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Ipanema-Strand in Rio

CHRISTOPHE SIMON / AFP

Sounds of Brasilien: Latin Lovers

Die Themenmix-Sendung FM4 Excursions geht in Staffel 2 wieder auf investigative Sample-Recherche. Trishes führt uns in seinem ersten DJ-Mix nach Brasilien in das Land des Bossa Nova. Die „Liner Notes“ beschreiben, wie Brasiliens Rhythmen HipHop und Dance-Music bereichert haben.

Von Florian Wörgötter

Wir gehen diesen Sommer wieder auf musikalische Entdeckungsreise. FM4-Tribe-Vibes-Host Stefan Trischler aka Trishes übernimmt sechs Wochen lang Martin Blumenaus Bonustrack und führt uns jede Nacht von Mittwoch auf Donnerstag um 0 Uhr mit diversen Themenmixes zu den Wurzeln von HipHop-Beats und Dance-Tunes. Er fadet zwischen dem Heute und Gestern der Popkultur, indem er Samplequellen, also geliehene Musikschnipsel, den daraus entstanden Beats gegenüberstellt. Ich habe das Vergnügen, auch für Staffel zwei der FM4 Excursions den Reiseführer zu spielen und mit den „Liner Notes“ den Kontext der einzelnen Sehenswürdigkeiten zu beschreiben.

Stefan Trischler mit Schallplatte

Christof Moderbacher

Stefan „Trishes“ Trischler

Unsere forschungsleitende Frage: Wie beeinflussen Genres, Epochen, Instrumente oder Regionen elektronisch produzierte Stile wie HipHop und Dance-Music? Schon 2016 haben wir in acht Episoden die musikalischen Stammbäume von Jazz, Reggae, Disco, Soul, Filmsoundtracks und früher Synthesizer-Musik nachverfolgt und uns weiters angesehen, wie ihnen Produzenten in Form von Samples neues Leben einhauchten. Staffel 1 könnt ihr hier Nachhören/Nachlesen.

FM4 Excursions

Bunt gemixte Assoziationsketten zeigen die Wurzeln aktueller Sounds und ihre Einflüsse auf die musikalische Jetztzeit. Die Excursions-Themen-Mixtapes von Trishes laufen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ab 0 Uhr und im Anschluss für 7 Tage im FM4 Player. Ein Klick auf die Links der beschriebenen Songs führt zu ihrer Position im Mix.

Der erste Ausflug in der 2018er-Staffel bringt uns nach Brasilien, in das Land des Samba, Bossa Nova und Tropicalismo. Der fünftgrößte Staat der Welt greift auf ein reiches musikalisches Erbe zurück: auf europäische Einflüsse der ehemaligen Kolonialmacht Portugal, auf afrikanische Traditionen der eingeschleppten Sklaven und auf Liedgut der indigenen Urbevölkerung.

Seit je ist die brasilianische Musiktradition offen für Einflüsse außerhalb ihrer Kultur. Diverse Brüderschaften mit nordamerikanischem Jazz, Funk, Soul und Disco erweckten die Neugier von Sample-Suchern für elektronisch produzierte Stile wie HipHop, House oder Drum’n’Bass. Trishes zeigt in seinem einstündigen Mix einen Querschnitt der afro-brasilianischen Liason mit der internationalen Popkultur. Jeder beschriebene Song kann per Klick im FM4 Player sieben Tage lang nachgehört werden.

Bossa Nova: Fernbeziehungsmelancholie

Ende der 1950er-Jahre startete in Brasilien eine neue Musikwelle namens Bossa Nova (der/die). Während der vorherrschende Samba ursprünglich von der Straße kam, revolutionierten intellektuelle Komponisten und Dichter aus der Mittelschicht wie Antônio Carlos Jobim, Vinícius de Moraes und Luiz Bonfá die brasilianische Musik mit komplexer Harmonik, melodischer Leichtigkeit und sanfter Melancholie. Ihr Bossa Nova führte eine Fernbeziehung mit dem Jazz aus den USA und den Wurzeln aus Afrika.

Tom Jobim Statue am Strand von Ipanema

CHRISTOPHE SIMON / AFP

Statue von Antonio Carlos „Tom“ Jobim am Strand von Ipanema

Trishes beginnt Episode 1 mit dem US-Saxofonisten Stan Getz, einem wichtigen Impulsgeber des Cool Jazz der sonnigen Westküste, und seinem brasilianischen Kompagnon, dem Komponisten Luiz Bonfá. Im klassischen Bossa Nova-Stück „Saudade Vem Correndo“ (1962) legt sich Getz’ rauchiges Tenor-Saxofon gewohnt gelassen über Bonfás Akustikgitarre. Bevor Maria Toledos exemplarischer Gesang einsetzt, schlägt erstmals der Metalldetektor aus – wir sind auf (Sample-)Gold gestoßen: Saxofon plus Gitarre, an weiterer Stelle nur die Gitarre, bilden 33 Jahre später das Fundament des HipHop-Klassikers „Runnin’“ der Rap-Sängerknaben The Pharcyde.

Mit diesem entspannten Beat tritt auch der viel zu früh verstorbene Meisterproduzent J-Dilla (damals noch: Jay Dee) erstmals in Erscheinung. Als einer der frühen HipHop-Produzenten nimmt der Detroiter Anleihen aus Brasilien. Interessanterweise steckt das Wort „Laufen“ auch im Titelwort „Correndo“, dessen Sinn frei übersetzt werden kann mit: wenn einen die Sehnsucht einholt. Wir wollen nicht hinterfragen, ob The Pharcyde sich beim Songwriting dieselben Gedanken gemacht haben und schauen über den Tippfehler des geklärten Samples im Album-Booklet von „Labcabincalifornia“ hinweg.

J-Dilla

Mass Appeal

J-Dilla

Música Popular Brasileira: Pop für alle

Die brasilianische Popmusik – Música Popular Brasileira (MPB) – war nie ausschließlich eine Jugendkultur, sondern wird von allen Altersschichten gehört. Vor allem Rio de Jainero und Sao Paolo sind seit den 1960er-Jahren wichtige Brutstätten für regionale Stile, die im Sinne der MPB mit amerikanischen, karibischen oder europäischen Einflüssen zu überregionalen Hits angereichert wurden.

Fahnenträger Jorge Ben verschmilzt seit den 1960er-Jahren erfolgreich die Tradition des Sambas mit westlichem Pop, Rock und Soul. Zuerst hören wir sein „Comanche“ vom Album „Negro E Lindo" (1971), aus dem Black Eyed Peas-Producer Will.I.Am gleich mehrere Instrumente für den Song „Fallin’ Up“ (1998) entlehnt. Das Stück erinnert an die knackigen Wurzeln der US-Chartbreaker, als diese noch besonders musikalischen HipHop für die Nische produzierten.

Jorge Ben

ERIC CABANIS / AFP

Jorge Ben 2005

Darauf folgt Jorge Ben’s „Oba, Lá Vem Ela" (1970) mit dem gleichnamigen Chorus, dessen Lautfolge den Wiener Rapper Skero Jahrzehnte später zum Refrain seines heimatlichen Hassliebeslieds „Wien“ (2009) inspiriert („Vienna, Vienna“). Denn die Ambivalenz zwischen Melancholie und Frohsinn charakterisiert nicht bloß die brasilianische Bossa Nova-Seele, sondern auch den Geist der Stadt an der schönen blauen Donau.

Tropicalismo: A Revolution We Can Dance To

Als sich in Brasilien 1964 das Militär an die Macht putschte, verließen viele Musiker das Land. Parallel zu den internationalen Studentenprotesten der 1968er organisierte sich in Brasilien die kulturell-politische Bewegung Tropicália oder Tropicalismo. Ihre antiautoritäre Haltung gegenüber der repressiven Politik der Militärdiktatur fand auch Ausdruck in der Musik, die von Bossa Nova und regionaler Volksmusik sowie von Jimmy Hendrix und Chuck Berry inspiriert war. Jedoch nicht ohne Konsequenz: Mehrere Künstler wurden inhaftiert oder des Landes verwiesen.

Eine Vertreterin des Tropicalismo war die heute noch lebende Sängerin Gal Costa. Trishes spielt ihren Song „Pontos De Luz“ (1973). Ein paar Takte später hören wir seine Wiederauferstehung in „Lite Spots“ (2016) des kanadischen HipHop-/House-Produzenten Kaytranada. Im Video tänzelt ein Roboter über den Asphalt wie Neymar über den Rasen – sofern ihn keine Schweizer Abwehrrecken unter Dauerbeschuss nehmen.

Gal Costa

TIZIANA FABI / AFP

Gal Costa 2008

Eine weitere Empfehlung mit schwerem Percussion-Groove: Das Trio Ternura und ihre funky Psych-Soul-Hymne „A Gira“ (1973), die von den House-Producern Jesse Rose & Avon Stringer in „Pressure“ (2017) einem Four-To-The-Floor-Makeover unterzogen worden ist.

Bossa Nova-Revival: Loungin’

Zum Finale schließt Trishes den Kreis mit dem eingangs erwähnten Komponisten Antonio Carlos Jobim, kurz: Tom Jobim. Der brasilianische Sänger, Pianist und Gitarrist begründete den Bossa Nova Ende der 1950er-Jahre. Sein bekanntestes Lied: „Garota de Ipanema“, besser bekannt als tausendfach interpretiertes „The Girl from Ipanema“. Trishes wählt aber geschickterweise den Song „Lamento“ (1969), dessen Piano die Blaupause für den japanischen DJ und Produzenten Towa Tei und sein „Technova“ (1994) liefert. Das Besondere an der HipHop-Version: Die Gesangsstimme kommt von der brasilianischen Liedermacherin Bebel Gilberto, der Tochter der Musikgrößen João Gilberto und Miúcha. Bebel trug wesentlich zur Wiederentdeckung des Bossa Nova durch elektronische Produzenten in den 1990er-Jahren bei.

Bebel Gilberto 2001

VANINA LUCCHESI / AFP

Bebel Gilberto 2001

Wobei wir wieder bei J-Dilla wären: Denn dieser sampelte Bebels Chorus für die Hit-Single „Find A Way“ (1998) von A Tribe Called Quests fünftem – und lange Zeit letztem – Album „The Love Movement“. Wer genau hinhört, erkennt im zweistimmigen Chorus von Q-Tip und der gesampelten Bebel Gilberto zwei unterschiedliche Sprachen, also sein American-English und ihr Portugiesisch. Sehr interessant, dass A Tribe Called Quest ihre Lyrics damals lautmalerisch dem gesampelten Refrain nachgezeichnet haben, damit sie silbengleich zu den Zeilen von Bebel Gilberto passen. Zur Anschauung hier die gesampelte Version von A Tribe Called Quest.

Randnotiz: Q-Tip arbeitete schon 1990 mit Towa Teis Kollektiv Deeelite am Song "Groove Is In the Heart“. Dessen musikalische Verwandtschaft zu Herbie Hancock haben wir bereits in der ersten Staffel aufgespürt.

Auch für Trishes schließt sich mit diesem Brasilien-Trip ein Kreis: Seine allererste Auflegerei im Jahr 1999 widmete er im Wiener Club U dem Bossa Nova. Anlässlich dieses Beinahe-Jubiläums abschließend ein Musik-Präsent von mir für ihn und alle anderen Latin-Lovers:

Nächste Woche schlagen die FM4 Excursions den Spagat zwischen E- und U-Musik und widmen sich der Rolle der Klassischen Musik als Samplequelle.

Tracklist von Staffel 2, Episode 1:

Stan Getz & Luiz Bonfá Saudade Vem Correndo
The Pharcyde Runnin’
Black Eyed Peas Fallin’ Up
Jorge Ben Comanche
Jorge Ben Oba, Lá Vem Ela
Skero Wien
NxWorries Link Up
Cassiano Onda
Gal Costa Pontos de luz
Kaytranada Lite Spots
Nova Fronteira Black Sun
Djavan Nereci
Trio Ternura A Gira
Jesse Rose & Avon Stringer Pressure
iO Claire
Joao Donato Cala Boca Menino
Isaiah Rashad Cilvia Demo
Ana Mazzotti Feel Like Making Love
Ana Mazzotti Bairro Negro
Jigmastas C.S.S.
Ludacris ft. Common & Spike Lee Do The Right Thang
Arthur Verocai Na Boca do Sol
Antonio Carlos Jobim Lamento
Towa Tei & Bebel Gilberto Technova
Emanon More Than You Know
Antonio Carlos Jobim Triste

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