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Die Band Mashrou Leila

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Arabischer Pop in düsteren Zeiten

Die libanesische Band Mashrou’ Leila hat sich in den USA und Europa eine stetig wachsende und sehr diverse Fanbase erspielt.

von Christian Pausch

Es ist der Morgen des 13. Juni 2016 - ein Tag nach dem schrecklichen Anschlag auf die LGBTIQ-Community in Orlando, Florida. Die Band Mashrou’ Leila aus Beirut ist gerade auf ihrer zweiten US-Tour und hat an diesem Tag einen Termin bei NPR Music in Washington DC, um eines der begehrten Tiny Desk-Konzerte zu geben.

Der dunkle Schatten der Nachrichten vom Vortag hängt über den Bandmitgliedern und den Anwesenden. Mashrou’ Leila entscheiden sich, ihr Set zu ändern: mit „Maghawir“, einem Song über zwei Anschläge in Beiruter Nachtclubs, eröffnen sie die emotionale Session und Sänger Hamid Sinno sagt noch den wichtigen Satz: „We don’t really have mass shootings in Lebanon, this is more of a phenomenon here.“

„Maghawir“ - und zwar die später so getaufte „Orlando Version“ mit veränderten Lyrics - ist einer der ersten Songs, den viele Menschen in den USA von Mashrou’ Leila hören werden. Er trifft die Trauer dieser Tage im Juni 2016 haargenau. Und das, obwohl viele die Lyrics nicht verstehen können, denn Hamid Sinno singt auf Arabisch, was dem Lied und seiner Anti-Terror-Botschaft eine besondere Aussagekraft verleiht.

Shoop, shoop, shot you down. (...) We were just all together, painting the town.
- übersetzte Textzeile aus „Maghawir“

Kennengelernt hat sich die Band - wie so viele andere Bands auch - beim Studieren. Die fünf Mitglieder treffen sich zu Nacht-Sessions im Keller der American University of Beirut und tüfteln an ihrem Sound. Mittlerweile können Mashrou’ Leila auf drei Alben zurückblicken: das selbsbetitelte Debüt „Mashrou’ Leila“ (2008), „Raasük“ (2013) und „Ibn El Leil“ (2015), dessen 2017 erschienene Deluxe Version auch die neueste Single „Roman“ enthält:

Das Video zum Song zeigt ein mittlerweile fast schon altbekanntes Bild: starke Frauen in wallenden Gewändern, die auf Pferden oder Pick-Ups durch die Wüste düsen. Doch anders als bei M.I.A. oder der schwedischen Rapperin Nadia Tehran, wird hier eben auf Arabisch gesungen, was das Video ganz anders wirken lässt. Am ehesten kann man die Kerbe, in die Mashrou’ Leila mit ihren Videos schlagen, womöglich noch mit den jemenitischen Schwestern A-Wa vergleichen.

مشروع ليلى‎‎

Jedes der fünf Bandmitglieder hat einen anderen religiösen Hintergrund. Deshalb und vor allem auch wegen Sänger Hamid Sinnos Homosexualität werden sie sowohl von christlicher als auch muslimischer Seite regemäßig massiv angefeindet. Es wird versucht ihre Texte oder auch ihr Album-Artwork zu zensieren. Und das nicht nur von libanesisch-religiösen Autoritäten, sondern auch von internationalen Labels, die natürlich weniger die „sinkende Züchtigkeit“, sondern eher sinkende Verkaufszahlen in religiösen Communities fürchten.

Die Band hat sich bis jetzt gegen all diese Zensur-Versuche zu wehren gewusst und ihr uneingeschränkter internationaler Erfolg gibt ihnen Recht. Neben der wachsenden Fanbase in allen sozialen Schichten und in allen Musik-Landschaften – die traurigen Balladen gefallen auch Mainstream-Hörer*innen, die verschwurbelten Disco-Hits werden am Indie-Dancefloor gefeiert – haben sie auch schon viele prominente Fans auf ihrer Seite. Erst letzte Woche wurde diese Kollaboration mit Hercules And Love Affair veröffentlicht:

In ihren Texten zitieren Mashrou’ Leila vor allem queere Persönlichkeiten wie Sappho oder Allen Ginsberg und natürlich auch arabische Dichter*innen, wie Abu Nawas. Es geht um queeres Empowerment, um Sichtbarkeit von Minderheiten und mancher Song ist „just about getting really messed up at a bar“. Es ist Musik von und für junge Menschen, mit allen Gefühlen, die man als junger Mensch fühlt.

Mashrou’ Leila stellen den Soundtrack für ein Leben in einer global vernetzten Welt bereit und bauen auf vielen Ebenen Vorurteile ab. Und das nicht nur in Libanon.

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