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Sven Regener

© Charlotte Golltermann

Servus, Herr Lehmann!

Wir begegnen Frank Lehmann wieder in Sven Regeners neuem Roman „Wiener Straße“. Dort auch zu finden: durchgeknallte Österreicher, die in Berlin Aktionskunst machen.

Von Zita Bereuter

Sven Regener hat mit Frank Lehmann einen der sympathischsten Barmänner der Literatur geschaffen. In Berlin Kreuzberg hat Herr Lehmann im legendären „Café Einfall“ seine liebenswerten, verpeilten und trinkfreudigen Gäste bedient. „Herr Lehmann“, Sven Regeners Debüt, war ein Millionenbestseller. Von Lehmanns Leben vor Berlin erzählt „Der Kleine Bruder“ und „Neue Vahr Süd“. Einige Charaktere tauchen in „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ wieder auf - die Verfilmungläuft derzeit im Kino. Und seit heute gibt es neuen Lesestoff aus dem Lehmann-Universum: „Wiener Straße“.

Wir befinden uns in Berlin Kreuzberg 1980. Die Mauer steht, der Punk lebt und Berlin ist ein guter Ort für Kunst, für Künstler und für Leute, die gern Künstler wären. Beliebter Treffpunkt für die neu Hinzugezogenen wie auch die Alteingesessenen ist das „Café Einfall“, das dem schwäbischen Sparefroh Erwin Kächele gehört.

Direkt über dem Einfall gründen einige Leute eine WG: Frank Lehmann, der neu in der Stadt ist, Chrissie, die Nichte von Erwin Kächele und die beiden Künstlern Karl Schmidt und H.R. Ledigt. (Noch nicht lachen - ein anderer heißt P. Immel und sein bester Freund Kacki. Das Buch ist dennoch lustig.)

„Das ist kein Herr Lehmann-Roman,“ betont Sven Regener mehrfach im Interview. Denn der Roman ist aus der Sicht mehrerer Leute geschrieben, die alle versuchen, „ihr Leben auf die Reihe und die Beine auf den Grund zu bekommen.“ Einige sind davon sind Aktionskünstler der ArschArt Galerie - die kann man schon aus „Der Kleine Bruder“ kennen.

Wiener Straße und die paranoiden Wiener

Das „Café Einfall“ befindet sich in der titelgebenden Wiener Straße. „Mir gefällt das. Ich mag gerne Titel mit Straßennamen drin“, erklärt Sven Regener. Die Dinge haben ihren Ort und ihre Zeit.

Buchcover "Wiener Straße" von Sven Regener

Verlag Galiani Berlin

„Wiener Straße“ von Sven Regener ist im Verlag Galiani Berlin erschienen.

„Wiener Straße“ ist aber auch Doppeldeutig, denn es zeigt sich, dass die ArschArt-Jungs eigentlich getarnte Wiener sind. Sie sind ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin - Österreich war ja noch nicht in der EU bzw. EG - und haben ordentlich Schiss vor der Fremdenpolizei. „Ein bisschen paranoid sind sie halt auch“, erklärt Sven Regener.

„Halt bloß die Pappen, sonst werf ich dich aus der ArschArt gleich wieder raus. In der Kunst gibt es keine Widerworte.“

P. Immel ist der große Bestimmer, er ist halb Deutscher und hat ein Haus in Berlin geerbt. Nachdem das Hinterhaus von Punks besetzt wurde, besetzt er - obwohl Hausbesitzer - das Vorderhaus mit seinen Freunden. Eine inszenierte Hausbesetzung als Aktionskunst. Auch - oder gerade - fürs Fernsehen:

"Die vier Punks ließen sich von P.Immel in den Schutthaufen hineinarrangieren, „Michael 3 ein bisschen weiter nach rechts, Enno, leg dich vorne hin, ihr seid Punks, verdammt, und das sind Fernsehleute, die wollen euch ganz unten im Schutt sehen, ihr seid die No-Future-Generation, die im Müll spielt, ja, so ist es okay, so bleiben.“

Da diese Aktionskünstler teilweise unter enormem Heimweh leiden, kann Sven Regener endlich über Dinge schreiben, die er an Österreich so mag: Kaiserschmarren, Tafelspitz oder eine Eitrige mit einem 16er Blech. Ja, er sei ein großer Fan von Österreich, erklärt er. „Das ist ein interessantes Land und es wird auch viel zu wenig beachtet, wie sehr die Österreicher Einfluss haben – auch in Deutschland und gerade in Berlin.“

Herr Lehmann macht das schon

Seine Figuren sind Sven Regener ans Herz gewachsen: „Ich bin voller Bewunderung für so Leute. Es sind meine eigenen Geschöpfe, aber ich mag sie sehr gerne, weil sie exzentrisch sind und ich mag auch ihre Herangehensweise an Kunst.“ Überhaupt mag Sven Regener seine Figuren aus dem Herr Lehmann-Universum und schreibt auch gerne über sie. „Ich arbeite auch gerne immer wieder mit den selben Leuten zusammen. Kein Problem. Ich mache auch gern mit denselben Akkorden immer wieder neue Songs.“

Sven Regener liest im Rabenhof in Wien am 17., 18. und 19. November.

In der Wiener Straße wird viel und gern getrunken – aber auch mit Freude geputzt. Mit „Schrubber samt Feudel“ kümmert sich Herr Lehmann um eine saubere Welt und man begleitet ihn gern dabei. „Ich habe durchaus eine Schwäche dafür, Arbeitsprozesse zu beschreiben und was den Leuten dabei durch den Kopf geht, während sie das machen und wie sie das machen.“ Sven Regener kennt die Putzerei aus erster Hand. „Ich hab nie in einer Kneipe als Tresenkraft gearbeitet, aber ich hab mal 14 Tage lang im Cafe Swing am Nollendorfplatz, damals noch in Westberlin, geputzt. Deshalb kenn ich mich da ein bisschen aus.“

Zeitzeugnis

„Schreib das auf, Kacki, damit die in hundert Jahren noch nachlesen können, wie deppert sie sind!“ sagt ein Protagonist zum anderen in "Wiener Straße.

Als Chronist sieht sich Sven Regener dennoch nicht. Er sei kein Sammler und wolle auch nichts festhalten. Die Achtziger in Berlin seien eine interessante Zeit gewesen: „Man kann da gut Geschichten drin spielen lassen, weil da einfach viele wilde Sachen möglich waren, ohne dass das groß aufgefallen ist.“

Und so trifft man in dieser Situationskomödie auf alte Bekannte, die in ihrer mal schnoddrigen, mal labernder Art gut unterhalten. Die Dialoge sind großartig, die Sprache sehr rhythmisch und die verschiedenen Erzählperspektiven gelungen. Genau so mag man das Lehmann-Universum.

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