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Bücher für den Sommer, Ferien und Urlaub

Ferien und Urlaub bieten sich hervorragendst zum Bücherlesen. Man kann verreisen und lesen. Oder auch daheim bleiben und dennoch verreisen. Mit diesen Büchern.

von Zita Bereuter

Endlich Zeit! Endlich neue Länder! Neue Kulturen! Neue Gedanken! Dazu passend einige Bücher, die in der FM4 Redaktion gerne gelesen wurden. Ein paar Empfehlungen von Nord nach Süd. Und außen rum.

Cover Nordwasser

mare verlag

Ian McGuire: Nordwasser. Originaltitel „The North Water“. Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Körber, 304 Seiten, Mare Verlag 2018

Ian McGuire: Nordwasser

Reiseziel: Arktis
empfohlen von Rainer Sigl

Eis, Blut und Dreck: Ein ebenso faszinierender wie brutaler Eintrag ins Genre des arktischen Abenteuerromans.
Mitte des 19. Jahrhunderts sticht das Walfangschiff Volunteer von seinem nordenglischen Hafen aus in See, um einen kalten Sommer lang im Polarkreis Wale und Robben zu jagen. An Bord eine Crew bärbeißiger Matrosen - und ein gewissenloser Mörder. Schon bevor das Schiff seinen Heimathafen verlassen hat, hat der Harpunier Henry Drax einen Mann aus Habgier erschlagen und einen Jugendlichen vergewaltigt und erwürgt.
Das ist kein historischen Abenteuerroman, sondern ein düsterer Thriller mit einer zeitweise schwer erträglichen Portion Realismus und Brutalität: So viel Dreck, Blut und alle denkbaren anderen Körperflüssigkeiten sowohl von Menschen wie auch Tieren fließen selten in der Literatur.
Der wahre Horror liegt in den Dingen, die Menschen sich gegenseitig anzutun bereit sind, und in einer Natur, die ebenso faszinierend wie gleichgültig ist. Dabei wäre das Leben auf See auch ohne mörderische Matrosen tödlich genug: Die Brutalität der Jagd, die gefährliche Arbeit und eine Natur, die so faszinierend wie menschenfeindlich ist, fordern ein ums andere Menschenleben.

Cover Lucy Fricke "Töchter"

Rowohlt Verlag

Lucy Fricke: Töchter. 240 Seiten, Rowohlt 2018

Lucy Fricke: Töchter

Reiseziel: Deutschland – Schweiz – Italien – Griechenland
empfohlen von Zita Bereuter

Ein Roadtrip mit zwei coolen Frauen durch Europa.
Wo Töchter sind, müssen auch Eltern sein. In diesem Fall liegt das Augenmerk auf den Vätern. Richtiger, auf deren Abwesenheit. Denn sowohl Betty, die Erzählerin, als auch ihre beste Freundin Martha wurden von ihren Müttern großgezogen. Das hat die Töchter geprägt. Das verbindet sie. Jahrzehntelang haben sie nichts von ihren Vätern gehört und plötzlich bestimmen die ihr Leben. Marthas Vater ist todkrank und will in der Schweiz sterben. Martha soll ihn begleiten. Betty soll die beiden hinfahren.
Auf dieser Reise zeigen sich die Höhen und Tiefen des Lebens, vor allem die Abgründe, die es in Familien geben kann.
Man liest in der deutschsprachigen Literatur selten von einer Freundschaft, die so durch dick und dünn geht. Schon gar nicht von Frauen. „Das war die Basis unserer Freundschaft, dass wir an die andere glaubten, wenn ihr die Kraft dafür abhandenkam.“
Was melancholisch, traurig und hart klingt, ist mit großartig schwarzem Humor geschrieben.

Cover vom dritten Teil des Graphic Novels "Die besten Feinde"

Avant Verlag

Jean-Pierre Filiu und David B: Die besten Feinde. Dritter Teil 1984/2013. Eine Geschichte der Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Nahen Osten. Übersetzung aus dem Französischen von Annikia Wisniewski. 96 Seiten, Avant Verlag 2018

Jean-Pierre Filiu und David B: Die besten Feinde

Reiseziel: USA und Naher Osten
empfohlen von Ali Cem Deniz

So intensiv wie derzeit haben sich europäische Medien selten mit der US-Politik beschäftigt. Für viele Menschen im Nahen Osten hingegen ist das Normalität. In den USA sehen sie abwechselnd ihren wichtigsten Verbündeten oder ihren größten Feind. Die komplizierten Beziehungen haben vor allem seit 9/11 eine Armee an Expertinnen und Experten hervorgebracht, die täglich in Büchern, Artikel und Tweets zu erklären versuchen, was die USA im Nahen Osten treibt. Oft scheitern sie.
Der französische Historiker Jean-Pierre Filiu geht einen anderen Weg. Mit dem Zeichner David B. präsentiert er in der Reihe „Die besten Feinde“ die Geschichte der USA im Nahen Osten in Comicform. Und die fängt viel früher an, als die meisten vermuten würden.

Lange vor dem Erdöl, vor Saddam oder al-Qaida, startet die junge amerikanische Nation im späten 18. Jahrhundert ihren ersten Krieg in der Region. Nicht mit Kampfjets, sondern mit Kriegsschiffen, bekämpft sie Piraten im Mittelmeer, die unter osmanischer Schirmherrschaft amerikanische Schiffe plündern.
Dererste Band beschäftigt sich vor allem mit diesen Schlachten im Mittelmeer. Danach geht es im rasenden Tempo durch das 19. und das 20. Jahrhundert bis zu einem der vielleicht wichtigsten Ereignisse überhaupt: Die CIA stürzt 1953 mithilfe des britischen Geheimdiensts den iranischen Premierminister Mossadegh und installiert an seiner Stelle den Schah.
Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet. Die folgenden zwei Bände beschäftigen sich mit der modernen Geschichte von der iranischen Revolution, über den Golfkrieg, 9/11 bis hin zum aktuellen syrischen Bürgerkrieg.

Das gibt einen guten und humorvollen Überblick über die spannungsreiche Geschichte, die von ständigen Interventionen, Zerstörungen und Enttäuschungen geprägt ist.

Buchcover von Roberto Savianos "Clan der Kinder"

Hanser Verlag

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder, übersetzt von Annette Kopetzki, Hanser Verlag, 416 Seiten, 2018

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder

Reiseziel: Neapel
empfohlen von Maria Motter

Roberto Savianos investigatige Reportagen über die italienische Mafia waren Bestseller. Der Preis dafür: Seit zehn Jahren lebt er unter Polizeischutz und im Exil.

Erstmals erzählt er jetzt eine fiktive Geschichte - wenngleich von einem konkreten, realen Fall inspiriert.
Schauplatz ist Neapel. Sogenannte „Baby-Gangs“ haben sich gebildet, „Junge Mörder ohne Padrone“, hat doch die italienische Polizei gewichtiger Mafia-Köpfe verhaftet. Die alte Struktur der Macht und Gewalt bricht ein.

Das Überraschende ist: Diese Jugendlichen, die Mafiosi imitieren, sich Gesten aus Spielfilmen aneignen und Pistolen, bald Pump-Guns am Schwarzmarkt organisieren, kommen aus gut behüteten Bürgerfamilien, aus der Mittelschicht. An vielen Ecken gibt es die liebenswerte, gute Seite der Gesellschaft, den geregelten Alltag und die Normalität.

Mittendrin lebt Nicolas. Sein Papa ist Sportlehrer, die Mama hat eine kleine Putzerei. Aber Nicolas zitiert Macchiavelli, will teure Sneakers und ein anderes Leben. Bald verchecken der Teenager und seine Freunde Drogen für einen gewissen Copacabana. Aber die „Famiglia“, jene Familie, mit der die Mafia gemeint ist, stellt sich als Sackgasse heraus: Zwar folgen die Jugendlichen Copacabana wie „hungrige Welpen ihrer Mutter“, aber der hat genug Probleme am Hals. Also müssen sich die jugendlichen Freunde neue, eigene Einkommensquellen aufreißen.
Blitzartig wirken die Brutalität und Gewalt im Roman, unberechenbar und vielfach nicht vorhersehbar rauben und morden die Protagonisten - oder sie werden die Opfer.

Roberto Savianos „Debütroman“ ist Kopfkino. Die Geschichte ist verstörend, ihre Erzählung ist es nicht.

New York

DEY ST./jeremiah moss

Jeremiah Moss: Vanishing New York - How a Great City Lost Its Soul. Dey Street Books, 480 Seiten, 2017

Jeremiah Moss: Vanishing New York - How a Great City Lost Its Soul

Reiseziel: New York
mit New York Fotos empfohlen von Alex „DJ Phekt“ Hertel

Griffin Hansbury ist Anfang der Neunziger Jahre von der amerikanischen Provinz nach New York gezogen, um dort den bürgerlichen Kleingeist hinter sich zu lassen. Von legendären Bars & Clubs in der Lower East Side, queeren Hotspots im ehemaligen „Meat Packing District“ und den Künstler-WGs in Williamsburg hat er gerade noch die letzten Atemzüge miterlebt. Fast täglich wurde er Zeuge einer scheinbar unaufhaltsamen Veränderung der Stadt. Immer mehr Familienbetriebe werden durch überproportional ansteigende Mieten gezwungen, ihre oft über Generationen geführten Restaurants oder Clubs zu schließen. An ihre Stelle kommen Starbucks & Co.

Unter dem Pseudonym Jeremiah Moss hat Griffin begonnen, seine Beobachtungen und seinen Frust im viel beachteten Blog Vanishing New York zu dokumentieren.

Darauf aufbauend - mit dem Untertitel „How a great city lost its soul“ versehen - entstand das gleichnamige Buch, in dem er akribisch beschreibt, wie sich der „Big Apple“ in eine langweilige, sterile, von allen Risiken befreite Stadt verwandelt.
Jeremiah Moss beschreibt darin detailliert, wie sich Stadtteile wie Manhatten, Brooklyn, Harlem oder mittlerweile auch die Bronx rasant verändern. Welche Mechanismen und politische Manöver dahinterstecken und was es mit den Menschen macht, die seit Jahrzehnten dort leben. Es sind teilweise Episoden und Geschichten, die Gänsehaut erzeugen und das Bewusstsein für urbane Veränderungen stärken.

Cover der Graphic Novel "Der Riss"

avant Verlag

Guillermo Abril (Text) und Carlos Spottorno (Fotos): Der Riss. Aus dem Spanischen von André Höchemer. 184 Seiten, Avant Verlag 2017, Leseprobe

Guillermo Abril (Text) und Carlos Spottorno (Fotos): Der Riss.

Reiseziel: Europa
empfohlen von Zita Bereuter

Rund um Europa verläuft ein massiver Riss. Auch in Europa gibt es stetig wachsende Risse. Warum es jetzt wichtig ist, an Europa zu glauben, zeigen ein spanischer Reporter und ein Fotograf in der Foto-Reportage „Der Riss“. 2013 sollen die beiden für die spanische Zeitung „El País“ eine Reportage über die Grenzen Europas machen. Drei Jahre später beenden sie die Arbeit mit 25.000 Fotos und 15 vollen Notizbüchern. Das Ergebnis sind etliche Artikel und der World Press Photo Award. Die beiden wollen ihre unglaublichen Erlebnisse aber noch weitererzählen und machen aus dem vielen Material die einzigartige Graphic Novel „Der Riss“.

Melilla – Lampedusa – Sizilien – die türkisch-bulgarische Grenze – die russische Enklave Kaliningrad – das Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine: Spottorno und Abril schauen zu und schauen hin. Was die beiden zeigen, ist kein einmaliges Ereignis. Das ist Alltag. Europäischer Alltag. Elendiges und trostloses Leben rund um Europa. Sie zeigen Menschen, die sich im Wald verstecken, tröstende Eltern inmitten von Menschenmassen oder Menschen, die sich durch Fenster in einen Zug quetschen.
Sie seien keine Politiker oder Philosophen, sondern Journalisten, die viele Dinge gesehen hätten und sie nun erzählen und zeigen. Denn das, was sie gesehen hätten, habe ihr Denken verändert, erklärt Guillermo Abril. Die beiden glauben an Europa. Auch wenn vieles in Europa nicht funktioniert, Europa ist ein friedlicher Ort für den wir eintreten sollen.

Letztlich ist diese Graphic Novel eine Warnung – eine Aufforderung für Europa einzustehen. Denn auch wenn viele das gern kleinreden – Europa ist eine der sichersten und lebenswertesten Weltregionen.

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