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Mann mit Aktenkoffer

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Marc Carnal

Sehr geehrte Damen und Herren von den Österreichischen Lotterien...

...hiermit möchte ich Ihnen öffentlich meine Initiativbewerbung als Lotto-Großgewinnbetreuer unterbreiten.

Von Marc Carnal

Ich bitte um Nachsicht, dass ich mich auf diesem unkonventionellen Weg bei Ihnen bewerbe, will diese Möglichkeit aber nutzen, um mich von anderen (schlechteren!) Bewerbern abzuheben.

Wie ich diversen Berichten über Lottogewinner entnehmen durfte, ist in Ihren Reihen ein sogenannter Großgewinnbetreuer beschäftigt. Dieser steht Gewinnern von satten Geldsummen mit weisen Ratschlägen zur Seite, beglückwünscht sie, dropt Ratschläge und mahnt sie natürlich zur Contenance, damit die plötzlich Wohlhabenden nicht komplett auszucken. Aber das brauche ich Ihnen ja gar nicht zu erklären. Sie wissen ja wohl selbst, wofür Ihr Großgewinnbetreuer zuständig ist.

Ich bewerbe mich in der Hoffnung, dass Sie mit Ihrem derzeitigen Großgewinnbetreuer unzufrieden sind. Kann ja sein.

Zurecht werden Sie sich fragen, warum ich den Job eigentlich so gerne hätte. Ganz einfach: Es ist mein neuer Traumberuf. Als ich kürzlich erstmals das Wort “Großgewinnbetreuer” las, wusste ich im selben Moment: Das will ich werden.

Mit einem kleinen Fallbeispiel möchte ich Ihnen verdeutlichen, wie ich meine Aufgabe anlegen würde:

Fallbeispiel

Irgendein steirischer Zuckerbäcker (57, ledig, kinderlos, Alkoholiker) kreuzt in der Trafik wahllos irgendwelche Zahlen an, schaut tags darauf die Lottoziehung und erleidet dabei fast einen Herzkaspar.
Ein Sechser!!!
Das gibt’s ja nicht!
Plötzlich Multimillionär!

Der Lottoschein wird flugs an einem sicheren Ort verstaut (Schublade). Mit zitternden Händen will er bei der Lotto-Hotline anrufen, landet aber versehentlich bei einem Gmundner Webdesigner. Er stammelt seine Lottozahlen, seinen Namen, seine Adresse, Blutgruppe, Sternzeichen und Sozialversicherungsnummer in den Hörer, bis ihn der Webdesigner endlich unterbricht: “Sorry, falsche Nummer.”

Um seiner zitternden Finger Herr zu werden, trinkt der alkoholabhängige Zuckerbäcker 3x 4cl Weinbrand und versucht dann erneut, die Nummer der Lotto-Hotline in den Touchscreen zu tippen. Dieses Mal mit Erfolg! Die freundliche Stimme in der Gewinn-Zentrale versichert ihm nach zweimaliger Kontrolle der Quittungsnummer, dass der Zuckerbäcker Millionär ist, so frischgebacken wie seine Torten. Allerdings müsse sich der gute Mann einige Wochen gedulden, bis er das Geld überwiesen bekomme, so die freundliche Stimme.

In den folgenden Tagen verebbt die erste Euphorie des Lottomillionärs und schlägt bald in depressive Lähmung um. Die Frage, was er mit dem ganzen schönen Geld anstellen soll, macht ihn mürbe. Soll er sich eine Luxusvilla kaufen? Oder doch eine Yacht? Oder lieber einen Hubschrauber? Vielleicht am besten eine Luxusvilla mit eigenem Hafen und Hubschrauberlandeplatz? Er kann sich einfach nicht entscheiden.

Täglich trinkt sich der arme Zuckerbäcker in die Besinnungslosigkeit, um seine Neo-Sorgen zu verdrängen. Bis endlich ICH meinen großen Auftritt habe und meines Amtes als Großgewinnbetreuer walte!

Mit einer Geldkoffer-Attrappe als Authentizitäts-förderndes Requisit läute ich an der Wohnungstüre des wie gewohnt betrunkenen Zuckerbäckers. Als er die Türe öffnet, deute ich ihm, sich kurz zu gedulden, hole mein Smartphone hervor und spiele eine feierliche Fanfare ab. Dann begrüße ich ihn herzlich und er bittet mich in sein schäbiges Reich.

Ich nehme auf seinem versifften Sofa Platz und bin Profi genug, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich sein abgeranztes Interieur anekelt. Höflich bitte ich den Zuckerbäcker, mir seinen IBAN zu diktieren, damit ich die Überweisung des Zasters veranlassen kann. “Die erste Milliarde ist immer die schwerste”, trage ich routiniert meinen Standardscherz vor, merke aber, dass dem Lottogewinner nicht nach Schalk zumute ist. Er wirkt niedergeschlagen!

Also beginne ich das Beratungsgespräch und frage ihn, was er denn mit dem Geld anzustellen plant. Er schildert mir, dass er sich nicht zwischen Luxusvilla, Hubschrauber und Yacht entscheiden kann.

Als Großgewinnbetreuer durchschaue ich natürlich sofort, dass ich es mit einem klassischen Lotto-Opfer zu tun habe. Wenn ich dem Zuckerbäcker nicht den rechten Weg weise, wird er schon bald alles verprasst haben. Daher rate ich ihm: “Kaufen Sie sich keine Luxusvilla, keinen Hubschrauber und auch keine Yacht. Sie sollten zuerst einen Monat in Kalksburg einchecken, denn offensichtlich sind Sie Trinker. Wenn Sie dann trocken sind, verkaufen Sie Ihre Bäckerei, legen ihr gesamtes Vermögen in Aktien an und leben fortan fürstlich von den Dividenden. Sollten Sie mit der vielen Freizeit nichts anzufangen wissen, besuchen Sie einen VHS-Kurs." Meine Worte scheinen ihn zu erreichen. "Das VHS steht übrigens für Volkshochschule und nicht für Videokassette”, schließe ich mit einem sehr gelungenen Scherz.

Mit Freudentränen in seinen trüben Säuferaugen bedankt sich der Zuckerbäcker für meine weisen Worte und verspricht mir, auf mich statt auf seine innere Stimme zu hören und die Millionen nicht zu verprassen, sondern sie allesamt in Aktien zu investieren. Als kleine Aufmerksamkeit möchte er mir zehntausend Euro von seinem Gewinn schenken. Ich lehne zuerst ab, denn ich verdiene als Großgewinnbetreuer derartig gut, dass ich für Bestechungen unempfänglich bin.

Der Zuckerbäcker besteht aber darauf, mich für die gute Betreuung belohnen zu wollen. Na gut. Wir treffen uns in der Mitte und ich nehme fünftausend.

Dann will ich gehen und verabschiede mich ganz herzlich von meinem Klienten, der mir noch einmal versichert, bald nicht mehr zur Flasche greifen zu wollen. Doch Vorsicht, Plot-Twist!

Plötzlich steht der Gmundner Webdesigner mit einem Dolch im Raum! Er hat sich beim versehentlichen Telefonat geistesgegenwärtig die Adresse des Zuckerbäckers notiert und möchte ihm die Kohle abluchsen. Bedrohlich kommt er auf uns zu und zischt: “Rück die Millionen raus, aber dalli, sonst mach ich ein Cordon Bleu aus dir, du dummer Lottosack!”

“Das ist aber eine misslungene Drohung”, tadle ich den Webdesigner und überwältige ihn auf der Stelle mit einem Handkantenschlag der übelsten Sorte.

Ja, als Großgewinnbetreuer muss man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und immer die richtige Antwort haben!

Soweit mein Motivationsschreiben, das ich geschickt in ein anschauliches Fallbeispiel verpackt habe.

Abschließend noch einige Angaben zu meiner Person: Ich bin agil, akkurat, altruistisch, ausgeglichen, autark, authentisch, charismatisch, charmant, dynamisch, ehrgeizig, enthusiastisch, fair, fürsorglich, großzügig, idealistisch, initiativ, integer, intelligent, jovial, kommunikativ, kompetent, konsequent, kooperativ, kreativ, kulant, kultiviert, liberal, liebenswert, locker, loyal, motiviert, natürlich, offen, optimistisch, romantisch, selbständig, selbstbewusst, sexy, sinnlich, smart, sorgfältig, souverän, spontan, sympathisch, tolerant, tough, unkompliziert, vital, weise, weitsichtig, wissbegierig, witzig, zuverlässig, zuversichtlich und zuvorkommend.

Außerdem würde ich niemals einfach die Liste “Positive Charaktereigenschaften” von charaktereigenschaften24.de kopieren.

Einem Bewerbungsgespräch blicke ich mit großer Zuversicht entgegen. Gerne überzeuge ich Sie auch persönlich von meinen Qualitäten. Ansonsten halten Sie bitte meine Unterlagen zumindest in Evidenz, wenn das geht. Bitte bitte bitte!

LG & Samsung,
Ihr Marc Carnal

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