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Tim Roth in "Tin Star"

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Into the Woods

Solides Jonglieren mit alten Mustern: Die neuer Thriller-Serie „Tin Star“ mit Tim Roth.

von Philipp L’heritier

Diese Serie ist ein mit spitzen Fingern ausgelegtes Büffet: Mal dies und das ausprobieren, das anbieten, für jeden was dabei, vieles schmeckt gut, gar so recht zusammenfügen will sich die Angelegenheit nicht. Aber doch okay satt, solide geschnitzt.

„Tin Star“ arbeitet sich an den bekannten Knotenpunkten von Thriller, Kriminalgeschichte und Familiendrama ab. Das Zentralmotiv ist ein gutes, altbekanntes, das meist für Kitzel sorgt: Der Fisch aus dem Wasser muss sich in neuem Territorium zurechtfinden. Hier jedoch kommt vielmehr der Nichtfisch neu ins Wasser.

Die prototypische Hauptrolle verkörpert in „Tin Star“ der prototypische Mann dafür: Der englische Schauspieler Tim Roth. Der hat zwar eine lange, vielseitige Karriere hinter sich, vornehmlich merken wir uns ihn als gut zerstrubbelten, fertigen Typen mit rotwangigem und von diversen Dingen gezeichnetem Gesicht.

In „Tin Star“ gibt Tim Roth einen ehemaligen Londoner Cop, dem der Alkohol und die Drogen schon über die Maßen zugesetzt haben und der so mit seiner Familie im idyllischen kanadischen Hinterland den Neubeginn sucht. In so einem kleinen Kaff namens Little Big Bear hat man ja als Sherriff wohl nicht so viel zu tun. Man kann vielleicht den ganzen Tag lang angeln gehen.

Tim Roth in "Tin Star"

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Der Schein trügt

Das stimmt natürlich nicht. Der finstere Ölkonzern Northstream Oil hat das Dörfchen in der Hand, spinnt Intrigen, lässt den Profit über das menschliche Wohlbefinden dominieren und ist auch sonst wenig zimperlich. Wie es sich gehört: Auch in der Vergangenheit der Hauptfigur schlummern ungute Geheimnisse.

„Tin Star“ hantiert mit bestens erprobten Mustern, mal in Form kunstvollen Pastiches, mal ratlos. Wir sehen: den schiefen Kleinstadtzauber mit Geheimnis im Geiste von Twin Peaks und Fargo, bloß runtergedimmt und - mit Absicht - mit kaum Humor gewürzt, Gefühls-Terror und grobe Anspannung im Familiengeflecht. Politische Verschwörungsstory und die Fetischisierung von Gewalt - beispielsweise in einer speziell brutalen Folterszene, die als direkter Verweis auf Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ gelesen werden darf. In dem Film hat Tim Roth mitgespielt.

„Tin Star“ ist ab dem 6. November über SKY zu sehen.

Die Show bewegt sich bei seinen Probebohrungen in der Psyche eines Dörfchens meist nicht im üblichen Halbdunkel und der blaugrauen Schattentongebung, die derlei Serien gewohnheitsmäßig überziehen, um Unheimlichlichkeiten und Abgründe vorausahnen zu lassen.

Meine kleine Stadt

„Tin Star“ strahlt in weitem kanadischen Licht: Sehr oft ist es hier Tag, die Farben sind weich und pastell, die Welt ist sonnendurchflutet. Die Wohnhäuser sind nicht selten großzügig schick und in hellen Hölzern gestaltet. Dem gegenüber müssen dann natürlich runtergerockte Trailerpark-Siedlungen und eine siechende Trinkkaschemme stehen, ein endgültiges Saufloch, das versucht, noch irgendwie ein bisschen als Pub durchzugehen.

Eine der wenigen Zeitvertreibsmöglichkeiten in Little Big Bear. Ein Ort, wo der Whiskey aus der Flasche kommt und eine schmierige, lederbejackte Bikergang bei guter Laune Karaoke singt und sonst eher auf körperlicher Ebene kommuniziert. Am nächsten Tag ist dann wieder freundliches Barbecue-Familienfest am Fluss oder Biodorfmarkt, bei dem die hausgemachte Marmelade feilgeboten wird.

Das ist eine Stärke von „Tin Star“: Die Show versucht erst gar nicht einen schockierenden Kippeffekt zwischen der vermeintlich heilen pittoresken Design-Welt und dem üblen Untergrund zu inszenieren. Die Ebenen überblenden fließend, es muss schon lange mehr keine Dichotomie zwischen Gut und Böse beschworen werden.

Tim Roth in "Tin Star"

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Die Menschen sind schwierig

Da ist es auch schön, dass alle Figuren in „Tin Star“ unsympathisch sind. Und nicht einmal auf die etablierte antihelden-unsympathische Art. Auch wenn die Serie sehr oft alles andere als unterschwellig ist, wird hier kein großer Symbolcharakter herausgearbeitet. Tim Roths Figur ist ein vom Leben und sich selbst dumpf gewordener Typ, der sich lange, lange einreden will, er handle im Dienste guter Absichten.

Rache, Vergeltung, Absolution sind ihm Triebfedern, er erfreut sich am eigenen Selbstmitleid, Gewalt hat keinen Bedeutung mehr für ihn, er pflegt seine kranke Eitelkeit und lässt dabei alle zurück.

Christina Hendricks, die wir auf alle Zeiten dank ihrer Performance in „Mad Men“ nicht vergessen werden, vibriert in der Rolle von Roths Gegenpart bzw. eventueller Partnerin-in Crime gewohnt souverän ungerührt: Hendricks ist in „Tin Star“ eine ehemals hochambitionierte Aufdeckungsjournalistin in Öko-Fragen, mittlerweile ist sie von der Firma Northstream Oil gut in die Tasche eingekauft worden.

Sie soll als PR-Beauftragte die Medien von umweltbewussten und weltverbessernden Methoden des Unternehmens überzeugen. Halb glaubt sie an den Job, halb fühlt sich das Geld schon gut auf dem Konto an. Eine Frau zwischen Zweifel, Selbstberuhigung, Angst und Selbstherrlichkeit.

Die Motive von Zwiespalt und Wandel – selbst herbeigeführt, erwünscht oder auferzwungen - zeigen sich in „Tin Star“ am Deutlichsten an der Tocher von Tim Roths Figur: ein Teenager wie er sich gehört, trotzig und rebellisch, tiefsinnig und nachdenklich, Liebe, Ekel und Ablehnung gegenüber dem Elternhaus inhaliert, in diesem Falle bloß in besonders ungünstige Umstände hineingeschmissen. Eine junge Frau auf dem Weg.

Plottechnisch führt „Tin Star“ oft in unangenehme Sackgassen und bemüht mechanisches Vorankommen, die Zeichnung der Figuren und die meditativen, wie in Eis gefrorenen Momente aber glücken. Dazu hat der englische Komponist Adrian Corker einen minimalistischen Score geschrieben, zwischen mulmig machenden krächzenden und kratzenden Psycho-Streichern und weihevollem sigur-ros-haften Natur- und Melancholie-Pathos. So ist auch diese Serie.

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