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Deichkind 2019

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Neues Deichkind-Album „Wer Sagt Denn Das?“

Das neue Deichkind-Album „Wer Sagt Denn Das?“ ist die Krönung der Party-Kings aus Hamburg. Über den gelebten Widerspruch als Erfolgsformel. Der FM4 Artist Of The Week

Von Christian Lehner

Party mit Verstand. Wer hätte das nicht gern. Generationen von Hedonisten*innen haben sich an diesem Thema abgearbeitet. „Move your ass and your mind will follow“, lautete zum Beispiel das Motto der Rave-Generation der 1990er-Jahre. Dem steht ein anderes entgegen, das angeblich vom erfolgreichsten österreichischen Party-Boy seit Wolfgang Amadeus Mozart stammt. „Wer sich an die 1980er-Jahre erinnern kann, war nicht dabei“, soll Falco einmal gesagt haben. Erst wenn der Sinn am Boden liegt, hat die Party gewonnen. Zwischen Anspruch und Realität stehen meistens schädliche Genussmittel unterschiedlichster Ausprägung.

Wenn man der Welt mit seinem Feiern etwas Gutes tun will, sich am nächsten Tag aufgrund diverser Gehirnzellenmeuchler aber nicht einmal erinnern kann, wo man war, greift man schnell zum nächsten Ibuprofen 800. Und dann zur Fernbedienung. Dort läuft richtig gutes Zeug. Fridays For Future zum Beispiel.

Keine deutschsprachige Band hat diesen Widerspruch zwischen Anspruch, Ausbruch und Zusammenbruch besser erfasst als Deichkind. Die Hamburger Rapper haben es zum Leitmotiv ihres äußerst erfolgreichen Geschäftsmodells gemacht.

Vom Müllsack zur Top-Show

Folgte man mit der Single „Bon Voyage“ im Jahr 2000 noch brav den Konventionen der Hamburger Rap-Schule, entwickelten Deichkind sechs Jahre später mit der Single „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) und dem Album „Aufstand Im Schlaraffenland“ ihren eigenen Style zwischen Hip Hop, Techno und einem Textgut, das gesellschaftliche Beobachtungen mit Bierduschen kombinierte und das im wortwörtlichen Sinn. Mit der Etablierung ihres Tech-Rap-Stils einher ging das Aufpimpen der Bühnenshow (durch Neuzugang DJ Phono a.k.a. La Perla).

Was zunächst mit einfachen Müllsack-Kostümen und Neon-Pyramiden als Aluhut begann, hat sich mittlerweile zu einer mehrere LKWs umfassenden Bühnenshow hochgeschraubt, die im deutschsprachigen Raum nur noch von Helene Fischer und Rammstein getoppt wird. Statt Schlager-Artistik und Feuersturm werfen Deichkind die Gerstensaftsprinkelanlage an und laden zur Malle-Party auf Matura-Niveau und umgekehrt.

Deichkind 2019

Studio Schramm

Deichkind 2019

„Denken Sie Groß!“, heißt ein Stück aus dem letzten Album „Niveau Weshalb Warum?“, das erstmals die deutschen Albumcharts toppte. Auf Deichkind-typische Art nahm der Track einerseits den Selbstoptimierungszwang durch Ratgeberliteratur auf die Schaufel, leuchtete andererseits aber auch das eigene Wirken ironisch aus. Deichkind sind zu einem Unterhaltungsunternehmen gewachsen, das diesen Umstand offensiv eingesteht, dessen Geschäftsgrundlage allerdings auch zu würdigen weiß.

Mit „Leider Geil“ (2012) schufen Deichkind den besten deutschsprachigen Song zur Krise des wohlsituierten Mittelstandes überhaupt. Gefangen zwischen schlechtem Konsumgewissen und Individualisierungszwang stolpert der Erzähler von Reim zu Reim zwischen den Polen „leider“ und „geil“ hin und her.

Richtig gutes Zeug

Das Auge der Deichkinder wandert nun vom Allgemeinen ins Detail. „Richtig Gutes Zeug“ heißt die erste Single aus dem neuen und siebten Deichkind-Album „Wer Sagt Denn Das?“ Der Track führt die Geschichte von „Leider Geil“ fort, zeigt aber auf mehreren Ebenen, wo Deichkind heute stehen. Es geht nicht mehr um den fetten SUV, der zwar die Umwelt verschmutzt, aber leider geil Brumm, Brumm macht, sondern um erlesenen Geschmack als Zeichen der Abgrenzung. „Mega schwer zu kriegen“, heißt es in einer Textzeile.

Der Sneaker ist jetzt ein Sondermodell, vielleicht sogar ein Sonder-Sushi, oder eine fette Kette. In einer Konsumwelt, in der jeder via Online-Kauf alles haben kann und das aufgrund der Sweat-Shop-Bedingungen für wenig Geld, zählt einzig das Unikat, der renovierte Oldtimer, die limitierte Vinylausgabe, der scheußlich exotische Geruch einer fremdländischen Speise. Im FM4 Interview wird MC Porky dazu sagen: „Was der Hipster kennt, isst er nicht. Es geht um eine Identitätskrise.“

Das dazu gedrehte, beste deutschsprachige Video des Jahres, zeigt in einer Nebenstätte des Konsumtempels KDW den Schauspielstar Lars Eidinger als Oktopus kauenden Nacktmenschen, der nichts hat außer seinen distinguierten Geschmack. Gegengeschnitten sind die Luxusszenen, die mit äußerst kunstvollen und detailreichen Kostümen korrespondieren, mit einem wankenden Suffkopp, der es im Shop der Tanke gerade noch zum Kühlregal mit dem Bier schafft. Der Deichkind-Kreis schließt sich. Trotz aller Künstlichkeit wirkt diese an Erschöpfung leidenden Konsumwut schlagender als das ewig gleiche und dröge Bling-Geprotze von Capital Bra und Co.

Zeitgeist und Brachial-Beats

Dazu pulsieren die erstmals von Roland Roy Knauf (Materia, Casper) produzierten Beats und Sounds bedrohlich zurückhaltend im Hintergrund. „Richtig gutes Zeug“ schafft eine deutsche Variante von Trap, die sich nicht allein an den übergroßen US-Vorbildern orientiert, so wie das die jüngere Konkurrenz bis in die letzte Handbewegung tut. Konzeptuell, textlich, visuell und musikalisch ist „Richtig Gutes Zeug“ das, was der Titel sagt, ein Meisterwerk!

Sendungsbild Interview Podcast

Radio FM4

Deichkind kommen am 21. Februar in die Wiener Stadthalle.

Das Interview mit Deichkind im FM4 Interview Podcast

Auch an anderer Stelle setzen sich Deichkind am neuen Album auf Zeitgeistthemen. In „Endlich Autonom“ fahren sie den Individualverkehr an die Wand und erleben ihren Kraftwerk-Moment. Der Titel-Track „Wer Sagt Denn Das?“ filetiert Fake News und Meinungsblasen. In „Powerbank“ geht es um die endliche Verfügbarkeit von Energie. Der Konsum erfährt weitere Behandlung in Stücken wie „Dinge“ und „Gewinne Gewinne“.

Die aktuellen Fortführungen von „Remmidemmi“ sind die neuen Tracks „Keine Party“ und „1000 Jahre Bier“. „Keine Party“ haut auf den Putz wie eh und je, stellt sich dabei aber auch selbst infrage, um sich am Ende unangreifbar zu machen („Die spielen doch nur noch, um das eig’ne Image zu verwalten.“). Mit „1000 Jahre Bier“ ist Deichkind eine subtil-brachiale Antwort auf den viel diskutierten Song „Deutschland“ von Rammstein gelungen und das ausgerechnet mit Rammstein-Sänger Till Lindemann als Gastsänger („Euer Reich wird untergeh’n /Keine Werte, die besteh’n /Press den Stoff in dein System / Freudentanz im Tal der Trän’“).

Apropos Gastsänger. Wo Deichkind heute in der Hierarchie von Pop made in Germany stehen, zeigt die eindrucksvolle Features-Liste. Nach dem Abgang von MC Ferris übernahmen das einzig verbliebene Gründungsmitglied Philipp „Kryptik Joe“ Grütering und Sebastian „MC Porky“ Dürre die Hauptarbeit am Textmaterial. Weitere Text- und MC-Beiträge kommen u.a. von Das Bo, Jan Böhmermann, Bela B, Joey Bargeld, Oli Schulz, Maurice Summen und Rocko Schamoni (ein Widerspruch am Rande: Die Hip-Hop-Band, die brachial agiert, aber nie sexistisch, homophob, oder gewaltverherrlichend, schafft nicht ein einziges weibliches Feature - eigentlich ein Kunststück im deutschen Hip Hop 2019).

Die Features-Gäste helfen Deichkind, den gelebten Widerspruch zwischen Party und Besinnung zu manifestieren (z.B. in den Tracks „Quasi“ und „Knallbonbon“) und zur Königsdisziplin reifen zu lassen. Wer sich nach dem letzten Deichkind-Album die nicht unberechtigte Frage stellte, ob da noch was kommen kann, weiß jetzt: Es kann und es kann immer besser.

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