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Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Reportage

Problemkiez und Hoffnungsviertel

Der „Wahlkreis 82“ ist einer der am heißesten umkämpften in Deutschland. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das berühmt-berüchtigte Berliner Viertel Neukölln. Ein Besuch.

Von Christian Lehner

Nach Verlassen der U-Bahnstation eine Schrecksekunde. Ein offenbar verwirrter Mann entreißt mir das Mikro, das ich gerade eingeschalten hatte und brüllt etwas Unverständliches rein. Nach einer kleinen Verfolgungsjagd und ein wenig Überzeugungsarbeit ist wieder alles gut. „Das ist eine völlige Scheiße, diese Wahl!“ Diesen Satz werde ich später als erstes gespeichertes Statement auf dem MP3-Rekorder finden. Als Beleg für das allerorts vermutete Wutbürgertum werte ich diesen Zwischenfall jedoch nicht. Schon eher als Sinnbild für die demographische Bandbreite und Gereiztheit im sogenannten Problemviertel Neukölln. Ja, auch Freaks leben hier.

Der Hermannplatz

Der Hermannplatz ist das Tor zur Sonnenallee. Ein Nadelöhr für die Neuköllner auf dem Weg Richtung Innenstadt. Hier stoßen hippe Food Stands auf orientalische Gemüsehändler. Der Platz samt darunter liegender U-Bahn-Station ist einer der größten Drogenumschlagplätze Berlins. Die alten Gangs sind zwar weg, aber die hier dominanten Araber-Clans angeln sich immer mehr Flüchtlinge als Straßendealer. Doch auch eine Filiale des gutbürgerlichen Karstadt-Kaufhauses befindet sich direkt am Hermannplatz. Aus dem ehemaligen „Slumkiez“ ist ein globales Dorf geworden, mit all seinen Chancen und Herausforderungen.

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Touristen, Immigranten, und Studenten flanieren an diesem Montag vor den Wahlen über das Kopfsteinpflaster. Ein junger Lehrer bemängelt die Bildungspolitik und ihre Abwesenheit im Wahlkampf. „Man muss mehr Geld in die Hand nehmen, gerade für das Thema Inklusion“, sagt er und ist überrascht, als ich ihm von meinem Spickzettel vorlese. Dort steht, dass laut ARD-Deutschlandtrend das Thema „Bildung“ für die Deutschen an oberster Stelle stehe, knapp gefolgt von „Terror und Sicherheit“ und „Absicherung im Alter“.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Danny (33) ist seit 10 Jahren obdachlos. „Berlin macht einen kaputt.“ Er fühlt sich von keiner Partei vertreten. Armutsbekämpfung und Integration sind seiner Meinung nach die wichtigsten Themen bei dieser Wahl.

Eine Muslima findet, dass Angela Merkel „alles richtig gemacht hat“. In Deutschland denken derzeit viele Jugendliche wie sie. Ihre Freundin, ebenfalls mit Kopftuch, widerspricht und fordert, dass man Ausländern „mehr Orientierung“ in Deutschland bieten müsse, „auch was die Werte betrifft“. Eine Schülerin im Hipster-Look fragt mich, ob sie was sagen kann. Dann sagt sie, dass sie sich als blonde Frau nicht mehr sicher fühle in den Straßen Berlins und dass sie sich diesbezüglich Lösungen jenseits der AfD erwarte. Gegen Immigranten habe sie grundsätzlich nichts einzuwenden, „immerhin lebe ich ja in Neukölln.“

Meltingpot Neukölln

43,9% beträgt der Anteil der NeuköllnerInnen mit Migrationshintergrund. In manchen Kiezen sind es sogar 70%. Kamen in den 90er-Jahren vor allem Menschen aus dem Libanon und Palästina, so stellen seit der Flüchtlingswelle 2015 Iraker und Syrer den Großteil der Neuankömmlinge. Am Straßenschild der Sonnenallee steht unter dem deutschen Namen dazu gemalt: „Schala Al Arab“, die „Arabische Straße“. Ein Hauch von Hoffnung umweht die Geschäftigkeit, die Hoffnung, dass man mit einem Stück alter Heimat in einer neuen angekommen ist.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Doch es sind nicht nur Menschen aus dem Nahen Osten, die den Urberliner mit der Schnauze langsam zu einer Minderheit werden lassen. Vor allem im Reuterkiez im Norden von Neukölln verdrängt Englisch alle anderen Sprachen. Aufgrund der Nähe zu Kreuzberg wird die Gegend umgangssprachlich „Kreuzkölln“ genannt. Hier boomt die Kunst- und Pop-Avantgarde. Und der Hipster-Lifestyle.

Die Kriminalität ist im Reuterkiez nicht das größte Problem, es sind die steigenden Mieten, die nun die ersten Szeneleute wieder aus dem Kiez vertreiben und finanzpotentere Jungfamilien anziehen.

Im Süden Neuköllns, jenseits der Auto- und Ringbahn, prägen Arbeitersiedlungen und Reihenhäuser das Stadtbild. Hier gibt es noch zahlreiche Eckkneipen. Gewählt wird SPD oder CDU. So ist der „Wahlkreis 82“, wie die Sprengelbezeichnung von Neukölln lautet, nicht nur der vermutlich durchmischteste Bezirk von ganz Deutschland, sondern politisch auch einer der am härtesten umkämpften.

Wahlkampfthema Mieten

Der Direktkandidat der SPD behauptete sich bei der Bundestagswahl 2013 mit 32% knapp vor jenem der CDU. Doch Grüne, AfD und Linke holen in den Prognosen auf. An einem verregneten Samstag vor der Wahl hält „Die Linke“ am Hermannplatz eine große Wahlveranstaltung ab. Trotz des Wetters sind viele Menschen gekommen. Die Berliner Spitzenkandidatin Judith Benda schießt sich auf den schärfsten politischen Gegner ein. „Wir fordern mehr Mittel für den Sozialen Wohnungsbau. Die AfD? Nischt!“, schallt es über die aufgespannten Regenschirme.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Die Linke gilt als Partei der Alten und ehemaligen DDR-Kader, doch an diesem Samstag sind auffallend viele Jugendliche anwesend. Bei den Interviews, die ich mit ihnen führe, kommt immer dasselbe Thema an erster Stelle. „Die Mieten sind einfach zu hoch in dieser Stadt“, sagt ein Soziologiestudent. „Ich musste raus aus Friedrichshain und bin im Wedding gelandet – immer auf der Flucht vor den Spekulanten.“

Die 2015 vom Bundestags verabschiedete Mietpreisbremse hat sich in der derzeitigen Kompromisslösung als wirkungslos erwiesen. Im Schnitt sind in Berlin im vergangenen Jahr die Mieten um 5,9% gestiegen. Die Hauptstadt bräuchte gut 200.000 neue Wohnungen. Viele Mieter werden über Energiesanierungen plus anschließender Mieterhöhung aus bestehenden Verträgen gedrängt. Auch ein verschärftes Ferienwohnungsgesetz hat die umgreifende AirBnB-isierung kaum eindämmen können. Besonders schlimm hat es ausgerechnet Neukölln erwischt. Hier sind die Mieten gegenüber dem Vorjahr um satte 18% gestiegen. Stadtrekord! Und wieder einmal wird der „Hipster“ für die Misere mitverantwortlich gemacht.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Maya, eine Jungfunktionärin bei „Die Linke“, hält dem jedoch entgegen: „Das geht gar nicht, dass hier verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden, nur weil die Politik versagt hat und die Superreichen mit dem Wohnraum spekulieren. Wir müssen gemeinsam gegen die Armut im Kiez und für leistbare Wohnung kämpfen.“

Trotz orientalischer Band und Solidaritätsbekundungen von der Bühne ist an diesem Samstag wenig Multikulti-Flair zu spüren. Selbst den anwesenden Sympathisanten der Linken ist klar, dass Integration eine riesige Herausforderung darstellt. „In Neukölln leben alle so ein bisschen in ihren Blasen“, sagt eine junge Studentin, „das bunte Treiben auf den Straßen ist diesbezüglich ein bisschen irreführend.“ Eine junge Mutter engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. „Viele denken, ein absolvierter Deutschkurs reicht. Doch man muss die Menschen viel intensiver in ihr neues Leben begleiten. Flüchtlingshilfe muss ein Beruf werden.“

Polizeisirenen, Stinkefinger und Spaßpartei

Plötzlich Polizeisirenen. Gerade als der Linken-Star Gregor Gysi das Rednerpult verlassen hat, fahren links und rechts am Hermannplatz mehrere Mannschaftswagen auf. Jemand raunt, eine Demo von Rechtsradikalen soll in der Nähe vorbeimarschieren.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

„Hier könnte ein Nazi hängen“, lese ich auf einem Schild. Das stammt aber nicht von einer Gegendemo oder den Linken, sondern von der Satire-Partei „Die PARTEI“. Ganze drei Wahlwerber hat die Spaßfraktion an diesem Tag am Hermannplatz aufgeboten. Von der angekündigten Rechtsdemo keine Spur. Auch nicht von anderen wahlwerbenden Parteien. „Wir stehen für Bier und Curry-Wurst“, sagt der Pressesprecher des lokalen Die-PARTEI-Ablegers, „was hier in Neukölln durchaus ein Problem sein könnte.“ Später entschuldigt er sich, dass er noch nicht so lange dabei sei und noch etwas an seinem Witze-Repertoire feilen müsse.

Neukölln Bundestagswahlen 2017

Christian Lehner

Auf der Bühne haben einstweilen die Politiker den Rappern das Mikro überlassen. Takt32 nennt sich der MC. Er und seine Crew bellen gegen Rassisten, Faschos und das System. Sie fahren gemeinsam mit den Fans den Soli-Stinkefinger aus, bis der letzte Beat verklingt.

Ein turbulenter Wahlnachmittag geht zu Ende. Ruhe wird am Hermannplatz in Berlin Neukölln trotzdem nicht so schnell einkehren.

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