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Beirut - Gallipoli

Olga Baczynska

Artist of the week

Sehnsucht, ick hör dir trapsen!

Der Junge mit der Trompete trötet wieder. Zach Condon, der mit seinem Projekt Beirut als Indie-Weltenbummler unterwegs ist, hat sich in Berlin niedergelassen und ein neues Album namens „Gallipoli“ aufgenommen.

Von Christian Lehner

„Yeah, the trumpet is back“, sagt Zach Condon und lächelt dieses müde und doch aufmunternde Orson Wells-Lächeln, das so typisch für den US-amerikanischen Singer-Songwriter ist. Beirut-Fans könnten jetzt überrascht sein. Die Trompete, die eigentlich nie weg war, diese Trompete soll jetzt wieder da sein? Tatsächlich war sie auch auf dem letzten Album „No No No“ (2015) zu hören, doch die Bläsersätze stammten damals von seiner Backing-Band.

Wie auf so vieles hatte Zach Condon auch die Lust auf das Tröten verloren. „No No No“ war ein Krisenbewältigungsalbum nach Scheidung, Burn-Out und Schreibblockade. Nichts sollte so klingen, wie bisher. Doch der Befreiungsschlag ging daneben. „No No No“ sollte eine Pop-Platte werden und klang doch so lustlos. Die vorgeschobene Heiterkeit wirkte aufgesetzt, die Melodien wie aus dem Kompositionsheft für Unterambitionierte entliehen.

Die Ukulele als Bio-Sound

„Dieses Album war notwendig“, sagt Beirut heute, „um den Kopf wieder klar zu bekommen“ - wohl auch das Herz und die Seele. Nach neuer Beziehung, neuem Standort und neuer Lebenslust ist mit einigen Jahren Abstand der Weg zurück zu alter Form und zu gewohnten Formen möglich geworden.

„Gallipoli” lautet der Name des fünften Beirut-Albums - benannt nach der süditalienischen Stadt, in der es teilweise entstanden ist. Als zweites Basislager diente Condon Berlin, das seit mittlerweile zwei Jahren sein Hauptwohnsitz ist. Die Künstlerenklave Upstate New York geht als dritter Entstehungsort in die Chronik dieses Albums ein.

Beirut - Cover - Gallipoli

4AD

Am 14. April ist Beirut live im Gasometer in Wien zu sehen.

Das komplette Interview mit Beirut gibt’s jetzt auch im FM4 Interviewpodcast.

Fans mögen sich anhand dieser Landkarte an das erste Beirut-Album „Gulag Orkestar“ erinnert fühlen, das vor 13 Jahren erschienen ist. Songs wie „Postcards From Italy“ oder „Brandenburg“ waren Resultate einer Backpacker-Reise durch Europa, wie sie viele junge AmerikanerInnen absolvieren. Zuvor hatte der Teenager Condon als Kartenabreißer in einem Programmkino in seiner Heimatstadt Santa Fe, New Mexico gearbeitet. Die Filme von Rainer Werner Fassbinder, Federico Fellini und Emir Kusturica weckten die Sehnsucht nach fernen Ländern, die in Folge auch die Musik von Beirut charakterisieren sollte.

„Gullag Orkestar“ war damals nicht nur wegen der am Weg aufgelesenen Sounds vom Balkan, aus Süditalien und Frankreich ein Publikums- und Kritikererfolg, sondern auch wegen der arglos rumpelnden Zusammenführung von Chanson, Blasmusik, Polka, Klezmer, Indie-Rock und Folk. Plötzlich war so eine Mischkulanz jenseits pädagogisch wertvoller Weltmusik möglich.

Darüber hinaus etablierte Condon mit der Ukulele ein Instrument im Pop, das putzig und erdig zugleich war. Es galt als eine Art Bio-Sound für das erwachende Interesse der Hipster am nachhaltigen Lifestyle. Der Trend zum urigen Instrument sollte uns später Popfolklore wie Mumford and Sons und unzählige „schräge“ Auftritte in Musik-Casting-Shows bescheren.

Publikumserwartung als Begleitmusik

Ungemach drohte auch von der eigenen Kunst. Die spitzbübischen Aneignungstechniken der rauschigen Reisen galten nun als ernsthafter Kunstansatz, der dementsprechend vermarktet wurde. Der mäandernde Troubadour-Gesang von Beirut, der auch stets ein augenzwinkernder Verweis darauf war, dass man das so eigentlich gar nicht mehr singen kann, wurde fortan zum prägenden Stilelement.

Beirut - Gallipoli

Olga Baczynska

Beirut wurde zum Opfer einer Falle, die er sich selbst gestellt hatte. Und er wurde zu einem Poster Boy der Retroromantik, die Mitte der Nullerjahre als Reaktion auf die Digitalisierung anhob und weite Teile der progressiven Popmusik erfasste. Fortan sollte für Beirut die Publikumserwartung zur Begleitmusik werden, die sich nicht immer mit den eigenen Ambitionen vertrug.

Die Folge war eine künstlerisch wie private Berg- und Talfahrt. Mal kamen sehr gute und neugierige Platten raus wie die „March of the Zapotec/Holland“-EP (2009), mal Gebrauchsmusik wie eben „No No No“. Die Flaschenberge hinter Condons Häuschen in Brooklyn wurden größer, die privaten Probleme auch. Während einer Tour im Nachhall des Albums „The Rip Tide“ (2014) folgte in Australien der Zusammenbruch. Dazu kam eine Fraktur des Handgelenks durch einen Skater-Unfall. Die Trompete blieb im Kasten, Zach Condon verschlug es auch aus Abscheu vor Trumps Wahlsieg in den USA immer häufiger nach Europa. Bei einem seiner Berlin-Aufenthalte entschloss er sich einfach dort zu bleiben. Seitdem wohnt er in jenem Bezirk Prenzlauer Berg, dem er bereits am Debütalbum einen Song(titel) gewidmet hatte.

Sehnsucht, ick hör dir trapsen!

„Ich liebe die Dämmerung, wenn es Abend wird in Berlin, das Licht ist speziell und es hält lange Zeit an. In dieser Stimmung fühle ich mich wohl, ich könnte nie am hellen Tag in das Studio“. Zach Condon ist ein „winter guy“ wie er sagt und er sagt es als jemand, der aus New Mexico stammt. Die Lust am Experimentieren war zurück. Auf dem fünften Beirut-Album „Gallipoli“ kommen neben seiner geliebten Farfisa-Orgel, der Ukulele und der Trompete (made in Germany) modulare Synthesizer zum Einsatz. „Das war auch ein Resultat des Abhängens mit den Jungs von Mouse On Mars“, sagt Condon im FM4-Interview.

Beirut - Gallipoli - Berlin

Christian Lehner

Zach Condon a.k.a. Beirut beim FM4-Interview in Berlin

Der neue Fuhrpark schlägt sich in langen instrumentalen Parts, Intros und Outros nieder. Stücke wie „On Mainau Island“ oder „Corfu“ sind reine Instrumentalstücke zwischen Muzak, Kraut und Down-Tempo. Zurück zur alten Form findet Beirut in Songs wie „Gallipoli“ und „Landslide“, wo sich Fan-Erwartung und eine wieder erwachte Lust an hübschen und hübsch verdrehten Melodien und Arrangements treffen. Sehnsucht, ick hör dir trapsen!

Insgesamt ist die künstlerische Expansion gelungen, wobei man bei Beirut stets das Gefühl hat, dass er sich im nächsten Moment auch wieder langweilen und der verlorenen Naivität seiner Jugend nachtrauern könnte. Aber so geht es uns ja allen.

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