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Tänze des Begehrens

Mit „Song To Song“ legt Terrence Malick ein neues Werk vor, an dem sich erneut die Geister scheiden werden.

Von Christian Fuchs

Wir schreiben das 21. Jahrhundert. Auch wenn man postmodernen Philosophen nicht glaubt, die meinen, dass es nichts mehr Neues gibt, ein gewisses Gefühl von kultureller Ermüdung liegt dennoch in der Luft. Vor allem im Kino scheint es manchmal, als ob alle Geschichten längst erzählt sind, sämtliche dramatischen Strategien bekannt, alle narrativen Tricks verbraucht.

Der Regiealtmeister Terrence Malick rebelliert gegen diese Krise des konventionellen Erzählkinos. Seit er mit „The Thin Red Line“ 1998 aus einem zwanzigjährigem Exil auftauchte, geraten seine Filme zu immer gewagteren Gegenentwürfen zum Hollywood-Status-Quo. Dabei provoziert Malick weder mit Sex- und Gewalt-Überdosen noch steht sein aktuelles Werk für avantgardistischen Protest. Der 73-Jährige verzichtet einfach auf abgedroschene Handlungen und billige Psychologisierungen. Und setzt auf radikale Poesie.

Song To Song

Ascot Elite Entertainment Group.

Stylischer Rock’n’Roll-Reigen

Diese Haltung eckt an. Viele Kritiker und nicht geringe Teile des Publikums fühlen sich von Terrence Malicks frei dahinfließenden, von spektakulären Aufnahmen und spärlichen Dialogen angetriebenen Filmen angeödet. Ziemlich langweilig und hochgradig kitschig seien Werke wie „Tree of Life“, „To The Wonder“ und „Knight of Cups“, liest und hört man. Aber trotz kontroverser Reaktionen stehen die Stars bei dem Regisseur Schlange. Um mit Malick ohne Drehbuch wild am Set zu improvisieren. Auch auf die Gefahr hin, aus dem fertigen Film geschnitten zu werden.

Christian Bale, Haley Bennet oder Benicio del Toro haben es letztlich nicht in Malicks neuen Film „Song To Song“ geschafft. Dafür folgen wir der Hipster-Traumbesetzung Rooney Mara, Ryan Gosling, Michael Fassbender und Natalie Portman bei diversen amourösen und geschäftlichen Verstrickungen durch die texanische Musikmetropole Austin. Der existentialistische Eremit Terrence Malick ist mit diesem Film offensichtlich endgültig im Hier und Jetzt angekommen, mehr Gegenwart als ein pumpender Eröffnungstrack von Die Antwoord ist in einem seiner Werke nicht vorstellbar.

Als ob wir einen stylischen Rock’n’Roll-Streifen frei nach Arthur Schnitzlers „Der Reigen“ sehen würden, wechseln sich Umarmungen, Berührungen und Verabschiedungen ab, oft vor dem brodelnden Hintergrund der diversen Bühnen oder Backstage-Bereiche des berühmten South-By-Southwest-Festivals. Iggy Pop, Johnny Rotten oder die Red Hot Chili Pepper huschen kurz ins Bild, die ehrwürdige Patti Smith darf in etwas längeren Auftritten über Liebe und Leben sinnieren, von der göttlichen Lykke Liwünscht man sich danach einen eigenen Spinoff-Film.

Song To Song

Ascot Elite Entertainment Group.

Platz für eigene Gedankenflüge

Wie immer zuletzt bei Terrence Malick sind alle Figuren ständig in Bewegung, sie umtanzen einander in Choreografien des Begehrens und werden von der entfesselten Kamera des mehrfachen Oscarpreisträgers Emmanuel Lubezki umkreist. Alleine über dieses Stilmittel ließen sich natürlich sofort Parodien im Stil von „Saturday Night Life“ drehen, wie „Song To Song“ überhaupt ein gefundenes Fressen für Ironie-Süchtige ist. Mit scheinbar allergrößter Naivität nähert sich Malick stellenweise der Popwelt und modernen Beziehungswirren. Dass sowohl die meisten Menschen als auch deren Klamotten, Wohnungen und die abgebildeten Landschaften von erlesener Schönheit sind, lässt manche Indie-Puristen schon mal von aalglatter Werbeästhetik sprechen.

Dabei feiert Terrence Malick den Glanz und Glitter niemals euphorisch, er fühlt sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen, die moderne Architektur spiegelt spätestens seit „Tree Of Life“ die Seele der darin gefangenen Protagonisten. Auch in „Song To Song“ wird die Leere der Designerbauten überdeutlich, durch die die Figuren geistern, droht sich etwa Ryan Gosling als erfolgreich werdender Singer-Songwriter in diesem Reich der verführerischen Oberflächen melancholisch zu verlieren.

Song To Song

Ascot Elite Entertainment Group.

Um „Song To Song“ und Malicks aktuelles Schaffen zu genießen, muss man einfach tun, was Zynikern versperrt bleibt: Sich rauschhaft treiben lassen, wie der Regisseur selbst, so hippiemäßig das auch klingt.

Ist es nicht wunderbar, dass jemand schnöde Hollywood-Gesetze ignoriert und seinen eigenen Flow entwickelt? Ist ein Kino, dass durch den Verzicht auf Story Platz für eigene Gedankenflüge im dunklen Saal lässt, nicht großartig? Terrence Malicks Bilderfluten vereinnahmen den Kopf nicht mit konstruierten Strukturen und Wendungen - sie inspirieren, beflügeln, betören. Und das ist tatsächlich etwas sehr Schönes.

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