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Martin Grubinger

Elisabeth Scharang

FM4 Soundpark tag

Ein Musiker zwischen Hochleistungssport und Virtuosität

Martin Grubinger ist derzeit einer der besten und schnellsten Percussionisten der Welt und zu Gast im FM4 Doppelzimmer am 26. Oktober.

Mit Elisabeth Scharang

FM4 Doppelzimmer am 26. Oktober 2017 von 13 bis 15 Uhr und anschließend für 7 Tage on demand

Wir stehen in einer Sackgasse. Eine Frau lässt mit ihren zwei kleinen Kindern Drachen steigen. Vor dem alten Bauernhaus liegt ein alter Hund in der Herbstsonne. So idyllisch hatte ich mir Martin Grubingers Rückzugsort nicht vorgestellt. „Da sind Sie ganz falsch“, gibt die Frau mit den Drachenkindern lachend Auskunft. „Fahren Sie einfach den Berg hoch und dann werde Sie es schon sehen.“ Und sie hat recht. Grubingers Domizil ist nicht zu übersehen. Ein großer, schneeweißer Kubus mit riesigen Glasflächen und ja! Da ist er wirklich! Der Fußballplatz, über den ich in jedem seiner Interviews gelesen habe. Mit Flutlichtanlage.

Martin Grubinger

Elisabeth Scharang

Martin Grubinger, 1983 in Salzburg geboren, hat seinen ersten Musikunterricht von seinem Vater erhalten. Die beiden spielen heute noch zusammen Konzerte. Später studierte Martin Grubinger am Bruckner-Konservatorium in Linz und am Mozarteum in Salzburg. Er gilt als weltbester Marimba-Spieler. 2010 und 2011 brachte Grubinger sein vierstündiges Projekt „The Percussive Planet“ mit einem 28-köpfigen Instrumentalensemble auf die Bühne. Grubinger moderiert außerdem das Musikmagazin KlickKlack im BR Fernsehen und hält Workshops gegen Rassismus und Antisemitismus ab.

Am 26. Oktober ist Soundpark Spezialtag auf Radio FM4!

Wir feiern den 16. Geburtstag der FM4 Plattform für Musik aus Österreich.

Wir parken, steigen aus, läuten an. Nichts. Die Türe steht offen. Aber einfach so reingehen? Also umrunden wir das Haus. Auf der anderen Seite arbeitet ein Tischler auf der Holzterrasse an der Einlassung des Pools. Alles hier ist neu und noch nicht ganz fertig. „Da ist alles schallisoliert“, sagt der freundliche Handwerker. „Der hört wahrscheinlich nichts da drinnen. Aber gehen Sie nur rein.“ Auf der breiten Holztür hängt ein Zettel: „Probe. Nicht stören!“ Wir machen vorsichtig die Tür auf. Martin Grubinger unterrichtet gerade einen 14-jährigen Buben aus der Gegend. „Kommt’s nur rein. Wir sind schon fertig“, begrüßt uns Martin Grubinger.

Jetzt ist auch klar, warum Grubinger in einem alten Bauernhaus fehl am Platz wäre. Der Proberaum hat ungefähr 400 Quadratmeter. Hier lagert er die rund 500 Instrumente, die er besitzt und von denen er 400 selbst spielt. Für die Konzerte kann ein LKW direkt zufahren und die Instrumente einladen, die gebraucht werden. All das ist bestimmt auch ein Grund, warum sich Martin Grubinger entschlossen hat, nicht in der Großstadt und der Nähe eines Flughafens zu wohnen, sondern in der Gegend um den Attersee, wo er aufgewachsen ist. Wenn es irgendwie geht und er nicht in Übersee ist, fährt er direkt nach einem Konzert mit dem Auto nach Hause.

Was ich mache, ist Hochleistungssport. Das hat eine natürliche Grenze. Wenn ich merke, dass ich langsamer werde, dann werde ich aufhören.

Den Interviewtermin haben wir mit seiner Mutter ausgemacht, Martins Vater steht nach wie vor neben seinem Sohn regelmäßig auf der Konzertbühne (als Lehrer kann er ihm schon lange nichts mehr beibringen) und Martins Schwester ist als Berufsgeigerin auch manchmal von der Partie. Ohne Familie geht gar nichts. Seit sechs Jahren ist Martin Grubinger selbst Vater von einem Buben. „Große Tourneen sind lange im Voraus geplant. Unser Baby war es nicht. Also war ich am Anfang nicht viel zu Hause, weil ich diese Tour nicht mehr absagen konnte,“ erzählt Martin. Wir lernen seine Frau kennen, kurz bevor wir zurück nach Wien fahren. Sie ist eine Musikerin. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester haben die beiden Pianistinnen über viele Jahre gemeinsam in großen Konzertsälen gespielt. Ferzan Önder ist in der Türkei aufgewachsen und hat dann lange in Wien gelebt. „Meine Frau und ich haben ganz andere Pläne, was unseren Musikerberuf betrifft. Sie weiß, dass sie bis ins hohe Alter Musik machen und auf der Bühne stehen wird. Ich werde aufhören, wenn ich 40 bin,“ erzählt Martin Grubinger.

Wenn man 34 ist, dann erscheinen sechs Jahre noch lange. Aber die werden flugs vorbei sein. Kann ein Vollblutmusiker wie Martin Grubinger, der in den letzten Jahren bisher unmögliches erreicht hat und das Schlagzeug als Soloinstrument in der E-Musik etabliert hat, kann so jemand mit 40 einfach abtreten? „Was ich mache, ist Hochleistungssport. Das hat eine natürliche Grenze. Wenn ich merke, dass ich langsamer werde, dann werde ich aufhören. Ich spiele Schlagzeug und Percussion seit ich ein kleiner Bub bin. Ich war mit 15 auf den großen internationalen Wettbewerben und seit ich 20 bin, arbeite ich als Profimusiker. Ich bin sehr viel unterwegs. Ich übe unglaublich viel. Das ist alles toll. Aber ich habe auch andere Interessen und ich habe eine Familie! Also glaube ich, dass es eine gute Entscheidung ist, mit 40 aufzuhören.“

Das letzte Konzert im Konzerthaus in Wien musste Martin absagen. Probleme mit der Schulter. Eine alte Verletzung vom Schifahren, die sich wieder gemeldet hat. Zu riskant, trotzdem ein Konzert zu spielen. Wer Martin Grubinger schon einmal auf der Bühne gesehen hat, dem ist das sofort klar. Er ist mit einer Geschwindigkeit und einer Virtuosität unterwegs, die einem den Atem verschlägt. Es scheint, als könne er dem Schlagwerk Melodien entlocken, einen Groove erzeugen und einen um den Verstand wirbeln, wenn er loslegt. Nicht umsonst tritt er in der Carnegie Hall in New York und im Musikverein in Wien auf, spielt dort als Solist mit den berühmtesten Orchestern der Welt und Zeitgenoss*innen reißen sich darum, für ihn zu komponieren.

Diese Superlativen sind keine Angeberei und kein Promotiongag. Martin Grubinger hat sich mit 20 hingestellt und etwas probiert: Bei seinen ersten Konzerten als Schlagzeugsolist waren nur wenige Besucher*innen da. Aber er war nicht nur selbst so überzeugt von seiner Musik, sondern konnte auch andere überzeugen – und er hat nicht aufgegeben. Neben seinem Talent ist da sein Mut, abseits gewohnter Wege etwas zu wagen und auszuprobieren. Und den Mund nicht zu halten, wenn es darum geht, eine menschenfreundliche, weltoffene Haltung zu vertreten.

Im FM4 Doppelzimmer am 26. Oktober 2017 von 13 bis 15 Uhr reden wir über konservatives Konzertpublikum, über Ehrgeiz, über Schmerzen und was passiert, wenn man ein sechsstündiges Marathonkonzert am Schlagzeug spielt.

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