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Cat Power 2018

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Cat Power spielt sich aus der Krise

Mit ihrem neuen Album „Wanderer“ hat sich die Singer-Songwriterin und Indie-Ikone Chan Marshall a.k.a. Cat Power aus einer langjährigen Krise gespielt. Eine Begegnung.

Von Christian Lehner

Ich war vorgewarnt. In den USA seien KollegInnen schon mal weinend aus dem Interview mit Chan Marshall gekommen. Der seit über 25 Jahren als Cat Power auftretenden Singer-Songwriterin eilt der Ruf einer unberechenbaren und fragilen Künstlerpersönlichkeit voraus. Zoff mit der Plattenfirma, Alkoholprobleme, erratische Konzerte, gecancelte Touren, Depressionen, diese Geschichten. Dabei zielten die Warnungen der Promo-Menschen in Berlin gar nicht auf mögliche Ausraster ab, sondern – im Gegenteil – auf eine Ergriffenheit, die die KollegInnen befallen und die Salzwasserschleusen geöffnet hätte.

Apropos. Bei der Begrüßung ergriff Marshall die Hand und fühlte meinen Puls. Aufgeregt sei ich, wo es doch gar keinen Grund dafür gebe, sagte sie. Klingt leicht übergriffig, war es auch, bloß es fühlte sich nicht so an. Chan Marshall schien tatsächlich an meinem Wohlbefinden interessiert. Ihre Miene spiegelte eine Mischung aus Güte und Besorgnis. Die Situation war seltsam. Und es wurde noch seltsamer.

Ein seltenes und seltsames Interview

Cat Power bat mich in den großen Interview-Raum und fragte, ob es mir etwas ausmache, wenn sie das Interview im Liegen absolvieren würde. Sie sei müde. Ich dachte an die bei Interview-Tagen oft quälende Routine, immer und immer wieder dieselben Fragen beantworten zu müssen. Sie verneinte. Es sei bloß so, dass sie das Reden über die Songs mit deren Inhalt konfrontieren würde. Sie könne sich davon nicht lösen. Es sei emotional erschöpfend und könne nie zur Routine werden. Man merkt schnell, dass die oft gestellte Frage nach der Deckungsgleichheit von Künstler und Werk bei Cat Power obsolet ist.

Also ließ sich Cat Power in die Ledercouch fallen. Sie streckte sich, gähnte kurz und sah mich freundlich an. Da ich nur ein Handmikrophon bei mir hatte, musste ich zu ihren Füßen Platz nehmen, um einen halbwegs guten Ton zu bekommen. Zu nahe und zu direkt, dachte ich und da prustete Cat Power los, weil auch sie die Situation wohl etwas peinlich, aber nicht unmöglich genug fand, um sie aufzulösen – in einer Zeit, da man bei Interviews vorsichtig fragt, ob man die Hotelzimmertür offen lassen soll, kommt es eigentlich gar nicht mehr zu einer solchen Nähe.

Was folgte war die Bestätigung des Rufes und man weiß dann nie so genau, wie sehr ein Mensch mit der Zeit in diese Rolle hineinwächst, die für ihn oder von ihm geschrieben wurde. Anekdoten wechselten mit heftigen Vorwürfen, mit Reflexionen auf das Leben, mit Lobpreisungen auf die unlängst verstorbene Soul-Queen Aretha Franklin, mit viel Lachen und tatsächlich dann auch mit der ein oder anderen Träne. Man ahnt, was man ohnehin weiß, nämlich dass einem das Leben nicht leicht gemacht wird, von anderen nicht und von sich selbst auch nicht und von einem Gott, den es möglicherweise gar nicht gibt, schon gar nicht.

Schicksalschläge einer Wandelnden

Was dem Menschen Chan Marshall und der Künstlerin Cat Power die vergangenen Jahre widerfahren ist, böte genug Stoff für ein großes Seelendrama in Moll, für eine expressiv emotionale Platte, die jeden erlittenen Schmerz bis in die Kapillaren, Hautschuppen und Nervenenden vertont, nur um sich davon in einem Bad der Emotionen zu befreien.

Cover Album "Wanderer" - Cat Power

Domino

Es gibt sie auch, diese Momente auf „Wanderer“, dem 10. Album von Cat Power. Etwa in dem Rihanna-Cover „Stay“, das Cat Power in einem Take aufgenommen hatte. Ursprünglich wollte sie bloß Mikrophone testen. Co-Produzent Rob Schnapf drückte trotzdem den Aufnahme-Button. Fertig. Wie all die zahlreichen Cat-Power-Covers lebt „Stay“ von den Auslassungen und Reduktionen des Originals. Auslassungen, die die Zuhörenden mit der Süße oder Schwere der Erinnerung füllen.

Aber diese dramatischen Momente sind rar. Was das Album charakterisiert, ist ein schwebender Zustand, eine Balance und Gelassenheit. Das Erlebte wird zwar noch einmal abgerufen, wirkt aber nur noch wie ein Nachhall auf die erlittene Pein. Cat Power beschreibt keinen Passionsweg, sondern lotet aus was passiert, wenn man ihn überwunden hat und sich wundert, dass man überhaupt noch da ist. Deshalb die Doppelungseffekte der Stimme, die sich durch das Album ziehen. Es sind Nachgedanken, die Cat Power wie eine Schamanin um das Feuer tanzen lässt. Im Song „Woman“ wurden sie von Lana del Rey übernommen, die Cat Power im Interview als Freundin und Riesentalent bezeichnete.

Aber was ist denn Dramatisches passiert im Leben des Menschen Chan Marshall und der Künstlerin Cat Power? Die Mitvierzigerin seufzte bei dieser Frage einen besonders tiefen Seufzer. Sie erzählte von Verrat, Krankheit und Tod. Und vom Licht, das da auch war, der Geburt ihres ersten Kindes, der Rückbesinnung auf alte Stärken und neue Freunde.

Ihr langjähriges Label Matador Records, das sie als Familie bezeichnete, hätte sie bereits beim letzten Album „Sun“ (2013) aufgefordert, ein Hit-Album zu liefern. Das wäre zwar gelungen, die poppig aufgemotzte Platte war bis dahin ihre kommerziell erfolgreichste, der Druck hätte aber ihre Gesundheit ruiniert. Cat Power litt an einer seltenen Autoimmunkrankheit, die sie auch finanziell an den Rande des Ruins getrieben hatte.

Es folgte eine selbst organisierte Tour, die sie bald abbrechen musste, eine gescheiterte Beziehung und ein zu tiefer Blick ins Glas. Licht und Schatten. Ein Freund hatte sie mit dem Vater ihres Kindes bekannt gemacht, und sei dann qualvoll an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Cat Power erzählte diese Passage in langen Minuten mit vielen Pausen zwischen den Worten. Es wäre keine Zeit geblieben für den Abschied, für ein Danke. Diesem Freund sei das erhabene Eröffnungs-, Titel- und Schlussstück „Wanderer“ gewidmet, das in seiner Folklastigkeit auch gleich den Grundton des Albums vorgibt.

Der lange Weg zurück

Als dann vor drei Jahren der Sohn da war, wurde alles anders und doch blieb einiges gleich. Chan Marshall war gesund. Sie wollte ein Album aufnehmen, solange das Kind noch klein war. Cat Power schrieb und produzierte Songs, die sich auf die Grundelemente Stimme, Gitarre und Klavier reduzierten. Sie beschwor die Geister ihrer musikalischen Wurzeln. Sie legte sich erstmals einen Manager zu. Sie pendelte zwischen L.A. und ihrem Hauptwohnsitz Miami. Alles lief gut, alles schien besser.

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Das Interview mit Chan Marshall wurde auf Englisch geführt. Das ganze Interview gibt’s zum Anhören im FM4 Interview Podcast.

Und dann wollte die Plattenfirma das Album nicht veröffentlichen.

Was tatsächlich geschah, wird wohl ein Geheimnis zwischen den Beteiligten bleiben. Laut Cat Power forderte Matador eine Platte, die ähnlich Hit-lastig sein sollte wie die Musik von Adele. Man hatte wohl von New York einen Blick über den Atlantik nach London geworfen und gesehen, was das ähnlich aufgestellte Indie Label XL-Recordings (The xx, The White Stripes, Adele u.a.) mit einer kommerzielleren und stilistisch breiteren Linie bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des künstlerisch anspruchsvollen Katalogs erreicht hatte.

Dieses Mal zog Cat Power jedoch die Reißleine und verließ ihre Family. Sie wechselte zu Domino Records und veröffentlichte das Album, das sie veröffentlichen wollte. Matador (u.a. Interpol, Pavement, Neko Case) äußerte sich nicht weiter über die Vorwürfe, würdigte Cat Power aber in einem Statement als großartige Künstlerin. Der Verlust dürfte schwer wiegen, denn „Wanderer“ ist ein großartiges Album, das trotz seiner musikalischen Nüchternheit eine Strahlkraft weit über die üblichen Indie-Kreise hinaus besitzt.

Cat Power 2018 Berlin

Christian Lehner

Chan Marshall a.k.a. Cat Power beim FM4-Iinterview in Berlin

Die Minuten der auf eine halbe Stunde angesetzten Interviewzeit waren längst verronnen. Niemand kam in das Zimmer und forderte mich auf, das Gespräch zu beenden, wie das sonst üblich ist. Sie sei an einem Punkt, an dem sie sich das erste Mal seit langer Zeit sicher und geborgen fühle, sagte Cat Power. Sie hätte das am Cover von „Wanderer“ versinnbildlicht. Die Hand an der Gitarre würde ihre Stärke symbolisieren, das fragmentarische Foto ihres Sohnes ihre Liebe und die Weite der Landschaft im Hintergrund ihren Körper und ihre Heimat. Ein schönes, ein gelungenes Bild, das beschreibt, was jetzt gerade ist. Wie es später sein wird, wissen wir ohnehin nicht, sonst wären wir keine Wandelnden.

Da beschlossen wir, dass das Gespräch zu Ende war. Cat Power stand auf und begleitete mich aus dem Interview-Raum. Auf dem Weg nach draußen sprachen wir über Kampfsport und Muhammad Ali („The Greatest“, 2006). Dann bekam ich zum Abschied noch einige Gesundheitstipps mit auf den Weg, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

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