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Buchcover Tiere im Nationalsozialismus Jan Mohnhaupt: Hirsch vor monumentaler Architektur

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Von Hirschen und Kartoffelkäfern

In seinem neuen Buch zeichnet der deutsche Autor Jan Mohnhaupt das Schicksal von Tieren in der Zeit des Nationalsozialismus nach. Er zeigt, welchen Platz ausgewählte Tiere in der NS-Ideologie einnahmen.

Von Philipp Emberger

Hans ist Schüler in der NS-Zeit und ein fiktiver Protagonist im Buch „Tiere im Nationalsozialismus“ des deutschen Autors Jan Mohnhaupt. Die Aufgabe von Hans und seinen Schulkolleg*innen ist es, die vielen Seidenraupen im Schulgarten zu füttern, denn die Seide wird dringend bei der Herstellung von Fallschirmen für den Krieg gebraucht. Mit Hilfe solcher persönlichen Geschichten erzählt Mohnhaupt, wie ausgewählte Tiere einen besonderen Platz in der NS-Ideologie einnahmen. Und Mohnhaupt erzählt, wie gleichzeitig Menschen mit Schädlingen gleichgesetzt wurden. Denn in den Augen der Nazis war es von der reinrassigen Schäferhundezucht hin zur reinrassigen Gesellschaft nicht weit.

Die Vorstellung von der „Reinheit der Rasse“ nimmt auf den Lehrplänen der Nazis eine zentrale Position ein und wird den Kindern zunächst anhand von Pflanzen und Tieren nahegebracht.

Jan Mohnhaupt wurde 1983 geboren. Beruflich ist er als freier Journalist für verschiedene Magazine (u.a. Spiegel Online und Zeit Online) tätig. 2017 erschien sein Buch „Der Zoo der Anderen“.

Mit Hilfe von umfangreichen Quellen wie Tagebucheinträgen oder Schulmaterial macht Mohnhaupt sichtbar, dass der Tierschutz im Nationalsozialismus ein flexibles Konstrukt war. Auf der einen Seite inszenierten sich die Nazis als tierlieb. Hitlers Auftritt mit seiner deutschen Schäferhündin Blondie gehörte zur offiziellen NS-Propaganda. Mit Blondis Hilfe sollte Hitler nahbarer für die Bevölkerung wirken. Auf der anderen Seite erschossen die Deutschen beispielsweise alleine im Russlandfeldzug 30.000 Pferde, damit diese nicht in die Hände des Feindes fallen konnten. Tierschutz war nur dann wichtig, wenn es der eigenen Agenda diente.

Für führende Nationalsozialisten stellten Tierschutz und Verbrechen gegen die Menschlichkeit keinen Widerspruch dar, im Gegenteil, sie fühlten sich sogar einer „moralischen Elite“ zugehörig.

Jedes Buchkapitel ist einem anderen Tier gewidmet und die Bandbreite ist groß: Vom kleinen Kartoffelkäfer bis zum prächtigen Kronenhirsch. Während der Kartoffelkäfer als Kriegswaffe thematisiert wird, ist die Hirschjagd vor allem ein politisches Instrument. Insbesondere Reichsjägermeister und führender Nazi Hermann Göring hat die Hirschjagd als diplomatisches Mittel genutzt. Mit Görings Machtbesessenheit hält sich Mohnhaupt dann auch länger auf. Er thematisiert nicht nur Görings Gier nach Trophäen, sondern auch seine Besessenheit von Großkatzen. Die Löwen, die Göring als Haustiere hielt, nutze er, um sich als „Lion King“ zu inszenieren.

Buchcover "Tiere im Nationalsozialismus", Cover

Hanser Literaturverlag

„Tiere im Nationalsozialismus“ ist im Hanser Verlag erschienen und hat 256 Seiten.

Auch die Geschichte von Nutztieren wie Pferden oder Schweinen wird thematisiert. Am Schicksal der Schweine lässt sich zum Beispiel der Kriegsverlauf ablesen. Zu Beginn des Krieges stand Schweinefleisch noch als wesentlicher Bestandteil der Ernährung der Bevölkerung auf dem Plan. Wegen Missernten wurde im Lauf des Krieges aber bald schon die Kartoffel, bis dahin Schweinefutter, Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung. Das bedrohte einmal mehr (wie schon im Ersten Weltkrieg) das Dasein der Schweine, denn sie wurden zum Nahrungsmittelkonkurrenten des Menschen. In weiterer Folge mussten die Bauern ihre Schweinebestände verringern.

Jan Mohnhaupt hat sich keine einfache Aufgabe gesucht. Denn wie er selbst in Interviews sagt, birgt die Aufgabe, über Tiere im Nationalsozialismus zu schreiben, die Gefahr, die Gräueltaten, die gegen die Menschen begangen worden sind, zu verharmlosen. In diese Falle tappt der Autor aber nicht. In seinem gut recherchierten Buch „Tiere im Nationalsozialismus“ erzählt Mohnhaupt anhand von tierischen Schicksalen von der Brutalität des NS-Systems und legt dar, wie ausgewählte Tiere zu „Herrentieren“ und Menschen willkürlich zu „Menschentieren“ wurden.

Die tierischen Schicksale in der NS-Zeit haben bisher eher ein Randdasein in der Geschichtsschreibung gefristet. In ihren Geschichten wird das Grauen des Nationalsozialismus einmal mehr deutlich.

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