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Coldcut und ON-U-Sound machen eine zeitlose Verbeugung vor Dub

Trotz musikalischer und geistiger Verwandschaft hat es Jahrzehnte gedauert, bis Coldcut und ON-U-Sound ein gemeinsames Album herausgebracht haben, „Outside the Echo Chamber“.

von Natalie Brunner

Beim ersten Satz, den Jon More und Mat Black in ihre Bandbiographie geschrieben haben, ist eigentlich schon alles klar: „The problem with Coldcut is that, despite their veteran status, they act like two unruly children who just won’t sit still. “

Unruly und Children sind die zwei Worte, zwischen denen das Koordinatensystem aufgezogen ist, in dem Coldcut schon seit Dekaden versuchen, Innovation und Verspieltheit in omnikontextuell hörbare Musik zu verwandeln.

Ninja Tune, ihr Label, haben sie seit 1990 so geführt, dass den darauf veröffentlichenden MusikerInnen inhaltliche Freiheit und faire Konditionen geboten werden können. Der Deal war von Beginn an 50:50, erzählt mir Jon More via Skype. Ich kann sein Arbeitszimmer sehen, ok - ja stimmt - große Kinder.

Screenshot einer Skype-Konferenz

Screenshot Natalie Brunner

Jon More von Coldcut hält ein Bild von Lee Scratch Perry in die Webcam

Coldcut und ON-U-Sound finden spät zusammen

Der Grund unseres Gesprächs ist das Album „Outside the Echo Chamber“, welches sie gemeinsam mit dem britischen Dub Producer und Produzenten Adrian Sherwood alias ON-U-Sound gemacht haben.

Trotz Jahrzehnten von Freundschaft und inhaltlicher Nähe in grundsätzlichen Fragen, etwa zu sensiblem, reflektierten Umgang mit kultureller Aneignung, haben Coldcut und On-U-Sound erst jetzt ein gemeinsames Album gemacht. Dafür ist es jetzt gleichzeitig eine Liebeserklärung an Dub und die diese Musik tragende Kultur, aber auch eine Kontextualisierung von Dub in der Lebenswelt dreier weißer Europäer.

Coldcut sind nicht Diplo, dessen erstes Album „Florida“ übrigens auf Ninja Tune erschienen ist, der wie ein Parasit Musikkulturen der südlichen Hemisphäre abgrast.

„Dub hat zwei herausstechende Eigenschaften“, meint Jon More von Coldcut, „es ist zeitlose Musik und Dub ist in der Lage einen Raum zu schaffen, einen Headspace, in dem mensch mit sich allein ist, aber nicht einsam. Ähnlich wie bei Techno, in seinem eigenen Raum-Zeit--Kontinuum, etwas, das ich liebe seit ich 16 Jahre alt bin.“

Die Wissenschaftler unter den Musikschaffenden

Als Jon More 16 Jahre alt war, hatte Lee Scratch Perry, der gemeinsam mit Junior Reid und Elan auf „Outside The Echo Chamber“ die Nummer „Divide and Rule“ mit seiner Gesangseinlage ziert, bereits begonnen, die Vocals aus Reggae Nummern herauszunehmen, Schlagzeug und Bass zu verstärken und mittels endloser Bandschlaufen durch sein Black Ark Studio zu loopen, mit Feedback und Echo zu arbeiten.

Diese Art der Klangerzeugung und Manipulation ignorierte und überwand alle Konventionen und Regeln wie mensch in einem Musikstudio zu arbeiten hat, schuf die Grundlage für quasi alle gegenwärtigen elektronischen Tanzmusiken und prägte auch die Soundästhetik von Pop.

Dub ist eine Wissenschaft, seine Schöpfer Scientists. Das ist der Kontrast zur Selbstbezeichnung der „widerständigen“ Kinder, als die sich Coldcut labeln. Ein Kontrast der zeigt, wie sehr in Dub-Musik die Geschichte der Sklaverei, der Kolonisation, der Diaspora und der Diskriminierung mitschwingt. Jon More erzählt mir auch dass Lee Scratch Perry nach dem Abbrennen der Black Ark ein neues zu Hause in der Schweiz gefunden hat, inklusive Diplomatenpass, was ich als Indiz des Tages werte, dass diese Welt doch nicht ganz und ganz böse sein kann.

Dub als Inspirationsquelle

Mit der jamaikanischen Diaspora kam Dub nach Großbritannien, wo Adrian Sherwood, damals ebenfalls 16 Jahre alt, beschlossen hat, sein Leben und Schaffen ebenfalls dieser Klangwissenschaft zu widmen. 10 Jahre bevor Coldcut Ninja Tune gründeten, rief er 1980 sein Label On-U-Sound, das im Gegensatz zu Ninja Tune strikt auf Dub fokussiert, ins Leben.

Wenn mensch heute Coldcut als Pioniere elektronischer Musik feiert, die viele diverse Kinder gezeugt haben, dann ist Dub und die Soundsystemkultur die Großmutter von ihnen allen, das, was die Inspiratoren inspirierte.

Roots Manuva, seit vielen Jahren im Hause Ninja Tune veröffentlichend, ist auf der Nummer „Vitals“ zu hören. Für Jon ist er nicht nur einer der größten Poeten Großbritanniens der Gegenwart, er ist auch seine Musik, und seine Musik ist er, keine Filter, keine Posen absolute Präsenz und Gegenwart.

Der Albumtitel „Outside the Echo Chamber“, ist auch ebenfalls mit Humor, Intelligenz und Sprachgefühl gewählt. Die Echochamber ist nicht mehr nur Ort der Musikproduktion, sondern auch das Süppchen, in dem man sich selbst kocht, bis mensch überzeugt, ist dass einzig die eigene Meinung deckungsgleich mit der Wahrheit ist. Eine ewige ideologische Feedbackschleife im digitalen Newsstream und den Quellen, die mit Nachrichten verwechselt werden, und plötzlich ist ein starker Mann an der Macht. Aus dieser Echochamber sind Coldcut und On-U-Sound ausgestiegen.

In gleicher Weise die Möglichkeit einer Umkehr setztend, taucht in der ersten Single „Robbery“ mit dem jamaikanischen MC Rholin X die Frage auf, ob nicht die Besitzer der Bank die eigentlichen Verbrecher sind, das System, das sie exekutieren, das Verbrechen.

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