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Auf ihrem neuen Album “Rest” verarbeitet Charlotte Gainsbourg den Verlust ihres Vaters und ihrer Halbschwester. Sie ist Musikerin, Schauspielerin, Model und Stilikone, vor allem aber ist sie eine der interessantesten Künstlerinnen unserer Zeit. Und unser Artist Of The Week.

Von Lisa Schneider

Musik ist kein Gefühl, nur ein Zusammenspiel von Harmonien und in den meisten Fällen Worten, könnte man nüchtern feststellen. Trotzdem kann sie Gefühle für andere erfahrbar machen. So ist das auf „Rest“ von Charlotte Gainsbourg, ihrem ersten Album seit 2011. Es arbeitet Verluste auf.

Familiäre Verluste

Charlotte Gainsbourg wurde in London geboren und ist in Paris aufgewachsen. Ihr Vater war der Chansonnier, Schauspieler und Schriftsteller Serge Gainsbourg. Ihre Mutter die englische Sängerin und Schauspielerin Jane Birkin.

International ist Charlotte Gainsbourg vor allem als Schauspielerin bekannt, aktuell ist sie im Thriller „Der Schneemann“ zu sehen. Große Erfolge feierte sie in den letzten Jahren mit ihren Darstellungen in den Lars-von-Trier-Filmen „Antichrist“ (2009) und „Nymphomaniac“ (2014).

Charlotte ist 19 Jahre alt, als ihr Vater, der französische Nationalschatz, Singer-Songwriter, Schauspieler, Schriftsteller und Exzentriker Serge Gainsbourg an einem Herzinfarkt stirbt. Vor bald vier Jahren kam ihre Schwester, die britische Fotografin Kate Barry, bei einem Unfall ums Leben. “Ich habe Paris nicht mehr ausgehalten,“ sagt Charlotte über die Zeit danach. „Jeder Tag, an dem ich auf die Straße ging, ließ mich alles wieder durchleben.”

Charlotte Gainsbourg beschließt daher 2013, Paris erstmals für lange Zeit zu verlassen. Sie geht mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Yvan Attal, und mit ihren drei Kindern nach New York. Dort lebt sie in relativer Anonymität. Etwas, das Charlotte Gainsbourg seit früher Kindheit kaum kennengelernt hat. Sie beteuert, ihre Kindheit sei ganz normal gewesen. Exzesse der Eltern gab es zwar, aber nicht für sie und ihre Schwestern. Sie gibt aber zu, dass sie im Nachhinein manches wohl verklärt hat, dass es nicht wenige, unangenehme Situationen gab. Etwa als ihr Vater in einer TV-Show einen Geldschein anzündet, was in der Klatschpresse hohe Wogen schlägt. Am nächsten Tag zünden Klassenkollegen eine Zeichnung der noch jungen Schülerin Charlotte vor ihren Augen an.

“Ich halte mich lieber an Fotoalben”, sagt sie, wenn es um ihre Kindheit geht. Wenn ihre Mutter, die englische Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin, nämlich jetzt Interviews gibt, geht es darin oft um Charlottes und Kates Kindheit, die gemeinsamen Familienerlebnisse. “Oft weiß ich nicht, ob ich im Nachhinein betrachtet das alles so erlebt habe, oder ob ich die Dinge in ihren Erzählungen das erste Mal höre.”

Serge und Charlotte Gainsbourg bei der Verleihung der Cèsars, 1986

PASCAL GEORGE MICHEL GANGNE / AFP

Charlotte Gainsbourg gemeinsam mit ihrem Vater Serge. 1986 erhält sie ihren ersten César für ihre Rolle in „L’Effrontée“.

Charlotte Gainsbourg folgt ihren Eltern schon schön früh auf den roten Teppich. 1986 gewinnt sie als 15-Jährige für ihre Rolle in “L’Effrontée“ einen César, das französische Äquivalent zum Oscar.

“Lemon Incest” findet sich auf dem Soloalbum “Love On The Beat“ (1984) von Serge Gainsbourg, sowie auf Charlottes Debütalbum, “Charlotte For Ever” (1986).

Die Klatschmäuler stürzen sich im selben Jahr aber noch lieber auf “Lemon Incest”. Ein Duett von Vater und Tochter, das, wie es der Titel verrät, inzestuöse Liebe thematisiert. In Interviews kommt der Song auch 30 Jahre nach seinem Erscheinen noch oft zur Sprache bzw. kommt es zu Rechtfertigungen Charlottes. Nichtsdestotrotz ist er einer der erfolgreichsten Songs in der französischen Musikgeschichte, erreichte damals Platz 2 der nationalen Charts.

Wie man seine eigene Stimme findet

Für “Lemon Incest” hat Serge Gainsbourg den Text geschrieben. Genauso wie die Texte für ihr Debütalbum „Charlotte For Ever“. Ihr hat er das Songschreiben nie beigebracht, erzählt Charlotte Gainsbourg im Interview: “For a long time I thought my lyrics weren’t good enough.” Blickt man auch auf die letzten veröffentlichten Alben der Künstlerin zurück, etwa das von Jarvis Cocker und AIR unterstützte “5:55” oder ihr letztes, offizielles Studioalbum “IRM”, das Beck produziert hat, sticht auf ihrem neuesten Werk “Rest” vor allem eines heraus: Erstmals hat Charlotte Gainsbourg einen Großteil der Texte selbst verfasst - und das auf Englisch und Französisch.

Charlotte Gainsbourg

Amy Troost

Den Gedanken, selbst Texte zu schreiben, trägt sie seit früher Jugend mit sich; geheime Notizbücher, betrunkene Handy-Memos beweisen das, erzählt sie im Nachhinein. Im Dezember 2013 trifft sie sich mit DJ und Producer Sebastian Akchoté (Daft Punk, Justice), hat schon einige ausgearbeitete Songideen dabei. Eine davon ist “Lying With You”, im Text spricht sie ihren toten Vater an.

“My memory of him is torn between my childhood memories and that moment when I saw him dead. I think I wanted to speak about him in a blunt way. And for it to be a declaration of love. I’m tougher in French than in English, in English I’m a lot more affectionate. So by speaking in English I could distance myself and embrace him. And I used French to be a bit more vindictive.”

Es ist ein ehrlicher, nicht nur schöner Song über ihren Vater. Alles will und wird Charlotte nie über die Beziehung zu ihm verraten, und in der Diskrepanz zwischen Anbetung und Abgestoßensein liegt die Spannung der Zeilen. “Your bare leg jutting out from the sheet / Without shame and in cold blood… My mouth is whispering in raptures / Celebrating you."

Hier gibt es ein ausführliches Interview mit Charlotte Gainsbourg zu lesen.

Und hier ein aufgezeichnetes Gespräch inklusive Listening Session.

Der neugewonnene Energiefluss des Songschreibens wird unterbrochen, als Kate Barry Ende des Jahres 2013 stirbt. Sie ist Charlottes Halbschwester aus der ersten Ehe ihrer Mutter mit dem Komponisten John Barry. Kate kommt bei einem tragischen Sturz aus einem Fenster im vierten Stock ums Leben. “There are some songs I wrote before my sister passed away”, erzählt Charlotte Gainsbourg. “But it quickly became compulsive that I could only write about her.”

Der Fokus verschiebt sich, der Mittelpunkt der Familie auch. Die restlichen Songs auf “Rest” entstehen in New York, wohin die Künstlerin regelrecht flüchtet. Sie erzählt von der Anonymität in New York, die guttut, aber auch skurril sein kann: Wenn man auf die Frage, wie es einem gehe, direkt und ehrlich antwortet, erfährt man oft Zurückweisung. Hier will niemand die wahren Gefühle der anderen hören oder die eigenen aussprechen.

Genau das will und muss Charlotte Gainsbourg aber: sie spricht ununterbrochen von ihrer Schwester, zuhause, im Studio. Sie ist sich bewusst, dass ihren Kindern das nicht immer gut tut, aber sie kann nicht anders. Die Gedanken drängen hinaus und finden schließlich in der Musik eine Form.

Wieder ist es Sebastian Akchoté, der ihr zur Seite steht, aber sie holt sich noch andere Musiker dazu: Owen Pallett schaut im New Yorker Studio vorbei und bereitet Streichersätze für einige der Songs vor. Sir Paul McCartney, der für Charlotte einige Jahre zuvor den Song “Songbird In A Cage” geschrieben hat, wird eingeladen und tobt sich am Klavier, an der Gitarre, an den Drums aus. Dass der Song upbeat ist - genau wie viele andere auf „Rest“ - steht im Gegensatz zu den Texten:

"For me that’s what the album was about: there are lyrics, they aren’t all painful, but with some very personal and intimate content. And I wanted there to be a contrast with the music. Given the shamelessness of my texts I need there to be a bit of modesty in the music.”

Ein sanfter Disco-Touch schlängelt sich durch “Rest”, mal zurückhaltend, mal offensiv. Charlotte Gainsbourg arbeitet sich mit einer Art positiven Gewalt durch ihre Trauer. Der gute Schmerz.

Cover "Rest" von Charlotte Gainsbourg

Warner Music

„Rest“ von Charlotte Gainsbourg ist bei Warner Music erschienen.

“Rest” ist ein Traueralbum

“Rest” arbeitet die Trauer über zwei verschiedene Familienmitglieder auf, die sich jeweils anders anfühlt:

Als ihr Vater 1991 stirbt, stirbt ein Nationalheld, der nicht nur der Familie, sondern ganz Frankreich gehört. Das Entsetzen darüber, keinen Trauerort für sich selbst zu haben, frisst die damals 19-Jährige Charlotte Gainsbourg in sich hinein. Mittlerweile kann und will sie darüber sprechen. Das ist die eine Trauer, nicht aufgearbeitet und tief in die Seele eingegraben. Und dann gibt es die andere Trauer, noch frisch, aufgerissen, schrecklich und gleichzeitig zu diesem Zeitpunkt anders erfahrbar. Weil die Art, an sie heranzugehen, sich für Charlotte Gainsbourg geändert hat:

“Moving to New York enabled me to write, I allowed myself to be shameless, self-critical, yet constructive. Precisely because I was in an unknown place, completely isolated, I could rediscover myself and go through a sort of rebirth. I had to push myself into this new life.”

Verwinden und etwas Neues formen, das das Alte trägt: “Rest” ist ein Traueralbum, das vom unerträglichen Schmerz erzählt. Von der Liebe, vom Abschiednehmen, von der Abwesenheit von Hoffnung und dem Drang zum Leben. Musik ist kein Gefühl. Musik, in diesem Fall, ist alles.

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