FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Deborah Feldman

Mathias Bothor

FM4 Doppelzimmer

Als Feministin gibt es keinen Platz neben Gott

Sie ist Autorin, Feministin und Jüdin ohne Religion. Deborah Feldman wuchs in einer ultra orthodoxen Sekte in New York auf. Im FM4 Doppelzimmer erzählt sie ihre Geschichte.

Von Elisabeth Scharang

Wenn man Deborah Feldmans Erzählungen liest, glaubt man, sich durch eine Welt im 19.Jahrhundert zu bewegen. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand im ausgehenden 20. Jahrhundert mitten in Brooklyn/New York eine Kindheit abgeschottet von der digitalisierten Welt erleben kann.

Deborah wird in die streng orthodoxe Glaubensgemeinschaft der Satmarer Chassiden hinein geboren. Sie leben nach dem Glaubensgrundsatz, dass Gott die Juden und Jüdinnen mit dem Holocaust bestraft hat; er habe Unheil über die gebracht, die zu wenig fromm gelebt und sich selbst erleuchtet hätten, heißt es. Deborahs Mutter verlässt die Sekte als Deborah noch klein ist. Der Vater kann sich nicht um das Kind kümmern, weil er geistig verwirrt ist. Also wächst das Mädchen bei den Großeltern auf, den Eltern ihres Vaters. Beide Großeltern haben den Holocaust und das KZ überlebt und beide haben weit ab von Europa und der Vernichtung ihrer Familien durch die Nazis in Brooklyn bei den Satmarer Chassiden eine Heimat gefunden.

Deborah Feldman

Mathias Bothor

„Meine Großmutter musste sich die Haare abrasieren unter der Perücke“

Deborah geht in eine jüdische Schule, sowohl zu Hause als auch im Unterricht wird Jiddisch und nicht Englisch gesprochen. Die Mädchen werden mit strengen Kleider- und Verhaltensvorschriften erzogen und vor allem darauf vorbereitet, ab dem 16./17. Lebensjahr verheiratet zu werden und für Nachwuchs zu sorgen. Den arrangierten Ehen, die nichts anderes als Zwangsehen sind, gehen Bluttests voraus, die sicherstellen sollen, dass das genetische Material von den zwei jungen Eheleuten zu gesunden Kindern führt. Diese Bluttests wurden von den Oberen der Gemeinschaft eingeführt, nachdem die Häufung der Behinderungen bei den Babys, die durch die geschlossene Ehepolitik entstanden sind, gefährlich zunahm.

In ihren beiden Bestsellern „Unorthodox“ und „Überbitten“ (Secessions Verlag) beschreibt die amerikanische Autorin Deborah Feldman ihre Kindheit bei den Satmarer Chassiden, einer ultra orthodoxen jüdischen Sekte in New York.

Vor kurzem erhielt Feldman die deutsche Staatsbürgerschaft und lebt mit ihrem Sohn in Berlin.

Am 26.Dezember ist sie zu Gast bei Elisabeth Scharang im FM4 Doppelzimmer von 13 bis 15 Uhr.

Abgeschottet von der Welt auf der anderen Straßenseite

Deborah Feldman hat bereits als Kind gewusst, dass die vielen Verbote, die ihren Alltag bestimmten, sie nicht wachsen ließen sondern einschränkten. Ihre Neugierde und ihr Problem mit Autoritäten lebte sie als Mädchen aus, indem sie heimlich englische Bücher in der Bibliothek ein paar Blocks entfernt las. Außerdem begann sie, sich in die jüdischen Schriften, deren Studium den Männern vorbehalten war, einzulesen. Sie wollte verstehen. Aber statt Antworten kamen immer mehr Fragen auf.

Ein paar Jahre später stellt sie diese Fragen in einem Blog an ihre Leser*innen; ein Blog, den sie anonym schreibt. Es geht darin vor allem um Beziehungen und Sexualität und das viele Leid, das durch die fehlende sexuelle Aufklärung der Mädchen und Burschen bei den Chassiden entstand. Der Blog war der erste Impuls für die spätere Flucht.

Berlin, du Stadt der verlorenen Seelen

Ich treffe Deborah Feldman an einem Dezembernachmittag in Berlin Kreuzberg. Ich habe die insgesamt über 800 Seiten Lebensgeschichte, die sie in zwei Büchern niedergeschrieben hat, in einem Zug gelesen. Wer ist diese Frau, die mit 18, als sie von dem Mann schwanger wird, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, beschließt, dass ihr Kind nicht in einer Sekte aufwachsen soll? Wie hat sie den Ausstieg aus dieser geschlossenen Gesellschaft geschafft? Und wie den Einstieg in eine Welt, in der sie auf keine Unterstützung hoffen durfte?

„Als ich schwanger wurde, habe ich die Flucht geplant“

Seit über drei Jahren lebt Deborah Feldman in Berlin; dort wo der Untergang vieler ihrer Vorfahren begonnen hat, dort wo Hitler die Ermordung von über 6 Millionen Juden und Jüdinnen beschlossen hatte. Sie ist heute Anfang dreißig. Sie lebt mit ihrem 11 jährigen Sohn hier. Und sie schreibt.

Nach ihrer Flucht aus der streng orthodoxen Gemeinschaft 2008 Jahren war das große öffentliche Interesse an ihrem ersten Roman „Unorthodox“ in den USA nicht nur finanziell lebensrettend sondern auch ein Schutz vor der Vergangenheit und ihrer Protagonisten. Aber sie hat keine neue Heimat in Amerika gefunden; sie ist jetzt in Berlin, einer Stadt, die für alle einen Platz hat, die sich auf ihrem Weg verloren haben.

Deborah Feldman

Mathias Bothor

Fundamentalismus spricht in jeder Religion dieselbe Sprache

Zurück in Wien lässt mich die Person Deborah Feldman nicht los. Ich lese mich durch Kommentare abseits der großen deutschen und amerikanischen Medien und finde Widersprüchliches.

Eine Frau, die mit Deborah und ihrem Ex-Mann, dem Vater ihres Sohnes (der inzwischen ebenfalls ausgestiegen ist und regelmäßigen Kontakt zum gemeinsamen Sohn pflegt) bekannt ist, fragt öffentlich in einem Kommentar, warum Deborah ihre jüngere Schwester nie erwähne und warum sie nicht erzähle, dass alle in der Gemeinschaft wussten, dass sie sich an einer Uni für englische Literatur eingeschrieben habe. Es seien sogar viele stolz gewesen auf Deborah und man habe sie als Vorbild für eine notwendige Veränderung gesehen. Ein Versuch der Sekte, die Glaubwürdigkeit einer Aussteigerin zu untergraben? Oder eine Aussteigerin, die weiß, wie sie eine Geschichte schreiben muss, damit sie sich gut verkauft?

Die Kommentare, die Deborah Feldmans Geschichte in ein anderes Bild rücken wollen, kann ich genauso wenig verifizieren wie die Erzählungen von Deborah Feldman selbst. Für das Grundverständnis für das Leben in der chassidischen Gemeinschaft, das einem die autobiografischen Erzählungen liefern, ändert das nichts. Die Mechanismen und die Auswirkungen von Abschottung und Ausgrenzung werden so hervorragend beschrieben, dass sie Fragen in einem viel größeren Zusammenhang aufwerfen. Religiöser Fundamentalismus spricht dieselbe Sprache, egal wie die Religion und ihr Gott heißt.

Nachsatz: Feldmans letzter Besuch in Wien hat übrigens ähnlich konsequent geendet wie ihre kritische Haltung gegenüber Religionen: Sie hat kurzfristig den Preis, den sie an diesem Abend auf der Gala der Frauenzeitschrift Woman für den „Woman of the Year“-Award bekommen hätte sollen, abgelehnt. Sie sei vor Ort doch überrascht gewesen von der antifeministischen Haltung rund um diesen Event. „Ich habe mit Worten in meinem Leben mehr erreicht als mit Lippenstift“, kommentierte sie ihre Entscheidung.

Deborah Feldman im FM4 Doppelzimmer

Am 26.Dezember ist Deborah Feldman von 13-15 Uhr zu Gast bei Elisabeth Scharang im FM4 Doppelzimmer.

Das FM4 Doppelzimmer mit Deborah Feldman gibt es auch gleich im Anschluss an die Sendung für 7 Tage im FM4-Player und als Download im FM4 Interviewpodcast.

mehr Doppelzimmer:

Aktuell: