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Person mit vielen Einkaufstaschen

dpa/Carsten Rehder

„Kaufen muss ich immer irgendwie“

Einkaufen ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in Österreich. Für manche wird Einkaufen aber zur problematischen Sucht. AK-Konsumforscherin Nina Tröger beantwortet im Interview die drängendsten Fragen zum Thema Kaufsucht

Von Veronika Weidinger

Menschen in Österreich gehen gern einkaufen. Jede/r Dritte sagt, Einkaufen ist ein Hobby und Shopping ist die fünft-beliebteste Freizeitbeschäftigung der ÖsterreicherInnen. Für manche aber wird Einkaufen zur Sucht, in Österreich ist jede/r 4. Kaufsucht-gefährdet, heißt es in einer aktuellen Studie der Arbeiterkammer Wien . Betroffen sind vor allem junge Menschen, Frauen und Personen, die einen Pflichtschulabschluss haben.

Hilfe und Unterstützung bei Kaufsucht:

Das Anton Proksch Institut in Wien bietet Therapien für Menschen mit Kaufsucht an.

Kaufsucht oder Kaufzwang wird als Störungsbild Anfang des 20. Jahrhunderts vom deutschen Psychiater Emil Kraepelin beschrieben, von ihm stammt der fachsprachliche Ausdruck Oniomanie.

Die AK-Konsumforscherin Nina Tröger hat an dieser Studie mitgewirkt.

Veronika Weidinger: Nina Tröger, sie haben sich für die Arbeiterkammer auch problematisches Kaufverhalten angesehen. Wann wird Kaufen zur Sucht?

Nina Tröger: Kaufsucht ist keine anerkannte Sucht, dennoch hat man einen Zwang, ständig was zu kaufen. Es geht dann gar nicht darum, die Dinge zu besitzen oder zu nutzen, sondern wirklich um den Kaufvorgang an sich, darum, ständig was Neues kaufen zu müssen. Oft kaufen die Betroffenen sogar ständig die gleichen Sachen und haben dann etwa 5 Mixer zu Hause.

Bei Kaufsucht geht es eigentlich um ein individuelles Verhalten, eine Art Impulskontrollstörung, dass ich diesen Kaufvorgang nicht mehr beherrschen kann und nicht mehr weiß, wann es jetzt genug ist.

Ich muss ständig was Neues haben, die Frequenz erhöht sich. Ich hab das dann vor Ort nicht mehr unter Kontrolle und kann nicht mehr entscheiden, ob ich eine Sache überhaupt brauche. Daran erkennt man dann die Sucht, dass man diesen Punkt nicht mehr erkennt.

Nina Tröger

Radio FM4 / Simon Welebil

Konsumforscherin Nina Tröger zeichnet bei der Arbeiterkammer für die Kaufsucht-Studie verantwortlich, 2015 hat sie eine Studie zu Nutzungsdauer von Produkten veröffentlicht.

Sie schreiben in der Studie, dass in Österreich jede/r 4. Kaufsucht-gefährdet ist, gleichzeitig schreiben sie in ihrer Studie, dass Kaufsucht nicht verpönt ist – im Vergleich zu Alkohol und Drogenkonsum – welche Rolle spielt Kaufen in der Gesellschaft?

Kaufen oder auch Kaufsucht ist in dem Sinn auch dann kein individuelles Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches Phänomen oder Problem.
Jeder muss kaufen. Kann man nicht mehr einkaufen kann man seinen Alltag nicht mehr bewältigen. Und das ist auch bei der Suchtbewältigung das Schwierige. Drogen- oder Glücksspielsucht kann mit Abstinenz begegnen. Aber beim Kaufen geht das nicht, Kaufen muss ich immer irgendwie. Und deswegen ist es schwierig, das unter Kontrolle zu bringen und ist stark mit sozialer Scham behaftet.

Gleichzeitig ist Kaufen auch etwas sozial total Erwünschtes, auch wirtschaftlich erwünscht. Kaufen wird in Zeiten der Krise - etwa in der Finanzkrise - immer wieder als eine Art Bürgerpflicht gesehen. Da heißt es dann, um die Wirtschaft anzukurbeln, die Arbeitsplätze zu sichern, ist es wichtig, dass die Leute kaufen, beziehungsweise konsumieren.

Anregungen, damit der Einkauf nicht außer Kontrolle gerät

  • Muss man wirklich 24/7 Einkaufen? Am besten die Online-Shopping Gewohnheiten hinterfragen
  • Barzahlung! Macht bewusster als Kartenzahlung, wieviel Geld Du ausgibst und hilft, den Überblick zu behalten
  • Setz dir einen finanziellen Rahmen! Leg vorher fest, wieviel Du ausgeben möchtest!
  • Einkaufszettel! Überleg Dir vorher, was Du einkaufen möchtest!

Wir sind täglich teilweise, vor allem online, mit bis zu 10.000 Werbebotschaften konfrontiert, eine unglaubliche Angebotsvielfalt.

Die Angebotsvielfalt ist massiv hoch und hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark entwickelt. Wenn man von der Nachkriegszeit ausgeht, den 50er-Jahren, wo das gesellschaftliche Ziel auch war, einen gewissen Lebensstandard, einen gewissen materiellen Wohlstand aufzubauen, ist es stetig nach oben gegangen.
Das politisch und gesellschaftliche Ziel war damals, dass sich Personen einen Kühlschrank leisten, einmal auf Urlaub fahren oder ein Auto besitzen können.
Aus diesen drei Dingen der 1960er und 1970er sind aber immer mehr geworden.
Das Angebot hat sich vergrößert, die Unternehmen wollen immer schneller immer mehr verkaufen, um einen Mehrwert zu erwirtschaften. So verkürzt sich die Zeit des Angebot oder der neuen Innovationen immer schneller.

Für die Arbeiterkammer haben sie auch eine Studie zur Nutzungsdauer gemacht, und da war eine Überschrift: ein T-Shirt wird länger benutzt als Smartphone, können Sie das erklären.

Wir haben die Nutzungsdauer der Handys untersucht. Ein Handy wird im Schnitt 2,7 Jahre genutzt. Wenn man es nur auf das Smartphone bezieht, dann wird das noch kürzer genutzt, nämlich nur 1,8 Jahre. Und hier sieht man den Zusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage.

Die Innovationszyklen verkürzen sich immer stärker, es kommt immer öfter ein neues Handy auf den Markt, das vermeintlich etwas Besseres kann, das schneller ist, das größer ist, das bessere Fotos schießen kann etc. Damit wird suggeriert, dass man das jetzt vielleicht brauche.

Und hier schließt sich der Kreis zum Sozialen. Gerade für junge Menschen ist es oft wichtig, auch sozial akzeptiert zu werden, das neueste Produkt zu haben. Besitz macht auch oft einen Teil der Identität aus. Hier spielen also viele soziale Faktoren herein, warum man das neueste Produkt besitzen möchte. In dem Bereicht wirkt auch die Werbung.

Nichts kaufen und über das eigene Kaufverhalten nachzudenken, das ist der Hintergedanke vom Buy Nothing Day bzw. vom Kauf Nix Tag. Was halten Sie als Konsumforscherin von diesen Initiativen?

Prinzipiell find ich das ganz spannend, sich einmal sein Kaufverhalten bewusst zu machen oder sich zurückzuhalten. Im Sinne des persönlichen Reflektierens find ich das eine nette Idee, aber man muss das halt politische mehr ausbauen, mehr Initiativen setzen.

Wenn es um nachhaltigen und ressourcenschonenden Konsum geht, ist die Frage, für wen das machbar und leistbar ist?

Der nachhaltigste und ressourcenschonenste Konsum wäre der, nichts zu kaufen. Das wäre eigentlich theoretisch für alle leistbar. Andererseits muss man hier schon auch unterscheiden: Die, die es sich leisten können, zu konsumieren, können auch bewusst verzichten. Sie gehen von einem höheren Standard aus, und da ist es auch mal leichter zu sagen, ich fahre jetzt - plakativ gesagt – nur einmal statt dreimal im Jahr auf Urlaub. Das ist eine ganz andere Ebene als bei Personen, die tagtäglich jeden Euro dreimal umdrehen müssen, um über die Runden zu kommen.

Umgekehrt, wenn man sich die objektiven Auswirkungen ansieht, dann leben gerade Personen, die wenig Ressourcen zur Verfügung haben und eigentlich gar nicht so umweltbewusst und nachhaltig leben, Ressourcen-schonender. Einfach deshalb, weil sie sich einfach gewisse Dinge nicht leisten können.

Da spielt die Mobilität eine große Rolle. Die können sich nicht leisten, so oft auf Urlaub zu fahren, leben oft in kleinen Wohnungen... Das ist einfach ressourcenschonender als Personen, die zwar sagen, sie leben sehr umweltbewusst, kaufen bio und fairtrade ein, aber fliegen 3x im Jahr auf Urlaub und wohnen in einem großen Haus. Also hier haben wir eine sehr ambivalente Komponente: Personen, denen bewusster Konsum weniger wichtig ist, leben hier nachhaltiger als die anderen.

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