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So verändert TikTok die Musikindustrie

TikTok ist in aller Ohren. Die Social-Video-Plattform aus China krempelt gerade die Musikindustrie um.

Von Ambra Schuster

Egal ob lustige Sketches, Lip-Sync-Videos oder Tanzchallenges - ohne Musik geht auf TikTok gar nichts. Wegen der steigenden User*innen-Zahlen wird die Plattform immer mehr zum Hit-Macher. Alte Songs landen wieder in den Charts und neue Songs gehen viral. Bestes Beispiel hierfür ist „Old Town Road“ von Rapper Lil Nas X. Der Song gilt als der erste TikTok-Hit der Geschichte, schließlich blieb er letztes Jahr 19 Wochen lang auf Platz 1 der US-Billboard-Charts und stellte damit einen neuen Rekord auf. Auch in Österreich war die Nummer an der Spitze der Charts.

Mittlerweile ist Lil Nas X bei Sony Music unter Vertrag, davor war TikTok quasi sein Label. Viral gegangen ist das Trap-Country-Crossover, an dem mit einem späteren Remix auch Country-Urgestein Billy Ray Cyrus beteiligt war, dank der TikTok-Yeehaw-Challenge. Weltweit tranken Millionen von Menschen „Yee Haw Juice“ und tanzten in Cowboy-Klamotten zu der Nummer. „Old Town Road“ wurde zum TikTok-Meme und so auch abseits der Plattform zum selfmade Superhit. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um die Musik. Auch Lil Nas X, der den Song gezielt auf Tik Tok verbreitet hat, sagt:

„Social Media was one of the biggest factors in this songs success.”

TikTok-Challenges werden meistens von bestimmten Songzeilen oder Hooks inspiriert. „I just took a DNA test, turns out I’m 100 percent that bitch”, sing die Rapperin Lizzo etwa in ihrem Song „Truth Hurts“. Der Song wurde zwar schon 2017 released, an der Spitze der US-Charts landet er aber erst 2019, dank der DNA Challenge. TikToker*innen nahmen das Ende der besagten Textzeile und änderten es zu „turns out I’m 100 percent catholic/French/weird“ oder was auch immer.

Auch richtig alte Songs werden dank TikTok wiederbelebt. Die #BreakMyStrideChallenge hat Matthew Wilders und seinen Hit von 1983 „Break My Stride“ wieder in die britischen Top 100 gehievt. Unter dem Hasthag #BreakMyStrideChallenge posten TikTok-User*innen ihre Videozusammenschnitte, in denen sie einerseits Lippen-synchron mitsingen, andererseits einen Chatverlauf einblenden, der zeigt, wie sie den Songtext Zeile für Zeile an Freunde posten und wie diese reagieren.

Die Liste der Songs, die durch TikTok bekannt wurden, ist lang und wird immer länger. Immer mehr Leute entdecken Musik über die Plattform. Auf Youtube und Spotify gibt es eigene TikTok-Playlists. Gehen die Songs einmal viral, beginnen die User*innen sie auch außerhalb der Video-App zu hören.

Auf Laut
Was macht TikTok anders? Wie ist es mit der Sicherheit und was passiert mit den unzähligen Videos und den Daten der User*innen? Auf Laut diskutiert darüber mit dem österreichischen TikTok-Star Andreas Brauneder und Social Media-Expertin Ingrid Brodnig.
Dienstag, 11.2.2020, 21 Uhr.

TikTok als neues Promo-Tool

Zwischen 15 und 60 Sekunden kann ein TikTok-Video dauern. Wie diese hookigen Ausschnitte überhaupt auf TikTok landen, erklärt David Dittrich von Universal Music Austria: "Wenn wir einen neuen Song releasen, können wir ihn an TikTok über ein System ausliefern und bestimmen, welcher Ausschnitt auf TikTok verfügbar sein soll.“ Aktuell gebe es ein Kontingent von 400 Songs, das TikTok von Universal zur Verfügung gestellt wird. Einen neuen Song auf TikTok bringen, ist für große Labels wie Universal also relativ unkompliziert. Soll dieser Song viral gehen, hat er im Idealfall einfache Lyrics und eine Melodie, die entweder tanzbar oder episch ist. Und irgendwo ein Bass-Drop schadet auch nicht.

TikTok boomt und Musik ist der Antrieb dafür. Große Musiklabels wie Universal sehen darin Vermarktungschancen - nicht nur für neue Songs: „Man kann eine sehr junge Zielgruppe erreichen, die mit Musik, die schon älter ist, vielleicht noch überhaupt nicht in Berührung gekommen ist. Das ist eine große Chance für den Katalog. Man sieht jetzt mit TikTok auf einmal Songs aus den 80ern und 90ern wiederauftauchen. Das kann man auch spürbar messen auf Streaming Plattformen, auf Shazam, in den Charts und zum Teil sogar im Airplay“, sagt David Dittrich von Universal Music Austria.

„Man kann eine sehr junge Zielgruppe erreichen, die mit Musik, die schon älter ist, vielleicht noch überhaupt nicht in Berührung gekommen ist. Das ist eine große Chance für den Katalog.“

Songwriting wird tiktokable

TikTok wird zur Teenie-Promo-Maschine für Künstler*innen und Musiklabels. Wird ein Song auf TikTok oft verwendet oder geht dank einer Challenge viral, kurbelt das die Streamingzahlen abseits der Video-Plattform an. Und das bringt – zumindest indirekt - Cash.

Bei so manchen Künstler*innen merkt man deshalb schon jetzt eine Tendenz, zu einem Songwriting, das „tiktokable“ ist. Das wohl offensichtlichste Beispiel hierfür ist der Song „Yummy“ von Justin Bieber oder Lena Meyer-Landruts „Skinny Bitch“. Zu ihrer neuen Single hat sich die Eurovision-Songcontest-Gewinnerin, die selbst sehr aktiv auf TikTok ist, auch eine eigene Challenge überlegt. Ein Trend, dem auch andere Künstler*innen und Labels folgen.

TikTok krempelt also nicht nur das Musikbusiness, sondern bis zu einem gewissen Grad auch das Songwriting um. Tanzbare 15-Sekunden-Hooks mit einfachen Lyrics gehen eben besser viral. In Österreich muss man nach aktiven TikToker*innen aus der Musikszene zwar noch suchen - Caesar Sampson und Mavi Phoenix wagen da gerade erste Gehversuche – aber ein Ende des Hypes ist vorerst nicht in Sicht. „Man sieht TikTok funktioniert und jetzt möchten das alle. Die Konkurrenz wird natürlich mehr, aber weltweit ist TikTok auf Platz 4 hinter Instagram was Nutzerzahlen betrifft und die Tendenz ist steigend. Ab sofort werden mehr und mehr Musikschaffende und Labels versuchen, dort etwas zu bewegen und dann wird’s natürlich schon wieder enger. Die Kunst ist jetzt, irgendwie durch diese Masse durchzudringen“, sagt David Dittrich.

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