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Szenen aus dem Film "In den Gängen"

Polyfilm

Großes Kino im Großmarkt

Wenn Gabelstapler Walzer tanzen. „In den Gängen“ erzählt vom Arbeitsalltag im Großmarkt, vom Gabelstaplerfahren, von der Geschichte Deutschlands und vom Fernweh. Und zwischendrin werfen sich Franz Rogowski und Sandra Hüller lange Blicke beim Kaffeeautomaten zu. Was für ein grandioser Film.

Von Pia Reiser

In Sachen Franz Rogowski schaut die Sache so aus: Entweder man hat noch nie einen Film mit ihm gesehen oder man zahlt regelmäßig Mitgliedsbeitrag in einen Franz-Rogowski-Fanclub ein. Anhand der Rollen des 32-jährigen Schauspielers lässt sich die interessantere Geschichte des jungen deutschen Films erzählen. Filme, die etwas gewagt haben. Von „Love Steaks“ über „Viktoria“ zu „Fikkefuchs“. Es folgen Filme mit Michael Haneke („Happy End“) und Christian Petzold („Transit“) und jetzt bietet Thomas Stubers „In den Gängen“ die Möglichkeit, Rogowskis Gesicht - und Spiel - auf Leinwandgröße zu bestaunen.

Bilder aus dem Film "In den Gängen"

Polyfilm

Gleich in den ersten Sekunden seines Films beweist Regisseur Stuber ordentlich Chuzpe. Ausgerechnet „An der schönen blauen Donau“, ein Stück zentnerschwer mit Assoziationen - einerseits der Jahreswechsel, andererseits Stanley Kubricks „2001“ -, beladen, eröffnet seinen Film. Gabelstapler fahren zu Walzerklängen durch die langen Gänge eines Großmarkts, es sind unendliche Weiten, eine Welt für sich, gar nicht so unähnlich also der Kubrick’schen Odyssee im Weltraum. Neu gelandet auf dem Planeten Großmarkt ist Christian (Franz Rogowski).

Als Lehrling in einem Großmarkt in Sachsen trägt er einen blauen Arbeitskittel und eine stoische Schweigsamkeit zur Schau, während er Getränkekisten stapelt und Gabelstaplerfahren lernt. Manchmal linst er zwischen den Mineralwasserflaschen hindurch in die Süßwaren-Abteilung, um einen Blick auf Marion zu erhaschen, die Schokoriegel ein- und umordnet.

Keine „quirky“ Liebesgeschichte

Die famose Sandra Hüller spielt Marion, deren blondes Haar ein wortwörtliches Highlight in dem größtenteils fensterlosen Großmarkt ist. Wenn sich Rogowksi und Hüller am Kaffeeautomaten im Pausenraum gegenüberstehen und sich eine Annäherung in winzigen Gesten anbahnt, dann ist das so wunderschön anzusehen, so geerdet und poetisch, dass man den ganzen Film umarmen möchte. Und die Umarmung gleich wiederholen möchte, weil „In den Gängen“ dann nicht das macht, was sagen wir mal, eine französische Komödie aus gleichem Setting machen würde. Hier folgt keine quirky Liebesgeschichte zwischen niedlich-kauzigen Figuren, während im Hintergrund eine putzig-geschönte Arbeitswelt illustriert wird.

Bilder aus dem Film "In den Gängen"

Polyfilm

Mit langem Atem und detailreich bebildert „In den Gängen“ den Arbeitsalltag im Großmarkt. Stapeln, einordnen, rumräumen, Kaffee rausdrücken, Zigarettenpause, abgelaufene Waren wegschmeißen, Zigarettenpause. Wir sind hier per Du wird Christian gleich zu Beginn erklärt.

Nicht trostlos, nicht gekitscht, nicht verschönt

Doch im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen, die sich oft mit mitleidigem Blick dazu aufschwingen, die Welt von ArbeiterInnen einzufangen, nutzt „In den Gängen“ den stellenweise repetitiven Arbeitsalltag nicht zum Etablieren einer Trostlosigkeit. Gekitscht oder verschönt wird das Leben zwischen Kühlregalen und Kundenkontakt aber auch nicht. Thomas Stuber findet für seinen herausragenden Film eine eigene Tonalität, die mit Mileustudie oder Sozialdrama nur mehr ganz wenig zu tun hat.

„In den Gängen“ erzählt von Solidarität zwischen ArbeiterInnen, von einer Struktur, die Halt geben, einen vielleicht aber auch ersticken kann. Bruno, ein wie immer bestürzend guter Peter Kurth, erklärt Christian bei der Zigarettenpause von seiner Fernfahrer-Vergangenheit, während sein Blick auf die Autobahn fällt, die am Großmarkt vorbeiführt. Nach dem Ende der DDR hat Bruno seinen alten Job verloren und im Großmarkt angefangen. Wendegewinner sagt er zynisch und lässt den Blick wieder schweifen.

Szene aus dem Film "In den Gängen"

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Das Fernweh, das Stuber durch seinen Film wehen lässt, manifestiert sich auf viele Arten. Eine Fototapete mit Palmen und Sonnenuntergang im Pausenraum ist nicht zu übersehen, ebensowenig ein 500 teiliges Palmen-Puzzle, das wohl nie jemand fertig bauen wird. Doch dann ist da noch die Ton-Ebene. Wenn Christian und Marion im Pausenraum einander anstarren und anlächeln, dann hört man Meeresrauschen. Oder eben das Geräusch vorbeifahrender Gabelstapler, wer weiß das schon so genau.

„In den Gängen“ startet am 25. Mai 2018 in den österreichischen Kinos.

Auf den Mikrokosmos Großmarkt wirft Thomas Stuber einen unendlich zärtlichen Blick, erzählt mit Lakonie und Melancholie wie Aki Kaurismäki, aber visuell noch erfindungsreicher. Nutzt nicht nur die Horizontale des Filmformats, sondern erforscht mit der Kamera auch die vertikale Achse, geht in die Luft, schwebt entlang der Hochgestelle in schwindlige Höhen. Der Film folgt einer strengen Struktur, einer genauen Komposition von Wiederholungen und dramatisch ausgeleuchteten Bildern. Doch im formalen Korsett pocht ein großes Herz. Und irgendwie schafft es „In den Gängen“, dass sogar das unbarmherzige Neonlicht, das im Film vorherrscht eine gewisse Schönheit besitzt.

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