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Portugal. The Man

Christian Lehner

Artist of the Week

Peace, Love and Käsekrainer mit Portugal. The Man

Zuerst haben sie ein fertiges Album weggeworfen. Dann haben sie ein neues Album namens „Woodstock“ aufgenommen und mit der Single „Feel It Still“ einen Welthit gelandet. Portugal. The Man im großen FM4-Artist Of The Week-Interview.

Von Christian Lehner

Bruce Springsteen hat es getan, Guns’N’’oses haben es getan und jetzt haben es auch Portugal. The Man getan. Im FM4-Interview erzählen Sänger John Gourley und Bassist Zach Carothers, warum die Psych- und Prog-Pop-Band aus Portland ein bereits fertiges Album doch nicht veröffentlichte, warum es gar nicht so cool ist, im selben Bett zu schlafen wie Kanye West und Kim Kardashian, warum sie ihr neues Album ausgerechnet nach der mythenumrankten Mutter aller Festivals benannt haben und warum sich die Band schon sehr auf ihre kommenden Österreich-Gigs im September freut.

Bevor wir über das neue Album sprechen, sprechen wir doch über ein Album, das bereits im Kasten war, aber nie erscheinen wird. Warum habt ihr „Gloomin + Doomin“, so der Titel, wieder eingestampft?

John: „Wir haben gleich nach der Fertigstellung unseres letzten Albums Evil Friends mit den Aufnahmen begonnen. Das war so um 2013/2014. Alle unsere Produzenten, von Mike D über Danger Mouse bis John Hill, haben uns geraten, gut 50 Songs zu schreiben und dann die besten auszusuchen: „Macht es wie Prince oder Elvis Costello!“ Und wir haben begonnen zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben ...“

Offenbar hat das zu nichts geführt?

John: „Wir haben uns bemüht, aber wir funktionieren anders. Wir hatten keinen Druck, keine Deadline. Das war für uns neu und es war nicht sehr fruchtbar. Kaum zu glauben, aber für uns war das viel zu relaxt. Wir waren mit Mike D in Rick Rubins Shangri La Studios in Malibu, das The Band 1976 mitaufgebaut hatten. Wir haben in Bob Dylan’s altem Tourbus Songs geschrieben ...“

Zach: "... Ich habe im selben Bett geschlafen wie Kanye und Kim! Sehr entspannend."

John: „Es fühlte sich an wie Urlaub in der Popgeschichte. Die dort entstandenen Songs waren auch nicht schlecht, aber ihnen fehlte diese Dringlichkeit, dieses ‚I have to work for my smoothie‘-Ding. Es war eher so: ‚Here is your smoothie!‘“

„Wir müssen aufhören, die gesellschaftliche Auseinandersetzung wie ein Football-Spiel zu betrachten, hier die Republikaner und dort die Demokraten. Das ist Bullshit!“

Ohne Druck von außen geht bei euch nichts? Das überrascht mich ehrlich gesagt ein wenig.

Zach: „Nein, der Druck muss von uns selbst kommen. Wenn die Plattenfirma ‚Deadline‘ sagt, sagen wir ‚Not with us!‘. Du siehst, wir sind nicht ganz einfach, was das betrifft. Wenn wir dann selbst eine Deadline festgelegt haben, überschreiten wir sie um gut zwei Monate. Das suckt auch, aber wir brauchen sie trotzdem ganz dringend!“

Ich habe gelesen, dass dein Vater diesbezüglich ein Wörtchen mitzureden hatte, John? Hattet ihr eines dieser Vater-Sohn-Gespräche?

John: „Mein Vater hat eine sehr direkte Art. Ich habe ihn in Alaska besucht. Wir hingen in seinem Haus ab und er meinte bloß: ‚Na, warum dauert denn das so lange? Nehmt doch einfach ein paar Songs auf, anstatt ewig rumzuprobieren.‘ Er ist Handwerker und er geht Probleme so unkompliziert wie möglich an: Fundament, Wände, Dach und dann erst kommen die Rohre! Das war der Funke, dann ging alles innerhalb weniger Monate. Danke, Dad!“

Das Album trägt den Titel „Woodstock“ nach dem legendären Hippie-Festival, das 1969 stattgefunden hat. Das ist sehr mutig.

John: „Es haben mich auch alle davor gewarnt, es so zu nennen. Unser Manager meinte, ich sei crazy. Sie versuchten es mit allen Tricks und argumentierten, dass der Name mittlerweile sicher geschützt sei. Ich entgegnete, dass man doch keine Ortschaft markenrechtlich registrieren könne und behielt recht. Ich bin in solchen Sachen sehr stur und habe mich, wie du siehst, schlussendlich durchgesetzt.“

Cover Portugal. The Man Album "Woodstock"

Warner Music

„Woodstock“ von Portugal. The Man erscheint am 16. Juni.

Portugal. The Man spielen am 16.9. im Linzer Posthof und am 17.9. in der Ottakringer Brauerei in Wien.

Mehr Infos: Portugal. The Man

Warum „Woodstock“?

John: „Ereignisse wie Woodstock sind der Grund, warum wir Musik machen. Alles, was uns gesellschaftspolitisch bewegt, hat seinen Ursprung dort. All die Musik, mit der wir aufgewachsen sind, hat sich auf diese Ära bezogen. Ob das jetzt der Wu-Tang Clan ist mit seinen Samples, oder Bands wie Oasis oder Nirvana mit ihren Harmonien. Es gab nichts, was Popmusik so geprägt hat wie die Sixties. Es ist dieser magische Ort in der Popgeschichte, wo alles möglich schien. Als ich meinen Vater in Alaska besuchte, zeigte er mir seine original Woodstock-Eintrittskarte. Er war dort, Mann!“

Kann man dem überhaupt in irgendeiner Weise gerecht werden? Habt ihr euch bestimmte Dinge vorgenommen, die ihr nicht machen wolltet, um Klischees zu vermeiden?

Zach: „Wir wurden heute schon gefragt, ob wir jetzt einen auf Akustikgitarre und Bongo-Drums machen, aber um Nostalgie geht es uns gar nicht. Es ist die Energie, der Spirit, den man dieser Tage wieder überall aufflackern sieht. Popmusik mischt sich wieder ein, Künstler mischen sich wieder ein, die Menschen sind wieder auf der Straße und protestieren.“

John: „Vom Sound her klingt unser ‚Woodstock‘ wie ein Festival, das heute stattfindet, mit all den Einflüssen, mit denen wir aufgewachsen sind: Es bounct wie Missy Elliott, es schrammt wie Blur, es betört hoffentlich wie Motown-Soul. Die Texte nehmen verschiedene Perspektiven ein, darunter auch ironische oder zynische. Sie sind im Hier und Jetzt verankert.“

Ich schätze, da lässt sich ein gewisser Donald Trump nicht ignorieren, oder?

John: „Ich pfeife auf den Typen! Der interessiert mich überhaupt nicht. Er ist ohnehin omnipräsent in den Medien. Was mich interessiert ist, was er unserem Land antut, den Menschen. Ich komme aus einer ruralen Gegend, ich weiß, wie low die Bevölkerung dort gehalten wird, wenn es zum Beispiel um Bildung geht. Niemand sagt den Kohlearbeitern, dass sie neue Jobs bekommen können im boomenden Bereich der erneuerbaren Energie. Stattdessen wird der Keil immer tiefer in die Gesellschaft getrieben. Trump hat jeden einzelnen seiner Wähler über den Tisch gezogen.“

Was sollte deiner Meinung nach passieren?

John: „Wir müssen aufhören, die gesellschaftliche Auseinandersetzung wie ein Football-Spiel zu betrachten, hier die Republikaner und dort die Demokraten. Das ist Bullshit. Geht raus, macht Reisen, redet mit den Menschen. Steig in den Bus und fahre mit einem Muslim und einem orthodoxen Juden zur Arbeit.“

Zach: „Wir haben so viel gemeinsam, aber es wird bloß das Trennende in den Vordergrund gestellt. Der Alltag wird in all seinen Details plötzlich zu einer Frage der Ideologie. Das ist absurd.“

John: „Ein Beispiel ist Recycling. Alle fanden das bis vor kurzem gut. Aber plötzlich ist man ein Linkslinker oder Gutmensch, bloß weil man den Müll trennt? Und auf der anderen Seite nennen wir Menschen nun ‚Snowflakes‘, was für Weiße mit sehr ‚leichter‘ Intelligenz stehen soll. Auch das ist kontraproduktiv. Wie sollen sie es besser wissen, wenn sie es nicht anders lernen?“

Mit „Feel It Still“ ist euch ein richtiger Superhit gelungen, der überall auf der Welt im Radio rauf und runter läuft. Der Text gibt die Perspektive eines Hippie-Veteranen oder eines ehemaligen politischer Aktivisten wieder, der nach den alten Funken seiner Rebellion sucht.

John: „Es ist eine Hommage an George Carlin, einen der Begründer der modernen Stand-Up-Comedy. Er war einer der schärfsten Beobachter und Kritiker von Religion und Politik in den USA. Er provozierte sein Publikum und stachelte es auf, denn es braucht keine Politiker, die uns erklären, wie wir zu denken haben, oder dass die Trinkwasserqualität mit der Gesundheitsrate in Zusammenhang steht, das sollte Allgemeinwissen sein. Carlin erkannte als einer der ersten, dass die moderne Politik davon profitiert, Keile in die Gesellschaft zu treiben. Er wollte die Leute auf einfachste Weise zusammenbringen. Sein Humor war zwar ätzend und vulgär, aber er war ein großer Humanist.“

Kommen wir noch einmal auf „Woodstock“ zurück. Der Album-Opener trägt den Titel „Number One“ und beginnt mit einem Sample von jenem Song, der auch beim Woodstock-Festival der erste war: „Freedom“ von Richie Havens.

John: „Als wir den Song einreichten, ging es darum, die Rechte zu klären und wieder waren Plattenfirma und Management dagegen, und wieder habe ich meinen Dickschädel durchgesetzt. Das Sample war tatsächlich sehr teuer, aber ich wollte es unbedingt drinnen haben. Es ist eine freie Improvisation des Spirituals ‚Motherless Child‘. Es gibt wenige Momente, die so kraftvoll und nachhallend ausdrücken, warum es in Musik gehen sollte, wie diese. Wer die Performance nicht kennt, bitte jetzt auf der Videoplattform eurer Wahl checken!“

Ihr kommt im September für zwei Gigs nach Österreich. Es ist immer so eine Standardfrage, aber ihr habt schon spezielle Beziehungen zu dem Land, stimmt’s?

Zach: „Wir kommen ja ursprünglich aus Alaska und wissen daher die Schönheit der Alpen zu schätzen. Österreich ist einfach wunderbar. Wir haben einige sehr gute Freunde in Salzburg und es ist immer ein Riesenspaß. Außerdem habt ihr Käsekrainer und das ist wohl der beste Snack, den es überhaupt gibt.“

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