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Strand in Brighton mit Union Jack Fahne

GLYN KIRK / AFP

Robert Rotifer

“It’s Keir’s!”

Der Vorstoß des britischen Schatten-Brexit-Ministers kam nicht zufällig gerade gestern und gerade jetzt. Warum es sich empfiehlt, sich genau anzusehen, worauf die immer noch auf Brexit eingestellte Labour Party eigentlich hinaus will. Und ob die EU es ihr nicht vielleicht einfach gönnen sollte.

Von Robert Rotifer

Stimmungen, wie soll man die erklären? Sie sind wie Wechselkurse, das heißt, jeder Versuch sie zu begründen landet am Ende bei der unbefriedigenden Einsicht, dass sie eben... stimmungsabhängig sind. Und das hilft dann niemand weiter, da könnte man ja gleich Ökonom werden. Weil ich aber für derlei Glasperlenspiele keine Zeit habe, musste ich mich stattdessen neulich wieder der großen britischen Flughafen-Experience unterziehen. Einen Song darüber geschrieben hatte ich schon, die Möglichkeiten zur produktiven Verdrängung waren also begrenzt, aber ich lernte dabei immerhin was zum Thema Stimmungen und Wechselkurse.

Es ist nämlich so eine unerklärliche britische Schrulle, statt im Euro-Land seiner Destination zum Bankomaten zu laufen, schnell noch zuhause am Flughafen Devisen zu kaufen. Die dort angebotenen Kurse sind so fantastisch und obszön, dass der Mann am Schalter mich den Bildschirm hinter ihm gleich gar nicht fotografieren ließ. Was da zu lesen war, bedeutete jedenfalls, dass die britische Touristin und der britische Tourist auf dem Weg dorthin, wo sie damals, vor vielen Monaten, als sie die Reise buchten, ein bisschen freizeitlich in der Sonne zu herrenmenscheln gedachten, entgegen alter Gewohnheit nun um einiges weniger an Euro für dieselbe Zahl an Pfunden erhalten würden.

Der Mittelkurs mag immer noch bei 1,08 Euro pro Pfund liegen, aber in den Wechselstuben von Gatwick, Heathrow oder dem John Lennon Airport zu Liverpool wurde die magische Grenze zur Parität schon längst überschritten. Das ist eine höchst symbolträchtige Erniedrigung, die sieht man den Leuten im Moment des Schocks („Surely some mistake!“, „They must have swapped it round“) dann doch an. Ein Dämpfer gleich vor der Abfahrt, gefolgt von zwei Wochen dicker Luft am Pool, am Strand, an der Theke und im Doppelbett. Mag man sich gar nicht vorstellen. Was ich damit einfach sagen will, ist eigentlich nur, dass dieser Sommer durchaus der Punkt ist, an dem auch bisher Brexit-begeisterte Brit_innen einen guten Grund hatten, den Spaß daran zu verlieren.

Und so steckt im Wechselkurs vielleicht auch der psychologische Unterbau für den gestern verlautbarten Kurswechsel bei der Labour Party (Wechselkurs/Kurswechsel – seht ihr eh, was ich da gerade gemacht hab?), verlautbart im Observer (de facto der Sonntagsausgabe des Guardian) von Keir Starmer, dem Schatten-Brexit-Minister der Labour Party.

Keir Starmer

Justin TALLIS / AFP

Starmer mag aussehen wie ein Alt-Right-Recke aus Wisconsin, aber er ist im Gegenteil ein im guten Sinne liberaler Geist mit – fast schon einzigartig in der britischen politischen Szene - ausgeprägtem Hang zur Wahrnehmung von Wirklichkeiten. Ich erzähle beim Auftauchen seines Namens (den ihm seine Eltern nach dem Vorbild der historischen Labour-Ikone Keir Hardie verliehen) ja immer dieselbe promigeile Geschichte, aber aus Freude an der Wiederholung, und weil es schon was über ihn aussagt, here I go again: Ich pflegte einst in meiner Zeit in West Kentish Town, Nordlondon, allsonntäglich mit Starmer Fußball zu spielen, er hatte einen starken Zug zum Tor und rief, wann immer der Ball in seine Nähe kam, spitz aus: „It’s Keir’s!“

Das will uns sagen: Dieser Mann hat für sich selbst wohl auch große Pläne, und es bedeutet somit was, wenn er nun die Zeit gekommen sieht, sich als Architekt von Labour’s Plänen für einen „Soft Brexit“ hervorzutun.

Wo wir schon beim bedeutungslosen Jargon sind, erlaube ich mir zu präzisieren: Es stimmt schon, alles, was Starmer schreibt und sagt, sollte eigentlich eh selbstverständlich sein. Nämlich, dass Großbritannien nach seinem technischen Austritt aus der EU im März 2019 „so kurz wie möglich und so lange wie nötig“ Teil des Binnenmarkts und der EU-Zollunion bleiben solle, bis post-Brexit-Lösungen für in der verbleibenden Frist ganz offensichtlich unbewältigbare Themen wie zum Beispiel die irisch-irische Grenze, die Rechte von EU-Bürger_innen und Brit_innen in der EU, Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse ausverhandelt sind. Es liegt nur am selbstmörderischen Irrwitz der Regierungslinie (sofern es die überhaupt gibt), dass sich mit so einem Eh-klar-Vorschlag Schlagzeilen machen lassen.

Trotzdem finden sich in der Labour Party Abgeordnete, die mahnen, dass ihre Wähler_innen ihnen diesen neuen Kurs als Verrat an den Versprechen des Brexit auslegen könnten. Nichtsdestotrotz, Starmer ist es immerhin gelungen, Jeremy Corbyn davon zu überzeugen, dass dieser Vorstoß Labour in seinem Spagat zwischen seiner jungen Remain-gesinnten Klientel und dem nationalistisch-nostalgischen Anteil seiner Kernwähler_innenschaft mehr nützen als schaden wird.

Und die Reaktion des ehemaligen konservativen Parlamentariers und Spectator-Kolumnisten Matthew Parris, der meinte, er habe begonnen, „an die Möglichkeit zu denken, für eine Partei zu stimmen, die mutig genug ist, diesen Standpunkt einzunehmen" beweist, dass es dabei auch von Seiten frustrierter Konservativer was zu holen gibt. Vielleicht sogar von solchen, die selbst im Parlament sitzen und sich im Fall des Falles für eine Rebellion gewinnen ließen.

Vom Kontinent her sollte man sich das jedenfalls sehr genau anschauen und sich fragen, was die Labour Party abseits all der Taktik eigentlich will. Und ob man diese Wünsche nicht vielleicht sogar erfüllen könnte. Corbyn, ein unverschämterer Populist als man ihm zutraute, mag öffentlich ins rote UKIP-Horn stoßen und von den Problemen ungebremster Einwanderung reden, aber sein Herz und sein Hirn sind da nicht dabei. Was ihn und seinen Schattenkanzler John McDonnell an der EU tatsächlich so anficht, sind vielmehr deren neoliberale Dogmen zu so Themen wie staatlichen Beihilfen.

Bezeichnend und ziemlich schade zwar, dass die britische Linke nicht imstande scheint, sich in die Möglichkeit hineinzudenken, ihre Opposition dagegen auf internationale Art zu organisieren, doch wer sich in Corbyn hineindenkt, kann sich vorstellen, wie in diesem – vielleicht während eines niederschmetternden Starmerschen Referats über die mannigfachen Undurchführbarkeiten des Brexit – dabei die schimmernde Vision eines assoziierten Status aufkommt, wo all die komplizierten Dinge, die die EU so einfach macht, beim Alten bleiben, während man sich als Nichtmitglied herausnehmen kann, zum Beispiel die Bahnen rückzuverstaatlichen oder eine aktive Industriepolitik zu formulieren. Das sind langfristige Kernziele, die mit Starmers Taktik plötzlich leichter zu erreichen scheinen als mit der Hardcore-Option, die Tories das Land über die Klippen fahren zu lassen und ihnen dann gerade noch die Macht zu entreißen, ehe sie ein vom harten Brexit gebeuteltes Britannien unwiderruflich zum Singapur an der Themse umbauen können.

Deshalb war es auch so schlecht beraten, wenn EU-freundliche Zentrist_innen bisher behaupteten, Labour und die Tories wären sich in Sachen Brexit sowieso gleich. Immerhin werden Labours Brexit-Begierden nicht von jener tief gekränkten ex-imperialen chauvinistischen Aggression getrieben, die dann dazu führt, dass man sich so wie Theresa May ein Problem von 100.000 fiktiven, ihr Aufenthaltsrecht missbrauchenden ausländischen Student_innen erfindet, die es loszuwerden gilt, oder so wie Mays ehemaliges Ministerium, das völlig außer Rand und Band geratene Home Office, beginnt, Leute zu deportieren, die man zum Beispiel zur medizinischen Versorgung des eigenen Landes dringend braucht. Das sind Symptome einer neurotischen Geisteshaltung, mit der sich – wie Michél Barnier nun schon seit Wochen feststellen muss - unmöglich verhandeln lässt.

Heute ist in Großbritannien Bank Holiday, ein Feiertag, und in der Früh hab ich einen Artikel in der Welt gelesen, in dem der deutsche Autor sich darüber mokiert, dass es unklar gewesen sei, ob das britische Team in Brüssel heute am Verhandlungstisch erscheinen würde:

„Am Freitagmittag um ein Uhr konnte eine hochrangige EU-Beamtin immer noch nicht sagen, ob die dritte Brexit-Verhandlungsrunde in Brüssel an diesem Montag – wie seit Monaten angekündigt – stattfinden wird. Grund: Die Briten haben am Montag einen Feiertag. An diesem Tag wird zwar nichts gefeiert, aber der letzte Montag im August ist auf der Insel immer frei, nach den Sommerferien kann ein zusätzliches verlängertes Wochenende schließlich nicht schaden.“

Das erinnert an genau jenen herablassenden Ton, den die britische Presse in Bezug auf kontinentale Sensibilitäten pflegt, ist dabei einerseits ignorant in seinem impliziten Vorwurf des Schlendrians (Britannien hat nicht einmal halb so viele Feiertage wie Deutschland oder Österreich) und andererseits politisch unaufmerksam, denn natürlich sind diese Verhandlungen legitimerweise mit einer gewissen medialen Show verbunden, die an einem britischen Bank Holiday, wo keine Zeitungen erscheinen, schlicht nicht durchführbar ist. Nicht zufällig ließ ja auch Keir Starmer seine Botschaft an diesem Sonntag ankommen, sodass sie einmal bis Dienstag einigermaßen unwidersprochen im Ohr der Öffentlichkeit nachschwingen kann.

Und zwar während jene Massen, die, anstatt sich in der teuer gewordenen Euro-Zone zu sonnen, gleich eine „staycation“, also den Urlaub in der britischen Heimat gewählt haben, sich heute Abend auf ihren mühseligen Heimweg von den Stränden der Insel machen werden. Auf total verstopften Motorways, zumal das völlig dysfunktionale Bahnnetz des Landes ausgerechnet an diesem Wochenende zwecks Bauarbeiten praktisch stillgelegt wurde. Da hat man viel Zeit, um im roten Schein der Bremslichter über die Aussichten auf eine glorreiche Zukunft Brexitanniens zu reflektieren.

Oder, um es einmal positiv zu betrachten: Während in London der Notting Hill Carnival symbolisch das vom Brexit verdrängte, nach seinem rechtmäßigen Platz an der Sonne rufende Selbstbild eines anderen, weltoffenen Großbritannien evoziert. Heuer noch dringlicher denn je, mit der ausgebrannten Ruine des Grenfell Tower im Hintergrund. Wenn irgendwer irgendwann tatsächlich irgendeine Lösung für das Schlamassel Brexit finden wollen sollte, wird es sich lohnen, solche Dinge aus der Ferne mitzubedenken. Und zwar von beiden Seiten her. Die Arroganz hat uns bisher ja nicht weit gebracht.

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