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Filmszene aus der Serie "Chernobyl"

HBO

Das Serien-Phänomen „Chernobyl“ und die kuriosen Reaktionen darauf

Die HBO-Miniserie „Chernobyl“ ist eine hochspannende Aufarbeitung der Geschehnisse rund um die größte Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Der Hype um die Serie hat den Katastrophen-Tourismus in der Ukraine angekurbelt. In Russland ist man derweil empört und will eine eigene Version der Katastrophe ins Fernsehen bringen.

Von Jan Hestmann

In der Nacht des 26. April 1986 explodiert einer der Reaktoren des Atomkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Der Rest ist Geschichte - die Geschichte der größten Nuklearkatastrophe aller Zeiten.

Über 30 Jahre später verarbeitet die Miniserie „Chernobyl“ die Geschehnisse rund um das Unglück und macht sie einer breiten Masse, und vor allem einer neuen Generation, so greifbar wie noch nie. Dabei wollten die Fernsehsender HBO und Sky das Projekt zunächst gar nicht so groß bewerben. Doch die Reaktionen von Seiten des Publikums waren umwerfend. Von einer der „besten Serien aller Zeiten“ ist die Rede. Wenn man sich die Online-Ratings ansieht, dann erscheint jetzt „Chernobyl“ ganz oben.

„Chernobyl“ erzählt die Geschichte, wie es zur größten Nuklearkatastrophe in der Menschheitsgeschichte kommen konnte und vom riskanten Spiel des Menschen mit seiner Umwelt - passenderweise im Jahr 2019, in dem Umweltaktivismus weltweit ohnehin endlich wieder hoch im Kurs steht.

Filmszene aus der Serie "Chernobyl"

HBO

Sperrgebiet Prypjat goes Instagram

Die Ausstrahlung von „Chernobyl“ führte auch zu einem touristischen Ansturm auf das Sperrgebiet Prypjat, jene ukrainische Geisterstadt, die infolge der Nuklearkatastrophe vor über 30 Jahren evakuiert worden ist.

Serienschöpfer Craig Mazin schreibt auf Twitter, es sei wundervoll, dass seine Serie eine solche Bewegung hervorrufen konnte. Gleichzeitig sah er sich beim Anblick einiger Fotos dazu gezwungen, Respekt gegenüber der Opfer und Verbliebenen einzumahnen.

Jahrelange Recherche

Der US-Drehbuchautor Craig Mazin hat über zwei Jahre intensive Recherche betrieben, bevor er im Jahr 2016 überhaupt begonnen hat, die Serie zu schreiben. Er selbst war 15 Jahre alt, als die Katastrophe von Tschernobyl passiert ist. Die Initialzündung für das Projekt soll gewesen sein, als Mazin vor einigen Jahren realisiert habe, dass er nicht wüsste, wieso der Reaktor damals überhaupt explodiert sei.

Und darum geht es in der Serie: „Chernobyl“ ist eine akribische Auseinandersetzung damit, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Oder wie es der Protagonist der Serie, der Wissenschafter Waleri Legassow, gespielt von Jared Harris, formuliert: „how the chain of disaster could be completed“. Dazu führten nämlich eine Vielzahl ineinandergreifender Entscheidungen und Taten, deren Komplexität erschütternd wie auch faszinierend ist.

Filmszene aus der Serie "Chernobyl"

HBO

In der Mitte: Jared Harris als Wissenschafter Waleri Legassow

Wieso ist der Reaktor explodiert?

Zu Beginn der Serie steht wohl für viele Zuseher*innen die Selbsterkenntnis, dass auch sie nie die Details über den Unfall gewusst haben. Diese Erkenntnis verstärkt den Sog, den „Chernobyl“ im Laufe seiner Episoden zu kreieren versteht. Die Serie erstreckt sich über fünf Episoden zu je knapp einer Stunde. Wer sich ein actiongeladenes Spektakel erwartet, ist hier falsch. Die eigentliche Explosion des Reaktors wird zu Beginn der ersten Episode gezeigt, gefolgt von einem folgenschweren Einsatz einer Feuerwehrmannschaft, die versucht, das Feuer zu löschen, ohne über den Grad der Verstrahlung in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

Was sich über die nächsten Stunden der Serie erstreckt, ist der Umgang mit den Folgen dieser im wahrsten Sinne unfassbaren Katastrophe sowie die Spurensuche nach ihrer Ursache. Unzählige Versuche, die Auswirkungen abzumildern, laufen ins Leere und erzeugen eine zermürbende Stimmung. Die meiste Zeit sehen wir Politikern und Wissenschafter*innen dabei zu, wie sie miteinander sprechen, diskutieren, streiten, resignieren.

Und trotzdem - zu keinem Zeitpunkt wirkt die Serie langatmig. Man hängt an den Lippen der Protagonist*innen. „Chernobyl“ ist voller Suspense und lässt einen nicht mehr los. Untermalt wird die Serie von einem fantastischen Sounddesign: Das unheilvolle Rattern des Geigerzählers etwa ist eines dieser Geräusche, dass nach Konsum dieser Serie noch lange im Ohr tönt.

Filmszene aus der Serie "Chernobyl"

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Wissenschaft versus Politik

Ein wesentlicher Aspekt in „Chernobyl“ ist der Umgang des sowjetischen Staatsapparats mit der Katastrophe unmittelbar nach der Explosion. Dieser zeichnet sich zunächst vor allem dadurch aus, das Ausmaß der Verheerung in der Öffentlichkeit und vor allem über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bewusst viel kleiner darzustellen, als es war. Die Serie gibt einen Einblick in ein rigides System der Message Control der Regierung und des KGB.

Das Zusammenspiel der beiden Protagonisten Waleri Legassow, der heldenhaft dargestellte Wissenschafter, und des sowjetischen Politikers Boris Shcherbina (hervorragend gespielt von Stellan Skarsgård) ist dabei exemplarisch für das angespannte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik in dieser maximalen Krisensituation. Auch Shcherbina bekommt nach und nach einen Heldencharakter, als er beginnt, sich auf Legassows Seite zu schlagen. Beide Protagonisten basieren auf realen historischen Figuren. Natürlich darf man „Chernobyl“ nicht mit einer Dokumentation verwechseln. Im Zentrum steht immer noch Eventfernsehen, das mit Überspitzung und auch Pathos arbeitet, um möglichst große Emotionen zu erzeugen. Die Serie zeichnet sich aber auch durch große Detailverliebtheit aus, was Kostüme und Schauplätze betrifft. Das wird auch deutlich, wenn man sie mit historischen Aufnahmen vergleicht.

Russische Version soll kommen

Es gibt aber nicht nur Lob für die Serie „Chernobyl“. Besonders aus Russland gibt es einiges an Kritik und Vorwürfe dazu, dass nicht alles historisch korrekt dargestellt wird. Vor allem dürften Kreml-nahe Medien sich aber auch daran stören, dass hier sowjetische Geschichte von einem US-amerikanischen Fernsehsender aufgearbeitet wurde, und nicht von einem russischen.

Und tatsächlich hat ein russischer Fernsehsender bereits angekündigt, seine eigene Version der Geschehnisse rund um Tschernobyl zu produzieren - mit einem Spin: Basierend auf einer existierenden Verschwörungstheorie begegnen wir darin einem neuen Antagonisten, nämlich einem CIA-Agenten, der das Atomkraftwerk Tschernobyl infiltriert haben soll.

„Chernobyl“ ist via Sky verfügbar.

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