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Proteste gegen die Ermordung von Jan Kuciak

Elevate

Über Risiken und Nebenwirkungen

Was es für einen selbst bedeuten kann, wenn man sich einer Sache verschrieben hat, erzählen Persönlichkeiten wie die Fotografin und Filmemacherin Kate Brooks am Elevate Festival.

Von Maria Motter

Was ist der schönste Ort, an dem du jemals gewesen bist? „Einer der schönen Plätze auf dem Planeten war Palmyra in Syrien“, antwortet Kate Brooks im FM4-Interview im Grazer Forum Stadtpark. Die gebürtige US-Amerikanerin hat als Kriegsfotografin in einem Dutzend Ländern Vorgehen an Frontlinien dokumentiert. Jetzt ist sie für Vorführungen ihres ersten investigativen und beeindruckenden Dokumentarfilms „The Last Animals“ in europäischen Städten und spricht am Elevate.

Das Grazer Festival für elektronische Musik und politischen Diskurs veranstaltet tagsüber bis in den Abend Gespräche und Podiumsdiskussionen mit an die fünfzig geladenen Gästen. Dieses Jahr sind es neben Menschenrechts- und Umweltaktivistinnen vor allem JournalistInnen und mit dem morgigen Sonntagabend WhistleblowerInnen, also Personen, die Informationen aus Institutionen öffentlich gemacht haben, von denen die Allgemeinheit ursprünglich nicht in Kenntnis gesetzt werden sollte.

Das Festivalleitmotiv „Risk / Courage“ führt zu persönlichen Erlebnissen. Freitag Abend thematisierte eine Runde JournalistInnen am Podium, welchen Umständen sie trotzen müssen, um weiter zu arbeiten. Es wäre weit gefährlicher, über private Unternehmen zu recherchieren als zum Staat, hält die deutsche Publizistin Gaby Weber fest. Hätte sie Kinder, würde sie nicht tun, was sie tut, sagt die in Argentinien lebende Deutsche, zugeschaltet via Live-Stream. Kate Brooks und Sarah Harrison nicken. Am vergangenen Wochenende sind in der Slowakei der Journalist Jan Kuciak und dessen Lebensgefährtin ermordet worden, im Oktober wurde die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe ermordet. Dadurch hat die Überschrift der Diskussion, „Fearless journalism“, eine erschütternde Aktualität - auch in Europa.

Proteste gegen die Ermordung von Jan Kuciak

APA/AFP/ALEX HALADA

Proteste gegen die Ermodung des Journalisten Jan Kuciak in der Slowakei

Das beste Mittel gegen Angriffe wäre, alles online zu stellen: die komplette Recherche, soweit möglich auch sämtliche Namen der Quellen, so Weber. Von öffentlichen Rundfunkanstalten ist sie enttäuscht, manche Geschichte konnte sie nicht platzieren. Dennoch stimmt sie nicht zu, als sich jemand im Publikum für Crowd finanzierte Plattformen und Blog ausspricht. Es bräuche etwas zwischen diesen beiden Modellen. Die Datenjournalistin Julia Herrnböck hebt hervor, dass Klagen für freie JournalistInnen existenzbedrohend werden können. 50000 Euro für Verfahrenskosten hätte nicht jeder jederzeit verfügbar. Und sie verweist auf eine Untersuchung, die Österreich als das letzte Land listet, wenn es um Informationsfreiheit geht. Was sei das beste Mittel, um fundierten Journalismus zu unterstützen, ist eine Frage, die Sarah Harrison, Journalistin und Vertraute von Julian Assange, als Moderatorin am Elevate stellt. „Für Journalismus zu zahlen“, antwortet Julia Herrnböck.

Kontroversen gibt es keine. Die Diskursgäste und Vortragenden sind sich überwiegend einig oder auch schlicht höflich. Die Sehnsucht nach Harmonie bei Diskussionsveranstaltung zeigt sich am Elevate wie bei vielen anderen Veranstaltungen. Die internationalen Gäste führen in ihren Berichten an viele Schauplätze, als der Journalist und FM4-Kollege Erich Möchel bei der Runde zu „Wikileaks, Trump, Medien, Politik und Widerstand“ anmerkt, man müsse nicht in die USA schauen, um das gegenwärtige politische Geschehen zu betrachten, wird wenige Sekunden darauf auf den Screens im Forum Stadtpark das Bild von Innenminister Herbert Kickl auf einem Pferd eingeblendet. Viele im Publikum lachen.

Auch am Vortag, bei der knapp zweistündigen Informations- und Diskussionsveranstaltung zur Datenschutz-Grundverordnung Donnerstagabend im Kunsthaus ist das Foto des reitenden Innenministers angesprochen worden - von zwei der drei JuristInnen am Podium. „Das war eines der schönsten Bilder der österreichischen Innenpolitik. Kickl hat noch nie so glücklich ausgeschaut wie auf diesem Pferd“, sagt der Datenschutzaktivist Max Schrems, zugeschaltet im Live-Stream. „Aber haben Sie sich das Pferd angeschaut?“, antwortet Andrea Jelinek. Sie leitet die österreichische Datenschutzbehörde. Gemeinsam mit Ralf Sauer von der Europäischen Kommission wird die neue Verordnung erläutert, die am 25. Mai 2018 europaweit verbindlich wird.

Datenschutz geht unter die Haut

Der personenbezogene Datenschutz wird damit in der EU einheitlich und klagbar, durch die neue Verordnung bekommen die nationalen Datenschutzbehörden mehr Gewicht, erklärt Sauer. Sieben Jahre hat das Verfahren gedauert, bis alle dem Entwurf des Gesetzestextes zustimmten. Fühlt man sich in seinem Grundrecht Datenschutz verletzt, kann man sich an die Datenschutzbehörde wenden. Das ist bereits jetzt der Fall. Die Datenschutz-Grundverordnung ist komplex, Jelinek und ihr Team haben einen Leitfaden für NichtjuristInnen erstellt.

Wie sehr Datenschutz unter die Haut gehen kann, macht eine Frage aus dem Publikum deutlich: Ob Implantatträgerinnen und -träger gehackt werden dürfen in Österreich, will eine Frau wissen. Nein, wenn man Hacken im negativen Sinn und im Sinne vom Eindringen in das Computersystem meine, antwortet Max Schrems. „Da sind Sie schon im Strafrecht böse dabei.“ Inwieweit dann noch der persönliche Datenschutz angegriffen wäre, wäre das nächste Thema.

Im neuen Format „Closeup - Storytelling“ ist Platz für tiefergehende Erzählungen. So sprechen der Tierrechtsaktivist Martin Balluch und die Ökologin Romana Ull, die sich seit Jahren für den Fluss Mur einsetzt, sehr persönlich über ihre Erfahrungen mit Behörden. Wie sich das anfühlt, wenn man Vorkehrungen trifft, um den Besitz eines Hauses sicherzustellen und nicht darum fürchten zu müssen, davon spricht Ull und Balluch erinnert sich mit ruhiger Stimmlage vor dem Tierschützerprozess: „Wir haben gerade begonnen, die Kampagne für Tierschutz in der Verfassung machen. Das ist uns versprochen worden, das wollten wir wieder einmahnen. Am 25. Mai hätte die Kampagne beginnen sollen. Um fünf Uhr in der Früh haben sie mir plötzlich die Türe eingeschlagen. Ich bin zwar aufgewacht, dann stürmen diese Leute in mein Schlafzimmer, zerren mich aus dem Bett und stellen mich nackt an die Wand.“

Als die Baby-Nashörner quietschten

Dass sich Geschichten über Gewalt an Tieren nicht leicht verkaufen und damit finanzieren lassen, weiß Kate Brooks. Die Honore für Fotoreportagen sind insgesamt geringer geworden. Magazine, die einst Rechercheaufenthalte über einen Monat finanzierten, wollen heute nur noch für eine Woche zahlen und im Endeffekt würde von drei, vier Tagen gesprochen. Zudem sind die ReporterInnen mit Verträgen konfrontiert, die ihnen keinerlei Versicherung gewähren.

Wie Kate Brooks am Podium davon erzählt, wie sie erschüttert war, wie sie die Leichen von Waisenkindern und dann weitere, lebende Waisenkinder sah, die für die Toten Erdlöcher graben mussten, ahnt man, wovon die 39-Jährige Zeugin wurde. Nach einem Reportageauftrag in Afghanistan, wo sie mehrfach Amputierte porträtierte, reist sie nach Kenia. Es war ein Punkt, an dem sie ihre Zeugenschaft von Kriegsgeschehen sehr mitgenommen hatte. Wie Menschen mitten im Krieg leben, war im Fokus ihrer Aufmerksamkeit. „Ich habe durch Ferngläser geschaut und eine Elefantenherde ist vorbei spaziert.“

Kate Brooks

Elevate Festival

Eigentlich wollte sie sich auf die Spuren der letzten Nashörner machen und dabei hat sie aufgedeckt, wie der Handel mit Elfenbein Terrorismus zum Beispiel der Lord’s Resistance Army unterstützt. „Das größte Risiko, das ich als Filmemacherin unternommen habe, war, mit geheimer Kamera im Haus eines Nashorn-Dealers in Vietnam zu filmen. Und wir sind mehrmals in den Nationalpark Garamba in der Demokratischen Republik Kongo gereist, wo es mehr Rebellen gibt als Giraffen und das Militär mit Rangern den Park patrouilliert, weil die Situation so schlimm ist.“

Das Nördliche Breitmaulnashorn ist 2016 ausgestorben. Als der letzte Bulle starb, sind nur drei Kühe übrig geblieben. Vom Südlichen Breitmaulnashorn leben noch einige Tausend Tiere. Breitmaulnashörner sind die drittgrößten Landsäugetiere der Erde, nur Afrikanische und Asiatische Elefanten sind größer.

In China und in Hongkong haben Behörden in den vergangenen Monaten den Handels mit Elfenbein verboten, die USA hat einen Erlass, der nahezu einem Verbot gleichkommt. „Jetzt warten wir darauf, dass die EU nachzieht.“

Die Anstrengungen, die unternommen werden, um die akut vom Aussterben bedrohten Tierarten zu retten, erachtet Brooks für legitim. „The Last Animals“ ist Brooks erste Doku als Regisseurin. Aktuell übernimmt sie die Produktion einer Dokumentation über Jaguar-Handel. Gehandelt wird mit Fell, Zähne, vielen anderen Körperteilen der Großkatzen. Ob Kate Brooks wieder Aufträge an Frontlinien annehmen wird, weiß sie noch nicht.

Wie sind Nashörner so, wenn man ihnen nahe kommt? „Ich hab’ mich komplett in die Nashörner verliebt, wie ich einen Tag mit Baby-Nashörnern verbracht habe. Sie quietschen und diese Geräusche machen jedes Herz ganz weich. Jeder, der die Last Animals sieht, verliebt sich in die Nashörner, wenn sie die Kleinen in Aktion sehen!“

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