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Wie man auch im Wald Stress hat

Die Dänin Andrea Hejlskov ist mit ihrem Ehemann und vier Kindern in den schwedischen Wald gezogen, um dem Großstadt-Arbeits-Stress-Trubel zu entkommen. Von diesem Aufbruch handelt „Wir hier draußen - Eine Familie zieht in den Wald“.

Von Anna Katharina Laggner

Auswandern, Verschwinden aus der Welt, die einen stresst, das ist in Zeiten des weltweiten Netzes und mobiler Kommunikation gar nicht mehr so einfach. Insofern ist es nur konsequent, dass die erste Szene, die Andrea Hejlskov aus ihrem neuen Leben schildert, auf einem Felsen spielt, auf dem sie Empfang hat. Sie betreibt nämlich einen Blog, den sie laut ihrem letzten Eintrag gelöscht hat (radikales Loslassen scheint ihr Lebensthema zu sein).

Das Buch beginnt allerdings in der Stadt und zwar mit Stress, Stress, Stress. Jeppe, der Ehemann und Familienvater spricht kaum und stopft Schokolade in sich hinein. Andrea, die Ehefrau und Mutter hat praktisch täglich Kopfschmerzen, sieht nur mehr verschwommen, bald ist ihr halbes Gesicht gelähmt. Sie arbeitet als Kinderpsychologin in Kopenhagen, nie ist genug Geld da. Andrea Hejlskov hasst Einkaufen und wenn, dann kommen praktisch nur Fertiggerichte in den Einkaufswagen. Sie spürt schon lange, dass es falsch lauft, schlimmer noch: rückwärts. „Sogar unsere Kinder gingen rückwärts“, heißt es da. Die Kinder, das sind: Victoria und Sebastian, 15-jährige Zwillinge, sie möchte um die Welt reisen, er weiß noch nicht, was aus ihm werden soll. Silas ist zehn und will normal sein (später in der Waldhütte dann wird ihm als erstem Privatsphäre fehlen). Sigurd, neun Monate alt und ein Baby halt.

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„Wir hier draußen - Eine Familie zieht in den Wald“ von Andrea Hejlskov, übersetzt von Roberta Schneider ist im Mairisch Verlag erschienen.

Wenn man ihre Frustration, ihre Verzweiflung nicht kenne, schreibt Andrea Hejlskov, würde niemand tun, was sie getan habe. Hejlskov packt allen Hausrat, alle Besitztümer in schwarze Säcke und bringt sie zur Deponie, die Familie gibt ihr Haus auf, Jeppe verliert sogar noch seine Geldtasche und alle gemeinsam fahren mit dem alten Auto in den Wald, zu jemandem, der sich Der Kapitän nennt, bereits im Wald lebt, täglich Bohneneintopf isst, und ihnen sagt, es gäbe da eine Hütte.
Es ist Sommer: die Kinder baden im Fluss, Victoria wandert stundenlang alleine durch den Wald, nachts schlafen alle im Freien am Lagerfeuer oder im Tipi daneben, Jeppe und der Kapitän fällen Bäume und beginnen, ein Blockhaus zu bauen.
Man bekommt sehr viel Besuch, von ganz vielen Leuten, die auch davon träumen, auszubrechen.

Offenbar waren wir zu Traumkatalysatoren geworden. Sie schrieben uns Emails, sie kamen uns besuchen, sie ließen sich im Wald um uns herum nieder, all die Leute mit ihren Träumen, während unser Traum uns langsam verloren ging.

„So hab ich mir das nicht vorgestellt“ - dieser Satz fällt ein Mal, zwei Mal, wird schließlich zum permanenten Gefühlszustand. Es gibt Stress, Stress, Stress. Das Blockhaus, das über den Sommer fertig werden sollte, wird nicht fertig. Wäschewaschen im Fluss ist mühsam und die Wäsche wird nicht richtig sauber. Es fehlt Geld für Werkzeug. Andrea Hejlskov hat keine Gesichtsausfälle, aber so starke Schmerzen, dass sie wochenlang nur liegt. Und der Kapitän macht seinem Namen alle Ehre: er stellt Regeln auf, kommandiert die Kinder herum, ist besessen vom Aufbau einer Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Festung.

Andrea Hejlskov räumt gründlich auf mit dem Traum vom schönen Leben in der Natur. Ihr Protokoll vom Aufbau eines autarken Waldlebens erzählt vom noch viel längeren inneren Weg, den man gehen muss, um sich von den Menschen, der Waschmaschine, der Zentralheizung zu verabschieden. Und die Leserin stellt bald fest: ja, man muss sehr verzweifelt sein, um sich diese Einsamkeit, diese Mühsal, diese Kälte anzutun.

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