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Anderson .Paak

Israel Ramos

Artist of the Week

Alle mögen Paak. No Beefs.

Anderson .Paak ist eines der größten Talente im Hip-Hop. Nun soll mit seinem Album „Oxnard“ auf Dr. Dres Aftermath-Label der große Durchbruch gelingen.

Von Christian Lehner

„Bubbelin‘“, das heißt Blasen schlagen, köcheln, sieden“, erklärt Anderson .Paak, „es ist der Moment, bevor der Deckel abhebt.“ Er selbst wirkt wie der Zustand, den er gerade beschrieben hat. Es bubbelt gewaltig in diesem Mann. Die Art, wie er am Sofa herumzappelt, die Art, wie er über sein Leben spricht, die Art, wie er einen dabei anschaut: „Bubbelin‘!“. Dabei hat es der Albumvorbote, der im Juli diesen Jahres veröffentlich wurde, gar nicht auf die neue Platte von Anderson .Paak geschafft. Doch mit dieser Stand-Alone-Single war eine Fährte gelegt, wohin die Reise gehen sollte.

Im Gegensatz zu der breezy Tonalität der beiden Solo-Alben „Venice“ und „Malibu“ klingt Anderson .Paak auf „Bubbelin‘“ aufgekratzt, wenn nicht gar aggressiv. Die Beats prasseln wie Hagel auf einen nieder. Mit Bläser- und Streicher-Samples im Intro bedient sich der Kalifornier zwar erneut einer Retro-Ästhetik, doch die klingt wie der Auftakt zu einem Kung-Fu-B-Movie aus den 70er-Jahren.

Im Video lassen außer Kontrolle geratene Geldautomaten Scheine regnen, während Anderson .Paak damit prahlt, es endlich geschafft zu haben. Den Pelzmantel umgeschlagen und neben seinem Sohn posierend, inszeniert sich .Paak als einer, der gerade oben auf dem Gipfel steht. Das war nicht immer so. Das war sehr lange anders. Anderson .Paak mag zwar derzeit als ein Shooting-Star des Hip Hop gelten, doch Paak ist bereits 32 Jahre alt und hat schon so einiges erlebt.

Vom Marihuana-Pflücker zum Star

Jahrelang schlug sich Brandon Anderson Paak in Los Angeles als Session-Musiker durch. Der exzellente Schlagzeuger und Rapper lebte zeitweise auf der Straße und pflückte Gras auf einer halblegalen Marihuana-Farm. Die Ernährung von Frau und Kind hatte Priorität, Jobs, etwa für die TV-Sangesshow „American Idol“, hielten die junge Familie über Wasser.

Bereits die Kindheit war kein Zuckerschlecken. Paak wuchs zwar in einer Mittelklassefamilie in der Nähe von Los Angeles als Sohn einer Frau mit koreanischen Wurzeln und eines schwarzen Navy-Angestellten auf, doch der Vater verfiel zunehmend dem Suff und den Drogen. Als Knirps musste Anderson zusehen, wie sein Vater versuchte, die Mutter zu ermorden. „Das nächste, das ich über Pops erfuhr, war, dass er im Gefängnis gestorben ist“, so Paak heute.

Ende Zwanzig standen für Paak zwei Optionen zur Wahl: entweder das unstete Leben führt auch ihn direkt in die Hölle, oder er besinnt sich doch noch auf das musikalische Talent, das ihm seit seinen Kindertage im Gospelchor beschieden wurde. Die Rettung kam in Gestalt des Musikmanagers Brian Lee. Der kümmerte sich im Großraum Los Angeles hauptsächlich um Rap-Talente mit asiatischen Wurzeln. Er schlug Paak einen Deal vor: „Ich zahl die Miete, du schreibst Musik!“.

Paak schloss sich also für mehrere Wochen in einem zum Studio umfunktionierten Appartement ein, verzichtete auf Alkohol und Drogen und schrieb sich aus der Krise. „Fast jeder Tag brachte einen neuen Song. Viele davon landeten auf dem Album „Malibu“, so Anderson .Paak im FM4-Interview.

„Malibu“ erschien 2016 und platzte Mitten in die Trap-, Cloud- und Mumble-Rap-Welle. Während Horden von Teenage-Angst-MCs Rauchwolken voller Nihilismus aufsteigen ließen und der Tradition der afroamerikanischen Popmusik den ausgestreckten Mittelfinger zeigten, lichtete Anderson .Paak den Nebel mit einer Mischung aus laid back Soul, Jazz und Hip Hop. Der Sound gemahnte an 70er-Jahre-Größen wie Curtis Mayfield oder Stevie Wonder, ebenso wie an den Conscious Rap der 90er- Jahre und natürlich auch an zeitgleich agierende woke Californians wie Kendrick Lamar oder die Menschen vom Brainfeeder-Label.

Hartes Leben, sanfte Beats

Paaks große Kunst liegt darin, aus seinen Lebensumständen packende Geschichten mit soziokulturellem Gehalt formen zu können. Diese Vignetten sind größer als sein persönliches Schicksal, nehmen jedoch nie den Duktus einer politischen Rede an. „Künstler sollten die Zeit reflektieren, in der sie Leben. Ich möchte es schaffen, die Menschen zu interessieren, aber auf eine Art und Weise, die groovt“, so Paak zu seinem Verständnis als Texter.

Anderson .Paak, Album-Cover "Oxnard"

ADA/Rykodisc

Noch bevor das später Grammy-nominierte „Malibu“ zum Verkauf bereit stand, vibrierte bei Anderson .Paak das Handy. „Die Stimme am anderen Ende der Leitung meinte: „Hey, komm ins Studio, Dr. Dre will mit dir zusammenarbeiten.“ Ich dachte mir nicht viel. Das ist so ein Running-Gag in Los Angeles: „Hey, Dre will was mit dir machen!“ Ich fuhr dann doch zu der Adresse und dann stand er tatsächlich vor mir. Da wusste ich, oh Gott, es ist wahr!“

Angeblich war es der Track „Suede“ der es dem Hip-Hop-Mogul und Mentor von Größen wie Eminem, 50 Cent und Kendrick Lamar angetan hatte. Das Stück stammt vom Projekt NxWorries, das Anderson .Paak mit dem Producer Knxwledge eingegangen ist und das eine sehr psychedelische Schlagseite einnimmt.

Der Vetrauensvorschuss war groß. Paak erhielt gleich sechs Features auf Dres Comeback-Album „Compton“ (2015) – so viele, wie kein anderer. Der Ex-Sessionmusiker landete damit eines der begehrtesten Sign-Ups innerhalb der Szene und stieg zum Darling des US-Hip-Hop auf. Alle mögen Paak. No Beefs.

Anderson .Paak beim FM4-Interview in Berlin

Christian Lehner

Anderson .Paak beim FM4-Interview in Berlin

Zum Zeitpunkt unseres Interviews im Juli in Berlin stand noch kein Veröffentlichungstermin des neuen Albums fest. Anderson .Paak hielt sich über die stilistische Ausrichtung des Debüts auf Dr. Dres Label „Aftermath“ bedeckt. Der vertreibende Major-Partner Warner wartete bis zum Release-Tag mit der Bereitstellung von Promos. Die Spannung sollte wohl ins Unermessliche gesteigert werden.

Im FM4-Interview zollte Paak Dre den Respekt, den man sich erwartet. „Wenn er dir vertraut, lässt er dir alle Freiheiten: „Leg los! Mach, was du willst!“ Dann kommt die Qualitätskontrolle. Er hängt sein Ohr rein, sagt „gut“ und mischt den Track ab. Manchmal hat er sehr konkrete Ideen und Verbesserungsvorschläge. Es geht ihm immer nur um die Exzellenz der Musik und nicht um das Ego, das macht die Zusammenarbeit so toll.“

Wie die Flüstermaschinen des Internets munkeln, soll Dre den Rohmix des Albums abgelehnt und sich danach stärker in die Produktion eingebracht haben. „Oxnard“ ist der Titel des neuen Albums. Es ist benannt nach der kleinen Heimatstadt von Paak, die nördlich von L.A. liegt. Die Platte weist tatsächlich einige Dre-typischen Merkmale auf. Die Sounds wirken herausgeputzt und mächtig. Vieles passiert gleichzeitig und dennoch herrscht Klarheit in der Struktur. Nach „Venice“ und „Malibu“ stellt „Oxnard“ den Abschluss von Paaks L.A. Trilogie dar.

Monströses Los Angeles

Es ist ein wilder Ritt, ein Trip durch ein monströses Los Angeles voller Versuchungen. Paak liegt nicht entspannt am Strand, er treibt sich im Rotlichtviertel rum, inspiziert die Clubs und cruist gemeinsam mit Kendrick Lamar in einer abgedunkelten Stretch-Limo durch die Stadt.

Der Sound ist huge: Fusion Jazz, 90er-Jahre-West-Coast-Hip Hop, P-Funk und Jazzrock, das alles wummert aus den Boxen. Gäste wie J. Cole, Snoop Dog, Pusha T und Dr. Dre himself hängen auf Anderson .Paaks Party ab und repräsentieren die großen Ambition, die diesem Album nicht an allen Stellen gut tun.

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Das Interview mit Anderson .Paak wurde auf Englisch geführt. Das ganze Interview gibt’s zum Anhören im FM4 Interview Podcast.

Es gibt auch wieder ruhigere Momente auf “Oxnard”, wie zum Beispiel die Pusha-T-Kollaboration “Brother’s Keeper”. Aber selbst hier türmen sich die Sounds zu Wellen, die unseren Protagonisten manchmal zu verschlucken drohen. Der größte Downer: Paaks raspelige Soulstimme ist kaum noch vorhanden. Stattdessen hetzt er seine Raps atemlos und angestrengt durch die Straßen von „Oxnard“. Doch selbst wenn Anderson .Paak bellt wie ein räudiger Straßenköter, schimmert stets seine positive Attitude durch. Immherin. Und manchmal tut das Fieber auch gut, so wie in den Tracks “The Chase” oder “Mansa Musa”, wo Dre die Maschinenbeats zurückgefahren hat und Paaks rollendes Schlagzeugspiel wirken lässst.

“Oxnard” ist eine fantastische Reise, bei der Anderson .Paak jedoch gelegentlich die Übersicht verliert. Er feiert seine Ankunft im Hip-Hop-Adel. Gönnen wir ihm die Party und hoffen, dass er vielleicht doch wieder einmal zum Strand von “Malibu” zurückkehrt, wenn dort die Feuer erloschen sind.

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