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Michael Kiwanuka

Olivia Rose

artist of the week

Michael Kiwanuka besiegt seine Selbstzweifel

Der britische Musiker hat nach einer sehr erfolgreichen Dekade im Musikgeschäft endlich ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt und feiert das mit einer hervorragenden neuen Platte. Unser Artist Of The Week!

Von Stefan „Trishes“ Tischler

Eigentlich ging es seit seinen ersten Songs steil bergauf mit Michael Kiwanuka. Er war Gewinner der BBC Liste der vielversprechendsten Acts für 2012, noch vor etwa Frank Ocean, Skrillex, Lianne La Havas oder A$AP Rocky. Sein Debütalbum Home Again wurde kurz darauf mit Gold ausgezeichnet, das 2016 folgende Love & Hate erreichte sogar Platz 1 in den britischen Albumcharts - und der epische Opener Cold Little Heart wurde als Titelmelodie der HBO-Serie Big Little Lies zum unerwarteten Hit. Ziemlich viel Erfolg - trotzdem hörte Michael Kiwanuka nie auf, an sich selbst zu zweifeln. Bis jetzt. Mit Kiwanuka schreibt er seinen Nachnamen, den anfangs nie jemand richtig aussprechen konnte, ganz groß aufs Cover. Und er stellt ein köngsgleiches Gemälde seiner selbst darunter. Da hat offenbar jemand zu einem gesunden Selbstbewusstsein gefunden.

Cover KIWANUKA

Michael Kiwanuka

Das demonstriert auch der Opener - und mit Zeilen wie I used to hate myself, You Got The Key, Break Out The Prison bietet Kiwanuka auch gleich seinen Lösungsansatz an: Man muss sich aus dem Selbstzweifel letztlich am eigenen Schopf rausziehen. Die Message „das Problem bist nicht du“ wird da aber auch auf große Themen wie Liebe oder Migration angewandt.

Soul, Psychedelischer Rock, Folk u.v.m.

Musikalisch ist Michael Kiwanuka weiterhin irgendwo zwischen vielen Genres zuhause: Soul, Psychedelischer Rock, Folk, Jazz oder Italowestern-Soundtracks – all das und mehr findet sich auch auf dem neuen Album. Es klingt absolut analog, wurde aber offensichtlich mit dem eklektischen Bewusstsein der Post-HipHop-Ära gemacht. Dafür sorgen nicht zuletzt die Produzenten Danger Mouse und Inflo (dessen Band Sault übrigens auch sehr hörenswert ist), deren Wurzeln eindeutig bei den Beats liegen. Auch Michael Kiwanuka selbst hatte ja als Session-Musiker für Rapper aus seiner Nordlondoner Gegend erste Schritte im Geschäft gemacht.

Als bekennende alte Seele hat Kiwanuka sein drittes Album aber natürlich nicht für die Streaming-Playlisten optimiert, sondern als vierseitige Doppel-LP mit schönen Überleitungen und Interludes konzipiert. Zwischen den Songs sind etwa Originaltöne aus der Zeit der US-Menschenrechtsbewegung und der Sit-Ins zu hören.

Michael Kiwanuka

Olivia Rose

Eine Ära, noch gar nicht so lange her, in der manche Menschen wegen ihres Aussehens nicht als Menschen gegolten haben. Wer sich gegen die Schlechterbehandlung wehrte, wurde brutal verprügelt oder direkt erschossen. Und diese Sache, will uns Kiwanuka vielleicht sagen, die ist ja noch lange nicht ausgestanden - Obama-Präsidentschaft hin oder her. Die so oft erwähnte Spaltung der Gesellschaft in der nördlichen Hemisphäre geht ja auch mit viel offenem Rassismus, Nationalismus und der wirren Ideologie einer vermeintlichen Weißen Überlegenheit einher. Den Song Hero widmet Kiwanuka deshalb den afroamerikanischen Opfern von Polizeigewalt der letzten Jahren ebenso wie dem blutjungen Black Panther Anführer Fred Hampton, der 1969 von einer Spezialeinheit im Schlaf erschossen wurde.

Insgesamt hat Kiwanuka einen mitreißenden Spannungsbogen, ist mit viel Liebe zum Detail zusammengesetzt und vereint nicht zuletzt großartige Songs und verschiedene stimmige Klangwelten. All das konnte Michael Kiwanuka ja eigentlich schon immer - jetzt ist es ihm zum Glück auch selbst bewusst.

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