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Sticker "Brexit Is Over - If You Want It"

Robert Rotifer

ROBERT ROTIFER

...if you want it

Gestern marschierten in London Hunderttausende für ein zweites Referendum und gegen den Mythos des Volkswillens zum Brexit.

Von Robert Rotifer

Was seit meinem einige Zeit zurückliegenden letzten Blog über Brexit alles an angeblich entscheidenden Unterhaus-Abstimmungen verloren wurde, geht auf keine agrargeförderte europäische Kuhhaut mehr, und natürlich ist mir auch bewusst, dass ihr fürwahr gerade andere Sorgen habt als die spinnerten Briten.

Doch dann kommt wieder ein Tag wie gestern, und du gehst ohne allzu große Erwartungen zum People’s Vote March, einer Demonstration für eine Volksabstimmung über das Ergebnis der Verhandlungen der britischen Regierung in ihren Brexit-Verhandlungen mit der EU – de facto ein zweites Referendum, auf das – so hat man uns immer wieder erzählt – die Brit_innen einfach keinen Appetit hätten...

Massen auf der Pall Mall

Robert Rotifer

Aber du marschierst nicht wirklich, sondern stehst stundenlang im prallen Londoner Sonnenschein auf der Pall Mall (die Straße, nach der sie die Zigaretten benannt haben, nicht umgekehrt) vor dem Haus, in dem der Royal Automobile Club seinen legendären Swimming Pool in einer enormen Säulenhalle vor den stinkenden Massen versteckt. Es ist heiß, und du denkst, ein bisschen Säulenhallen-Swimming-Pool wär jetzt keine schlechte Idee (wenn du nur ein Royal Automobile Club-Mitglied wärst...), aber du bist umringt von Europa-Fahnen und selbstgebastelten Plakaten und Transparenten, auf einem davon steht „We’ve had a brimful of Brexit (on the 45)“, und der Mann, der es hält, ist Tjinder von Cornershop, und sein weißer Bart macht dir bewusst, was für eine unschuldige Zeit das war, als man vor 21 Jahren überall „Brimful of Asha“ hören konnte, und es fast so aussah, als könnte man mit ein bisschen Multi-Kulti-Positivismus dem öden ollen Rassismus den letzten Stubs in die Senkgrube der Nimmerwiederkehr verpassen.

Tjinder Singh von Cornershop mit einem Plakat: "We've had a brimful of Brexit"

Robert Rotifer

Aber jetzt ist 2018, die Zeiten sind finsterer als damals denkbar schien, und Tjinder ist nicht zuletzt wegen seiner französischen Frau Marie sehr involviert im Kampf gegen den Brexit und den Geist dahinter. Die hat sich zwar schon längst eine Doppelstaatsbürgerschaft verschafft (Britannien und Frankreich sind da nicht so wie Österreich), aber hier geht es nicht nur um Papiere oder um Zölle, Exporte, Importe und Worte dieser Sorte. Das auch, aber bei weitem nicht nur.

Auf der Pall Mall bewegt sich nichts, und gottseidank hat P, der eigentlich in der Arbeit sein sollte und deshalb von seinem Chef mit zornigen SMS bombardiert wird, frische Kirschen mit, irgendwo in Kent von Osteuropäer_innen gepflückt (obwohl heuer schon einiges von der Ernte verfault, weil dank des gefallenen Pfundkurses viele nicht mehr den weiten Weg zur Ernte auf sich nehmen).

Da geht also nichts weiter, und du denkst, entweder ist da weiter vorn was blockiert, oder wir sind einfach zu viele für diese an anderen Tagen doch so breit wirkende Straße, also nimmst du den Schummelweg hintenherum an der Horse Guard’s Parade vorbei, während die Massen sich am Trafalgar Square vorbei und über die von Regierungsgebäuden gespickte Whitehall runter bis zum Parliament Square wälzen, und es stellt sich heraus, Zweiteres war der Fall. Wir sind tatsächlich so viele, dass sie am Ende des Tages nicht wissen werden, ob wir 100.000 oder 500.000 waren (die Wahrheit liegt meist in der Mitte).

Die Menge vor dem Parliament Square

Robert Rotifer

Und du denkst an deine soziale Medienblase und den endlosen Frust der letzten Wochen, in denen du mitverfolgen musstest, wie sich die britische Linke, von (erwartungsgemäß) Paul Mason und Owen Jones über (enttäuschenderweise) Billy Bragg, eine Guardian-Journalistin wie Dawn Foster und Schwadronen aufgeregter Twitterant_innen tapfer synchron mit der Rechten auf den angeblich elitären Widerstand gegen den Brexit eingeschossen hat. Also auf all jene von den Sehnsüchten des Volkes (zu dem du als Ausländer scheinbar nicht zählst) abgehobenen Kosmopolit_innen, die die Todsünde begangen haben, eine temporäre Verbündung mit konservativen Brexit-Gegner_innen für möglich zu halten und die Weisheit des großen Jeremy Corbyn in Zweifel zu stellen, der stattdessen lieber der Regierung ihren ruinösen Willen lässt.

Demonstrant hat ein Plakat mit einem Bild von Jeremy Corbyn "But what did you do to stop the destructive Brexit?"

Robert Rotifer

Du denkst an das von diesen Leuten endlos evozierte Feindbild des „Centrist Dad“, der ein „FBPE“ (follow back pro-Europe) in seinen Twitter-Handle einbaut. Denn obwohl du das selbst nicht tust, weil damit jede Kommunikation automatisch in toxisches Lagerdenken gezerrt wird, hast du dich dabei selbst angegriffen gefühlt. Du bist nämlich sehr wohl tatsächlich ein Dad und dadurch sehr wohl anders involviert, als wenn du keiner wärst (dann könntest du nämlich einfach abhauen aus diesem Land, das dich offenbar nicht will, in dem aber deine Kinder zuhause sind), doch diese Zwickmühle macht dich noch lange nicht zum Zentristen. Schließlich haben sich gerade diese Zentrist_innen wie etwa die Labour-Abgeordnete Caroline Flint oder der Ex-Libdem-Chef Nick Clegg in der Zwischenzeit selbst dem Mythos angeschlossen, dass die der gesunden Volksmeinung zuwiderlaufende Bewegungsfreiheit der Menschen der höheren Mission der Bewahrung der Bewegungsfreiheit des Kapitals geopfert werden muss.

Plakat "New Tories New Danger", Jacob Rees-Mogg mit Dämonen-Augen, in Anspielung auf das alte konservative Poster "New Labour, New Danger"

Robert Rotifer

Du siehst dich also um und stellst fest, du bist hier keineswegs unter Dads, sondern unter Menschen aller Geschlechter, queer oder straight, jung oder alt, und spürst diesen immer wieder von neuem überwältigenden Kick einer Großdemonstration. Körperlich zu spüren, dass du keineswegs so allein bist, wie man dich glauben machen wollte.

Frau trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Brexshit is Brexshit"

Robert Rotifer

Mann trängt ein T-Shirt von Katharine Hamnett mit der Aufschrift "Cancel Brexit"

Robert Rotifer

Jugendlicher hält Plakat "I'm 16 and I want my future back"

Robert Rotifer

Du hörst die Rede einer Caroline Lucas, Ko-Chefin und einzige Parlamentsabgeordnete der britischen Grünen (aus dem Wahlkreis Brighton & Hove), die genau jene Sachen sagt, die du gern von Jeremy Corbyn gehört hättest. Darüber, wie sich abzeichnet, dass der rabiate Isolationismus in seiner Konsequenz gerade die Ärmsten als erste und am Härtesten treffen wird. „We don’t want your vision of a mean Little Britain“, sagt sie in Richtung Regierung.

An dir geht ein Mann vorbei mit einem T-Shirt, darauf steht „John & Paul & George“ und dann statt Ringo „Fuck Brexit“. Und du denkst daran, wie du früher immer Ringo verteidigt hast, schließlich ist er tatsächlich ein sehr guter Schlagzeuger, und er war - was immer John an Gegenteiligem gesagt haben mag - der Beste für die Beatles. Aber seine Stimme für den Brexit aus dem fernen Los Angeles, diese pure Verhöhnung jener Brit_innen in Europa, die wegen ihrer zu langen Abwesenheit beim Referendum nicht mitstimmen durften und jetzt den Scheiß auszubaden haben, die tut heute nichts zum Gegenbeweis der Theorie, dass er leider auch der Dümmste unter den Beatles war.

Mann mit T-Shirt "John & Paul & George & Fuck Brexit

Robert Rotifer

Auf der Bühne steht nun Tony Robinson, der einst in „Black Adder“ die Rolle des die Wahrheit sprechenden Einfaltspinsels spielte, und hält eine Brandrede, die die Menge dazu bringt, in Abwandlung des in Glastonbury letztes Jahr skandierten „Seven Nations Army“-Chors „Oh, Jeremy Corbyn!“ lauthals „Where’s Jeremy Corbyn?“ zu singen. Robinson ist nicht bloß ein Schauspieler, sondern seit Jahrzehnten loyaler Unterstützer der Labour-Linken, und ausgerechnet er spricht von Hunderttausenden jungen Menschen, deren Idealismus von Corbyn „betrogen“ worden sei. Und die Hunderttausenden auf dem Parliament Square applaudieren laut zurück.

Mann hält Schild: "Brexit - I'm sick of holding this sign"

Robert Rotifer

Später werden noch der furchtlose Labour-Abgeordnete David Lammy und seine unerschrocken Brexit-feindliche konservative Kollegin Anna Soubry sprechen, aber da bist du leider schon im Pub hinter der Westminster Abbey, weil du und deine Freund_innen das stundenlange Stehen dann doch nicht mehr ausgehalten haben. Auf den Bildschirmen links und rechts laufen jeweils Sky News und BBC News, die Hubschrauber-Bilder der zahllosen Demonstrierenden zeigen. Das erstaunt dich, schließlich hat gerade die BBC doch bisher Anti-Brexit-Märsche weitgehend ignoriert. Aber diesmal waren’s einfach zu viele zum Ignorieren, und du weißt, ab diesem Tag wird es den Brexit-Prediger_innen um einiges schwerer fallen, sich auf den Volkswillen von vor zwei Jahren zu berufen.

Hinter der Bar lehnt ein Bild von Jeremy Corbyn, Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg als drei Affen mit der Aufschrift „Three Chimps Who Don’t Give A Monkeys“ („chimps“ = Schimpansen, „don’t give a monkey’s“ = „don’t give a shit“). Du führst Gespräche mit Leuten, die so wie du fühlen, dass unser Fenster zur Flucht aus dem Brexit nicht mehr lange offen sein wird. Dass es hier keine Zeit zu verlieren gibt, wenn in der Zwischenzeit auch die Mehrheit in der EU in Richtung des nationalistischen Rechtspopulismus kippt.

Schild mit Corbyn, Johnson und Rees-Mogg als drei Schimpansen drauf.

Robert Rotifer

Eine Frau vor dem Pub posiert für dich nach dem Vorbild des berühmten „We Can Do It“-Posters. „Brexit geht mir auf die Titten“, steht auf ihrem Plakat. Und „Women against Brexit“ (und „37 Prozent sind keine Mehrheit“, das ist der Anteil an Leuten, die gemessen an der gesamten wahlberechtigten Bevölkerung für den Brexit gestimmt haben. Ein Argument, das bei mir ja nicht so reingeht, schließlich ist Schweigen bzw. Nichtwählen ja Zustimmung zu allem, was die Stimmen der anderen sagen).

Eine Frau trägt ein Plakat mit der Aufschrift "Brexit gets on my tits", posiert davon wie die Frau auf dem legendären "We Can Do It"-Plakat.

Robert Rotifer

Ein Mensch, den du gerade zum ersten Mal gesehen hast, klatscht dir einen Aufkleber auf die Brust: „Brexit is over – if you want it“, in der selben Schrift wie einst „War is over“ von John & Yoko. Den trägst du dann auch noch, als du an einem anderen Pub vorbeigehst, vor dem sich Anhänger_innen des rechtsradikalen Demagogen Tommy Robinson versammelt haben, von denen letzte Woche 15.000 hier in Whitehall im Namen ihres (völlig rechtens, aber halten wir uns mit damit jetzt nicht auf) eingebuchteten Führers/Märtyrers randaliert haben. Sie schauen dich an, aber niemand sagt was.

Sticker "Brexit Is Over - If You Want It"

Robert Rotifer

Auch im Zug nach Hause hast du den Sticker noch an der Jacke, aber selbst da, im angeblich so Brexit-besessenen Kent bist du heute umgeben von Leuten mit Europa-Fähnchen (die hier das genaue Gegenteil des Festungsgeists darstellen). Was immer in den nächsten Wochen passiert: Das war jetzt nicht umsonst.

Dann klappst du den Laptop auf, um das hier zu schreiben, und auf den Seiten mit dem blauen Rand spöttelt einer deiner „Freunde“, ein pensionierter Produzent, ob das alles sei, was die Remainers zu bieten hätten.

Und du klappst wieder zu.

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