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Ars Electronica

Petri Dish Pop

Blut im Synthesizer, Neuronen auf der Bühne, Pop in der DNA. Organisches Material und Biotechnologie spielen die Musik der Zukunft. Die Ars Electronica fühlt vor.

von Lina Simon

Bizarres Blubblern, fantastisches Fiepen und sagenhaft schöne Harmonien ziehen durch die langen Gänge ober- und unterirdisch des riesigen Gebäudekomplexes der Linzer Post City. „Musik ist immer die Pionierin, wenn es um Technologie geht, um neue Werkzeuge, um neue Instrumente. Deswegen hat die Musik einen massiven Stellenwert auf der Ars Electronica,“ erklärt Festivalleiter Gerfried Stocker.

Vereinzelte Musikmaschinen, die im futuristischen Treiben der Ars zu hören sind, bestehen nicht aus rein technologischem Allerlei. Sie sind Hybride. Zwischen Blinken, Kabelknäueln und kaltem Stahl lebt es. Menschliche Zellen, Blut und genmanipulierte Mikroorganismen produzieren, steuern oder speichern die kuriosen Klänge. Noch nie war Musik so nah am Menschen. Und noch nie war sie so lebendig.

Until I Die

In fahlem Licht hängen 55 mit Blut gefüllte, Trinkgläsern ähnliche Gefäße wie schauerliche Luster von der hohen Decke. Die rote Flüssigkeit wird zur Batterie, die Strom erzeugt. Sie versorgt ein kleines, elektronisches Soundmodul, das klingende Fragmente generiert. Vorsichtig fallen sie in den kühlen Raum.


„I wanted to create a machine that will compose music, or do algorithmic music, instead of me. And still be me – partially”, sagt Dmitry Morozov. Der russische Künstler hat seiner Maschine fast fünf Liter Blut gespendet. Er nährt die Kreatur und die Sounds, die sie erzeugt, mit seiner Lebensenergie, macht sie zu seinem eigenen, techno-biologischen Klon. „Blood donation is a very metaphysical process. It means that you can share your life with someone or something else on a very biological level. In this particular installation I could say that I’m sharing my life with a machine.”

Until I die

Ars Electronica

Until I Die / ::vtol:: (RU) (Florian Voggeneder, CC BY-NC-ND 2.0)

I’m Humanity

„Ich bin die Menschheit. Schön, dich kennenzulernen“, singt Etsuko Yakushimaru über toy-hafte Synths und den flachen Beat der Drum Machine in „I’m Humanity“. Ihre Stimme ist wie Zucker und tapst rosafarben auch durch den Titelsong der Sailor Moon Crystal Animeserie. Zu Etsukos Fans zählen angeblich unter anderem Fennesz und Jeff Mills, die vor allem ihre wunderlich leuchtenden Versuchsanordnungen als „Yakushimaru Experiment“ schätzen.

Ihren Song „I’m Humanity“, der mit dem STARTS Preis der Ars Electronica ausgezeichnet wurde, veröffentlichte die Japanerin vergangenes Jahr: Digital, als CD und als genmanipulierten, lebendigen Mikroorganismus. Ihm wurden die Musikinformationen als DNA Code eingepflanzt. Somit soll dieser Popsong die gesamte Menschheit überleben. Denn während die CD nur ein paar Jahrzehnte hält, wird sich der modifizierte Mikroorganismus auch noch in 500.000 Jahren weiter reproduzieren.

Petrischalen und Reagenzgläser

Ars Electronica

Exhibition of “I’m Humanity” genetically-modified microorganism (credit: MIRAI records, foto: MIRAI seisaku, CC BY-NC-ND 2.0)

Mirkroorganismen

Ars Electronica

“I’m Humanity” genetically-modified microorganism (credit: MIRAI records, foto: MIRAI seisaku, CC BY-NC-ND 2.0)

In stillen Laboren von Washington hat auch schon die Band OK GO ihr Ablaufdatum mittels DNA Recording nach hinten verschoben. Etsukos post-humanistische Veröffentlichung schaffte es allerdings bis auf die Startseite von Apple Music. Sie eröffnet neue Wege der Distribution, macht Musik auf befremdliche Weise wieder greifbar. Der Pop in Petrischalen ist fassbarer als jeder Stream aus unsichtbaren Clouds.

CellF

„When I was 12, I wanted to become a rockstar. I wanted to become David Bowie,” schwelgt Guy Ben Ary mit einem Blick auf seinen monströsen Synthesizer “CellF”. “And I don’t know how to play. But I do know how to grow neurons. So I decided that if I can’t be a musician, maybe I would kind of get my neurons or my ‚external brain‘ to play an instrument. And my neurons are living my dream.”

CellF-Installation

Ars Electronica

cellF (Christopher Sonnleitner, CC BY-NC-ND 2.0)

Von seinem Arm entnahm Guy Ben Ary Hautzellen, züchtete sie weiter in Stammzellen und schließlich in Neuronen. Wie im Gehirn bilden sie in kleinen transparenten Gefäßen außerhalb seines Körpers Synapsen und Netzwerke, senden elektrische Signale. Damit frickeln sie an einem analogen Synthesizer, schrauben ihn gewaltig hoch.

Völlig autonom bedient dieses „externe Gehirn“ das angeschlossene Musikinstrument, „improvisiert“ live auf der Bühne und jammt gemeinsam mit anderen, menschlichen Musikschaffenden. In Linz performen Guy Ben Arys Neuronen etwa gemeinsam mit Rupert Huber von Tosca. Irgendwann soll auch Brian Eno der Einladung für eine Zellen-Kollaboration folgen.

Um Guy Ben Arys neuronalen Synthesizer als „kreativ“ oder „schöpferisch“ bezeichnen zu können, ist es noch zu früh. Aber: „There is something that I can’t explain. I think the only word that could describe it is ‘vitality’. There’s some sort of vitality within those dishes, within those networks. Playing with them is different than to just playing with a computer programme. The fact is that maybe in the future this technology will allow us to bioengineer consciousness. And that’s a very scary suggestion.”

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