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Filmstill aus "Zauberer"

Thimfilm/Superfilm

Bis einer kippt

Auf Spannung und Ungewissheit folgen Momente von Zärtlichkeit. Oder auch nicht. Der Episodenfilm „Zauberer“ von Sebastian Brauneis ist ein intensives Kinodebüt und erzählt von verstörenden Wünschen.

Von Maria Motter

Der gebürtige Wiener Sebastian Brauneis hat bei mehr als 40 Folgen der „Sendung ohne Namen“ Regie geführt und auch die Serie „BÖsterreich“ mit Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader gemacht. Für „Zauberer“ hat er erneut mit dem Burgtheater-Ensemblemitglied Ofczarek zusammengearbeitet.

Hochöfen schmelzen harte Materie. Dann legt ein Robotergreifarm ein Smartphone auf eine Platte, hebt es wieder weg und die Hand einer Frau kommt mit anmutigen Bewegungen ins Bild. So, als würden ihre Finger das Hauptthema des Scores von Wolfram Eckert tanzen und die Melodie übersetzen. „Zauberer“ von Sebastian Brauneis beginnt mit einer Härte, auf die unmittelbar ein zauberhafter Moment folgt. Für Bruchteile einer Sekunde verfängt sich die gesamte Aufmerksamkeit in einem Detail.

Es gibt viele dieser magischen Momente im ersten Kinospielfilm von Sebastian Brauneis, der im Wien der Gegenwart spielt und auf einer unveröffentlichten Kurzgeschichte des Autors Clemens J. Setz basiert.

Filmstill aus "Zauberer"

Thimfilm/Superfilm

Die Mutter eines schwerstbehinderten Wachkoma-Patienten bekommt Besuch von einem Callboy. Sie will den Mann für Sex im Krankenzimmer bezahlen. Ein Psychiater und seine Frau kaufen im Baumarkt ein Aquarium und führen damit Ungeheuerliches auf. Und eine Schulärztin scheint nicht nur ihre Anstellung zu verlieren, sondern auch ihren Verstand. „Zauberer“ ist ein Episodenfilm, dessen Erzählstränge bei einem Protagonisten zusammenlaufen: Der Oberstufenschüler Marcel hinterlässt seine Telefonnummer an der Toilettenwand eines Nachtclubs. „Suzy - Ich schlucke alles“ hat er dazu geschrieben.

Jetzt rufen ihn ständig „einsame Freaks“ an, wie er kurz genervt ob der großen Nachfrage feststellt. Marcel verstellt seine Stimme, wenn er Anrufe entgegennimmt. „Ist die Suzy deine neue Freundin?“, fragt die kleine Schwester auf Klassenfahrt in ihr Telefon, in einer der innigsten Szenen.

Spannung, ja Anspannung!

Das mag nach „typisch österreichischem Spielfilm“ klingen, aber die Geschichten von „Zauberer“ könnten auch in einem Vorort von Sydney spielen. Einsamkeit ist ein Thema, aber noch mehr geht es in „Zauberer“ um den Versuch, aus der Realität auszubrechen und einem Wunschdenken zu folgen. Das gestaltet sich sehr unterschiedlich, schließlich sind die Sehnsüchte divers. Alle Figuren in dem Film zaubert’s gewaltig. Es wird faszinierend und abstoßend. Es wird beklemmend bis kurz vor dem Punkt, an dem man denkt, will man das sehen? Aber „Zauberer“ wohnt eine große Poesie inne. Die Spannung, ja Anspannung, mündet vielfach in zärtliche Momente. Jedoch nicht immer.

Eine große Stärke des Films ist die Unberechenbarkeit seiner Charaktere und dass hier einmal nicht alles buchstäblich auserzählt wird. „Zauberer“ ist durchkomponiert, mit viel Liebe für Details - wie Scheinwerferlicht, das altmodische Deckenlampen im Nachtclub streift. Oder der abgehakte - weil im Auto-CD-Player abgespielte - Soundtrack, der auf der Akustikgitarre schön erklingt.

Filmstill aus "Zauberer"

Thimfilm/Superfilm

Die Wünsche und Sehnsüchte der Charaktere offenbaren sich nach und nach, fügen sich wie Puzzleteile zusammen. Es wird viel geschaut in diesem Film. Nicholas Ofczarek in seiner Rolle als Ehemann, der selbst unausgesprochene Begierden seiner blinden Frau in die Tat umzusetzen trachtet, tadelt Jugendliche, als die das Paar anstarren. Ausgerechnet der Psychiater wird noch jedes Augenmaß verlieren.

Erstmals standen der Burgtheater-Schauspieler Nicholas Ofczarek und seine Ehefrau im echten Leben, die Schauspielerin Tamara Metelka, gemeinsam vor der Kamera (Roman Chalupnik). Besonders toll ist Michaela Schausberger in der Rolle als Mutter, die sich und ihren Teenagersohn im Wachkoma nicht aufgegeben hat. Doch man nimmt dem gesamten Cast all die heiklen Situationen ab, in die er das Publikum führt.

Filmstill aus "Zauberer"

Thimfilm/Superfilm

Setz, Brauneis und Ofczarek schrieben das Drehbuch

Es gibt Filme, die drücken einen in den Kinosessel. Erstaunlicherweise bewirkt „Zauberer“ das Gegenteil. Die Bewegung in diesem Film ist nach vorne, für noch mehr Aufmerksamkeit auf das Geschehen auf der Leinwand. Im Jänner ist „Zauberer“ im Wettbewerb des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis gelaufen.

Die erste Drehbuchfassung war laut Clemens Setz novellenartig. Regisseur Sebastian Brauneis hat mit Nicholas Ofczarek die Dialoge erarbeitet und das Drehbuch in seine finale Fassung gebracht. Für die Arbeit bekamen die drei auf der Diagonale den Spezialpreis der Jury des Thomas Pluch Drehbuchpreises verliehen. „Wir sehen hier eine Art zu erzählen, die sich nicht um Konventionen und Erwartungen schert, sondern radikal ihrer inneren Stimme folgt“, hält die Jury in ihrer Begründung fest.

„Zauberer“ von Sebastian Brauneis startet am 20. April 2018 in den österreichischen Kinos

An „Zauberer“ erinnert man sich noch Tage nach dem Kinobesuch. Und Françoise Hardys Chanson „Ce petit coeur“ hat man im Ohr. Einzig Aquarien wird man danach mit anderen Augen sehen.

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