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Buch

Eine Relativitätstheorie der Gefühle

Bis einer verschwindet, ist alles relativ aufregend: Der Drehbuchautor Jan Schomburg hat ein hervorragendes Jugendbuch geschrieben.

von Maria Motter

Manchmal ist es beim Lesen so, wie wenn man aus den Augenwinkeln auf der Straße etwas liegen sieht, das wie ein totes Tier aussieht. Man denkt sich, nein, nicht nochmal hinschauen, gar nicht notwendig, weil man ahnt, was da liegt. Aber dann schaut man trotzdem hin und sieht doch nur ein gewundenes Geäst oder Müll. Die Neugier auf Konsequenzen ist groß - und noch größer, wenn etwas zum ersten Mal passiert.

Nun hat sich jemand an einen Coming-of-Age-Roman gewagt, der zuvor vor allem Drehbücher geschrieben und mit „Toni Erdmann“-Darstellerin Sandra Hüller den Film „Über uns das All“ gedreht hat. Der Deutsche Jan Schomburg hat sich zuletzt intensiv mit dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig und dessen Jahren im brasilianischen Exil befasst und mit Maria Schrader das Drehbuch zum Film „Vor der Morgenröte“ verfasst. Poetisch gewählt ist auch der Titel seines Debütromans: „Das Licht und die Geräusche“. Aber wovon das Buch handelt, ist überhaupt nicht verträumt.

Buchcover Jan Schomburg - "Das Licht und die Geräusche"

dtv

Hauptfigur Johanna erzählt die Geschichte. Vielleicht ist diese Jugendliche zu eloquent. Doch das wäre auch das Einzige, das man gegen sie vorbringen könnte, und Wortgewandtheit hat einer Erzählung ja noch nie geschadet.

Freundschaften und Grausamkeiten

„Das Licht und die Geräusche“ erzählt von einer Freundschaft, die gerne mehr wäre, und von einer Zeit, in der sich das ganze Leben zwischen Klassenzimmer und freien Nachmittagen abspielt. Soweit, so Strickmuster, doch Jan Schomburg trifft den Ton, wie es Wolfgang Herrndorf mit seinen noch um zwei, drei Jahre jüngeren Protagonisten in „Tschick“ gelungen ist, wie es Benjamin Maack in Kurzgeschichten vermag, sich in junge Köpfe hineinzuversetzen, und wie Lisa Kränzler nicht vor den Grausamkeiten zurückschreckt, die Teenager einander manchmal antun. Bis nach Island wird die Coming-of-Age-Story „Das Licht und die Geräusche“ führen, aber für Landschaftsbeschreibungen ist hier kein Platz: Zu beschäftigt ist man mit Johannas Welt. Die ist aufwühlend genug, es braucht keine Blaue Lagune als Aufputz.

Buchcover Jan Schomburg - "Das Licht und die Geräusche"

dtv

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist 2017 bei dtv erschienen. Man kann vorab hineinlesen.

Johanna und Boris gehen in dieselbe Klasse und sie stehen einander nah, auch wenn klar ist, dass Boris mit Ana-Clara zusammen ist. Aber die ist in Portugal und wortkarg. Johanna ist nicht blöd, vielmehr ist sie umsichtig und klüger, als für sie gut ist. Als auf der Klassenfahrt rauskommt, dass der unbeliebteste Klassenkamerad von einem anderen wie ein Sklave behandelt wird und am Fußboden schlafen muss, liegt es an Johanna, die Situation zu klären.

„Ich spüre, wie er seine Hände um meinen Kopf legt. Er legt sie so um meinen Kopf, dass seine Handflächen meine Wangen zusammendrücken, und er drückt zwar nicht so fest zu, dass es mir wehtut, aber so, dass ich meinen Kopf nicht mehr bewegen kann. Ich kann spüren, dass er zittert, und wahrscheinlich zittere ich auch. ‚Ich könnte dich so leicht dazu bringen‘, zischt er dann leise. ‚Und du weißt das. Ich könnte dich in nullkommanix dazu bringen, dass du auf dem nackten Boden schläfst und mir dafür dankbar bist.‘“

Zu nahe dran

Die Kämpfe, die in „Das Licht und die Geräusche“ ausgefochten werden, sind glaubwürdig. Dabei hat sich der Autor auf sicheres Terrain begeben und als Schauplatz Elternhäuser gewählt, die es gut mit ihrem Nachwuchs meinen und in denen sich keine doppelten Böden auftun. Konsequent im Präsens geschrieben, halten Rückblenden und Zeitsprünge die Spannung aufrecht, während man mit Johanna beschäftigt ist. Bis Boris plötzlich verschwindet. Was hat man in der Geschichte übersehen? Und was weiß man eigentlich über Boris, um den sich doch alles irgendwie gedreht hat? Johannas Vater erklärt ihr Relativität: Alles ist eine Frage der Perspektive, und manchmal kommt man weiter, wenn man eine andere Position einnimmt.

Jan Schomburgs Jugendbuch überrumpelt einen kurz und wird dann noch besser. „Das Licht und die Geräusche“ erzählt vordergründig vom Jungsein, aber insgeheim vielmehr, wie man manchmal zu nahe an den Dingen steht, um klar zu sehen.

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