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Erich Moechel

2020 wird das Jahr der Glasfaser in Österreich

Im neuen Jahr wird die 2019 angelaufene Ausbauoffensive in fünf Bundesländern mindestens 100.000 Haushalte mit Glasfaser versorgen. Eine Zwischenbilanz zum Jahreswechsel.

Von Erich Moechel

Dem Hype um 5G zum Trotz wird 2020 als Anbruch der Glasfaserära in die Annalen Österreichs eingehen. 2020 werden mindestens 100.000 Gebäude aller Art - Wohnhäuser, Amtsgebäude, Unternehmenssitze - direkt an die neuen regionalen Glasfaserverbünde angeschlossen, die in fünf Bundesländern gerade entstehen. Damit wird Kupfer als Träger der Datenkommunikation nun auch auf der „last mile“ nach und nach durch die Glasfaser verdrängt.

Genaue Zahlen zum Stand der Vernetzung gibt es noch nicht. Wie eine Rundfrage von ORF.at in drei Bundesländern ergab, sollten es im Testjahr 2019 österreichweit schon 100.000 neue Anschlüsse sein. In Tirol, wo die Vernetzung am weitesten fortgeschritten ist, werden pro Werktag mindestens 50 Gebäude aller Art mit Glas vernetzt. Eine Zwischenbilanz der Ausbauoffensive in Österreich.

Glasfaser Leerrohr

APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas

Hier sieht man die wabenförmige Struktur der Leerrohre. Während im Mittelstrang das lokale Backbone eingeblasen wird, sind die kleineren Kanäle als Abzweiger zu den Endkunden vorgesehen. Hier sind die Planungsgrundsätze für LWL-Netze der landeseigenen Breitbandserviceagentur Tirol.

Das Tiroler „Grassroots“-Modell

Im Tiroler „Grassroots“-Modell wird das Glasfasernetz durch die Gemeinden ausgebaut. Als Netzbetreiber kassieren ѕie von den Internetprovidern Miete, wobei die ersten Kommunen schon in den schwarzen Zahlen sind.

Am weitesten fortgeschritten ist der Ausbau in Tirol. Dazu hat natürlich die Topografie des Landes beigetragen, da nur 12 Prozent der Grundfläche besiedelt sind. Pro Tal braucht es ein einziges Backbone, an dem die Gemeinden wie aufgefädelt sind. Wo allerdings gegraben wird, da braucht es aufgrund der felsigen Struktur zumeist schweres, konventionelles Grabgerät. Dazu kommen allerdings zwei tirolerische Besonderheiten.

Überall im Land hatten Tiroler Bürgermeister schon früh Leerrohre für Glasfaser mitverlegen lassen, wo immer aufgegraben wurde. Dadurch bringt Tirol 50 Objekte ans Netz, Zahl der Haushalte noch unbekannt, denn darunter fallen auch mehrstöckige Wohnanlagen in Stadtlagen. In Tirol wird nämlich überall gleichzeitig ausgebaut. Zudem hat man die Faser bis weit hinauf in die Bergwelt verlegt. Entlang der Liftanlagen liegen Hunderte Kilometer Glasfaser, die von Schneekanonen über Lifte bis zum ORF-Wetterpanorama vernetzen und auch für WLAN auf den Skihütten sorgen. Und: In Tirol gehören die Glasfasernetze den Gemeinden bzw. den Städten. Das ist die dritte Tiroler Besonderheit.

Kabelverlegungsgeräte, Traktoren etc.

STG Kabel

Während beim herkömmlichen Ausbau ganze Bautrupps mit Schaufelbaggern und LKWs nötig sind, erledigt hier ein schwerer Traktor samt einer speziellen Fräse dieselbe Arbeit. Das Foto stammt von der kleinen Tiefbaufirma STG-Kabel, die mittlerweile auf die Verlegung von Glasfaserkabel spezialisiert ist. „Speed Trenching“ ist der Fachbegriff für diese Verlegetechnik.

„Speed Trenching“ in Oberösterreich

In Oberösterreich bauen von der Energie AG bis zu Elektroinstallateuren insgesamt mehr als 20 Firmen Segmente des Glasfasernetzes aus, die abgelegenen Gebiete baut die landeseigene Fiberservice OÖ aus.

Im Flächenbundesland Oberösterreich mit 57 Prozent Siedlungsdistribution sieht es topografisch völlig anders aus als in Tirol. Hier regieren Kabelpflüge, schwere Traktoren und neuartige Grabenschlitzfräsen die Landschaft und ausgebaut wird nach einem gänzlich anderen Muster als in Tirol. Zum einen bauen mit der Energie AG und dem Kabelnetzbetreiber Liwest zwei vergleichsweise große Unternehmen weite Gebiete aus.

Dazu kommt noch eine Besonderheit aus Oberösterreich, nämlich eine stattliche Anzahl lokaler Kabel-TV-Netzwerke, die seit Jahrzehnten etwa von örtlichen Elektroinstallationsfirmen betrieben werden. Auch die werden nun zu Glasfaserinfrastrukturbetreibern, was einerseits zwar erstaunlich, andererseits aber nur logisch ist. In Gegenden, wo sonst niemand gräbt, übernimmt das dann die landeseigene Fiberservice OÖ, die auch den Großteil der Backbones zwischen den Gemeinden baut. Nicht zuletzt wegen dieser arbeitsteiligen Struktur des Ausbaus gibt es auch aus Oberösterreich noch keine handfesten Zahlen.

In Niederösterreich werden in einer ersten Ausbauphase 100.000 Haushalte, Firmen und Behörden angeschlossen, hier baut vor allem die Landesholding mit einem Großinvestor aus.

Generalstabsmäßig in Niederösterreich

Im Flächenbundesland Niederösterreich ist man den Ausbau nahezu generalstabsmäßig angegangen. 2018 gab es eine EU-weite Ausschreibung, die der deutsche Fonds „Allianz Capital Partners“ gewann. Mit zusätzlichen 300 Millionen Euro von diesem Großinvestor wird der Ausbau von der landeseigenen noeGIG vorangetrieben. Wie in allen anderen Bundesländern kommen dazu natürlich Förderungen von Land, Bund und EU dazu, denn Grabungsarbeiten sind nun einmal sehr teuer und ganz besonders in großen Bundesländern wie Nieder- und Oberösterreich.

Weil das alles auf Landesebene geplant wird, gibt es hier bereits Richtwerte zur Preisgestaltung durch die Provider. Und diese Richtwerte sind erfreulich, denn 150/50 Mbit/sec um 40 Euro/Monat können sich als Einführungsangebot durchaus sehen lassen. Solche Bandbreiten werden jetzt schon offeriert, noch bevor der Wettbewerb unter den Providern überhaupt richtig begonnen hat. Es ist also die mithin sicherste Prognose, dass hier nach oben (Bandbreite) und nach unten (Preise) noch jede Menge gehen wird.

Statistik

de.statista.com | OECD

Im Ranking der Organisation für ökonomische Zusammenarbeit (OECD) zu Glasfaseranschlüssen, hier in einer übersichtlichen Darstellung von statista.com, lag Österreich noch abgeschlagen auf Platz 32.

Das Ende der Kupferzeit bricht an

Was haben hoch entwickelte Industriestaaten wie Deutschland, England, Belgien und Österreich gemeinsam, die weit hinten im Ranking um Platz 30 liegen? Alle verfügen über gut ausgebaute Kupfernetze der Telekoms und die liegen dem Ausbau der Glasfaser bis jetzt im Weg. Die Breitband-Förderungen gingen bis jetzt an die Telekoms, die damit Glasfasern zu den größeren Mobilfunkstationen vernetzten. Bei den Endkunden kommen daher nur „Bis zu“-Bandbreiten an, im Mobilfunknetz hängt das nun einmal von der Anzahl der aktiven Smartphones in einer Funkzelle ab.

„Bis zu“-Bandbreiten gibt es auch bei der an sich sehr zuverlässigen DSL-Technologie. Die Datenströme rumpeln da über angejahrte verdrillte Kupferlitzen ein paar Hundert Meter über die „letzte Meile“, bei jedem Kabelverteiler haut es die Datenbits aus der Spur. Je mehr aber die Fehlerkorrekturprotokolle auf den letzten Metern zu tun haben, desto tiefer sinken die Bandbreiten, gerade in ländlichen Bereichen, wo die lokalen Telefonienetze vielfach noch aus den 1960er Jahren stammen.

Wie die Glasfasersaga weitergeht

Im nächsten Teil der Serie wird die Situation in Kärnten und der Steiermark ausgeleuchtet, denn auch dort werden die Faserkabeltrommeln bis weit hinaus ins Land gerollt. Wetten, dass es in diesen beiden Bundesländern erst recht wieder ganz anders zugeht als in Ober-, Niederösterreich oder Tirol, werden erst gar nicht angenommen. Bei aller Diversität in Finanzierung, Methoden und Herangehensweise laufen alle Modelle jedoch auf ein Ergebnis nach Matthäus 19,30 hinaus: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten“. Die Glasfasern werden nämlich von der krass unterversorgten Peripherie des Landes in Richtung der mit Kupfer immer schon versorgten Zentren verlegt.

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