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Gurr

Gurr / Marco Leitermann

Einbruch, Ausbruch, Aufbruch

Gib nicht auf: „Keine Bewegung 2“ - die fantastische Compilation des Berliner Labels staatsakt.

Von Philipp L’heritier

Taumelnd mit dem Kopf gegen die Wand und dabei doch nach wie vor den dringenden Wunschen in jeder Faser des Körpers, noch so etwas wie „Fun“ fühlen zu dürfen.

Das Label staatsakt.

Christian Lehner hat eine der ambitioniertesten Indie-Plattenfirmen Deutschlands in Berlin besucht

Das System einreißen oder immerhin anschreien – dabei selbstverständlich auch die privaten Mimöschen pflegen. Punk – wie geht das? Das Berliner Label staatsakt. weiß es, auch wenn es sich diesen Slogan nicht großspurig auf die Fahnen schreibt.

Politische Popmusik, die in ihrer Kaputtheit so majestätisch daherkommt, wie kaum sonst etwas. Musik, aus der die Frustration spricht, die Enttäuschung über die nicht eingelösten Versprechen, manchmal auch die kleine Resignation, dann wieder der Stromschlag und die Raserei.

Punkt heißt halt eben nicht bloß, dass man da bunte Haare hat und drei Akkorde aus der E-Gitarre kratzt. Punk heißt: Haltung. Und auch: Humor.

Gemeinsam mit der Hamburger Veranstaltungsreihe/dem subkulturellen Verbund Euphorie hat staatsakt. 2014 die Compilation „Keine Bewegung“ veröffentlicht: eine Ansammlung kaum bekannter, fertiger, glühend herrlicher Musik, Hits und Hits, unter denen das Stück „Pisse“ des Hamburger Duos Schnipo Schranke zum unerwarteten Evergreen werden sollte.

Mehr Explosion

Gerade ist mit „Keine Bewegung 2“ ein noch größeres Potpourri des Wahnsinns erschienen. Die Compilation versammelt 22 Stücke von FreundInnen, Wegbegleitern und Verbandelten des Labels. Vieles hier ist „exklusiv“: Das will heißen, man hat es bisher nicht veröffentlicht, weil es in der untersten Schublade verstaubt ist.

Albumcover - "keine bewegung 2" von Staatsakt

staatsakt

„Keine Bewegung 2“ ist bei staatsakt. erschienen.

Es ist hier also auch sicher viel Übriggebliebenes, Ausschuss, schon mal Benutztes und Rest mit dabei – das macht nichts und wird dem Geist dieser Compilation nur gerecht. Wir müssen schauen, wo wir bleiben. Es geht auf dieser mit windschiefen Krachern geladenen Platte (als superschickes Spezial-Vinyl zu haben) auch um Selbstausbeutung.

Im Labelprogramm von staatsakt. gehören Acts wie Christiane Rösinger, Ja, Panik, Andreas Dorau oder Die Türen (die Band von Label-Betreiber Maurice Summen) zu den bekannteren, auf „Keine Bewegung 2“ tummeln sich zwischen größeren Namen wie Der Ringer, Drangsal und wieder Schnipo Schranke Obskures und Geheimwissen.

In musikalischer Hinsicht ist da ohnehin alles möglich, da atmet der faulige Geist des britischen Postpunk der späten 70er und frühen 80er, als es um die Überwindung von Formen und Formaten gehen sollte. Postpunk – das heißt eben auch nicht bloß: Joy Division nachspielen.

Morgen ist besser

Die Gruppe Lampe, die noch kein Mensch kennt, beispielsweise widmet sich süßlichem Jinglejangle-Pop, mit akustischer Gitarre, mit schrottiger Drum-Machine, mit bitterem Thema im Text: der Selbstoptimierung.

Oder eben immerhin der Vorstellung, dass sie irgendwann mal sein sollte. „Morgen fang ich an“, heißt das Lied. Gesünderes Leben, Alltag, alles auf die Reihe kriegen – es haut dann doch nie hin.

Und so ist „Keine Bewegung 2“ also zwar ein zusammengewürfeltes Sammelsurium an Stücken – dennoch eint viele Lieder ein Sentiment: Dies ist eine Platte, die vom Mangel und Mangelerscheinungen kündet, vom Prekariat, vom gescheiterten Lebensentwurf als irgendwie geartete Künstlerinnenexistenz oder vielleicht Medienmensch, ja, von der Armut.

Dieser Platte wohnt der Kampf inne, auch wenn er oft nur im Kleinen tobt, man macht halt und tut und hat Ideen und bohrt weiter. Die Platte erzählt von der Rebellion und vom Eskapsimus und vom Widerstand.

Weiter, weiter

Im Stück „Pfandflasche“ von Hall&Rauch etwa vergleicht sich der Erzähler mit dem titelspendenden Symbol für den letzten Groschen und die Stehengelassenen. Odd Couple nennen ihren Song gleich „Haste Strom, haste Licht“.

Der gut zerfickte Garagenpunktrack „B-Feld“ von Trucks buchstabiert das Wort dann auch gleich aus: Zukunftsängste. Im Refrain heißt es dann: „Das Placebo wirkt nicht – bis zum Ende.“ Selbsttäuschung und Selbstbeschwichtigung, irgendwann geht es nicht mehr.

Deswegen besingen die gut betitelten The Düsseldorf Düsterboys die Flucht nach „Teneriffa“, sie tun das in Form eines utopistischen Freddy-Quinn-Seemannsliedchens.

Am Deutlichsten sind Isolation Berlin. Sie übersetzen Pulps „Common People“ in „Gewöhnliche Leute“, und nur selten war es klarer zu verstehen, dass es bloß die Rich Kids witzig finden, sich mit dem Schick der Armut zu schmücken. Es ist Realität.

staatsakt.-Special in der FM4 Homebase

Am Mittowch 6.12.2017 widmet sich die FM4 Homebase (19-22) eine Stunde lang dem Label staatsakt. Mit Musik von Christiane Rösinger, Klez.e, Ja,Panik, Maurice und die Familie Summen, Isolation Berlin und vielen mehr.

Dazwischen, davor, danach: Sonic-Youth-Noise-Angst der Münchner Band Friends of Gas, rasanter Twee-Psychobilly vom Berliner Duo Gurr und melancholisch-verschleppter 90er-Indie der in Hamburg ansässigen Songwriterin Ilgen-Nur. Wolfang Möstl ist mit Mile Me Deaf und dem Stück „Blowout“ auch mit dabei.

Bei allem Sack und bei aller Asche, bei aller Entbehrung und der Pein lebt auf „Keine Bewegung 2“ aber immer auch die Hoffnung. Gleich zu Beginn der Platte steht ein Stück von Das Paradies: „Goldene Zukunft“. Wir wollen sie sehen. Never Surrender. Keine Bewegung, ein Wunsch, ein Gefühl, ein Brennen.

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