der schon mit den Klaxons, den Arctic Monkeys, den Last Shadow Puppets und Depeche Mode gearbeitet hat, und Aaron Dessner von The National. Genutzt hat es nichts bzw. in dem Sinne schon, dass hier jetzt alles noch professioneller läuft und glatter gefühlig rockt. Rockmusik für den Coffee-Shop, in der Lederjacke aus dem Kaffeezubehör-Laden.

They see me rollin

After the Party it’s the After-Party - und es ist gut und wunderbar so: Ähnlich wie mit Moderat am Dienstag gibt es am Donnerstag nach dem offiziellen Headliner zum Abschluss auf der großen Space Stage beim FM4 Frequency einen nachgeschobenen Semi-Headliner, der im Kontrast zum Vorangegangenen steht.

Es ist der amerikanische MC Wiz Khalifa. Wiz Khalifa. In den USA ist der Mann ein rechter Superstar, anderswo vornehmlich erst in Rap-Kreisen ein Haushaltsname, zieht dennoch massiv. Das beste Album von Wiz Khalifa ist sein drittes: “Rolling Papers” aus dem Jahr 2011. Das ist sein Thema. Rauchen, Party, laid-back Funtime. Das bedeutet, dass er auch in musikalischer Hinsicht den Spaß, den Pop und den Zucker nicht scheut.

Wiz Khalifa

Patrick Wally

Seine Megahits “Black and Yellow” und “Roll Up” beispielsweise hat das norwegische Duo StarGate produziert - die kümmern sich sonst um Leute wie Kylie Minogue, Britney Spears, Rihanna, Coldplay, Beyoncé. Und alle. Bei Wiz Khalifa kommt dabei oft eine weirde Mischung raus: Weichgefederte Beats, aus denen noch der Nachhall von Trap mitschwingt, überlagert mit Synthiepop, Eurodance und Trance.

Es gibt: einen Rap-Gig, beim dem sich jemand ein bisschen Mühe macht und sich ein bisschen etwas überlegt hat. Es gibt: eine ganze Band, Drums, Synthesizer, DJ, Nebel. Als Intro kommt vom Band “Bad and Boujee” von den Migos - da kann dann nicht mehr viel schief gehen. Ha! Rrrrra!

Wiz Khalifa gibt den schlaksig-freundlichen Gesamtentertainer mit alberner Schlagseite, er hat die weite, weite Bühne unter Kontrolle. Es ist eine auf Party abzielende Musik - es ist richtig so, so kann ein Festival zu Ende gehen. Einmal noch gehen Feuerwerke hoch, in uns, und wir unter die Decke.

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