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Sharp Objects

Sky/HBO

SERIE

Southern Gothic

Die HBO-Miniserie „Sharp Objects“ vereint die Talente von Autorin Gillian Flynn, Regisseur Jean-Marc Vallée und Hauptdarstellerin Amy Adams in einem fiebrigen Südstaaten-Thriller.

Von Christian Fuchs

Man kennt sie bestens aus unzähligen Noir-Filmen und Serien, diese klassischen Antihelden, die einsam durch die Nacht driften. Immer einem mysteriösen Fall auf der Spur und die Hand am Whiskyglas, in dem die Eiswürfel plakativ klirren. Manische Männer, deren destruktive Seite gleichzeitig auch für eine bestimmte Coolness steht.

Sharp Objects“, die neue Prestige-Miniserie aus dem Hause HBO, hierzulande demnächst von SKY präsentiert, stellt nun endlich einmal eine weibliche Noir-Figur in den Mittelpunkt. Allerdings fernab jeder romantisierenden Verklärung, die bei den maskulinen Pendants stets dazugehört. Und auch ohne die fast schon comichafte Überzeichnung, mit der etwa die rabiate Außenseiterin Lisbeth Salander in diversen Filmen dargestellt wird. Die Journalistin Camille Preaker (Amy Adams) stolpert als menschliches Wrack durch einen scheinbar unlösbaren Kriminalfall, keine Femme Fatale in Leder, sondern eine scheinbar normale Frau am Rande des konstanten Nervenzusammenbruchs.

Sharp Objects

Sky/HBO

Kampf mit Kleinstadt-Dämonen

Camille Preaker ist dem Debütroman von Gillian Flynn entsprungen, die sich auf ähnliche Charaktere spezialisiert hat. Ihre stockdüsteren Thriller drehen sich um schwer beschädigte Frauen, die aus existenziellen Gefängnissen ausbrechen, die Opferrolle hinter sich lassen, eine zähe Unnachgiebigkeit entwickeln, egal, auf welcher Seite des Gesetzes sie stehen. Immer schon eng mit dem Film und Fernsehen verbunden, fand Flynn mit David Fincher 2014 einen kongenialen Partner, der mit „Gone Girl“ ihr erfolgreichstes Buch perfekt und kompromisslos adaptierte.

Während sich „Dark Places“, die andere Verfilmung eines Gillian-Flynn-Bestsellers, danach leider als große Enttäuschung entpuppte, dürfen Fans der großartigen US-Autorin jetzt aufatmen. Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée trifft in den acht Folgen von „Sharp Objects“, die er allesamt inszenierte, exakt den morbiden Southern-Gothic-Tonfall ihres literarischen Erstlingswerks von 2007, im deutschen Sprachraum als „Cry Baby“ verlegt.

Sharp Objects

Sky/HBO

Der Titel von Buch und Serie bezieht sich auf die scharfen Gegenstände, mit denen sich Camille Preaker als Teenager selbst verletzt. Traumatisiert von einer übermächtigen, neurotischen Mutter, die dem Kind jegliche Liebe vorenthält, herumtaumelnd in einem emotionalen Vakuum, betäubt vom gleichförmigen Alltag im Südstaatenkaff Wind Gap, will das Mädchen verzweifelt irgendetwas spüren. Sophia Lillis, die vielleicht erfreulichste Erscheinung in der Stephen-King-Verfilmung „It“, leiht der jungen Camille das ängstliche Gesicht, die Ähnlichkeit mit Amy Adams könnte nicht verblüffender sein.

Die Phase der Verwundungen wird aber in Rückblenden enthüllt, „Sharp Objects“ beginnt an dem Punkt, wo die Protagonistin die Psychatrie und die Panikattacken hinter sich gelassen hat. Als stille Alkoholikerin arbeitet Camille für eine mittelmäßige Tageszeitung, mit dem Schwerpunkt Kriminalreportagen. Als sie ein Auftrag ihres Herausgebers ausgerechnet in ihre spießbürgerliche Heimatstadt zurückkatapultiert, meidet die Journalistin zunächst die Konfrontation mit den Dämonen der Vergangenheit. Aber die Ermittlungen rund um zwei Mädchen, die in Wind Gap spurlos verschwunden sind, lassen sich bald nicht mehr von der Beklemmung trennen, die Camille Preaker im Haus ihrer Kindheit wieder überfällt.

Sharp Objects

Sky/HBO

Zwischen Realität und Hangover-Albtraum

Für Jean-Marc Vallée ist der Kriminalfall über weite Strecken nur ein Vorwand, um sich der Essenz der Romanvorlage zu widmen: Den zwischenmenschlichen Abgründen und dem Horrorszenario Familie. Bereits in seinem gefeierten HBO-Ensembledrama „Big Little Lies“ ging es im letzten Jahr um ähnliche Themen.

Diesmal konzentriert sich aber alles auf eine Person, ein Gesicht, einen heftig vernarbten Körper. Amy Adams spielt Camille Preaker mit dem Mut zur existentiellen Verzweiflung, die Verleiher der Emmy-Awards machen sich wohl schon heftig Notizen. Nicht weniger beeindruckend agiert aber die Newcomerin Eliza Scanlen als jüngere Schwester Amma, die ihre Rebellion gegen den Provinzmief geschickt unter einer grinsenden Cheerleader-Fassade verbirgt. Die großartige Patricia Clarkson sorgt als gespenstische Mutter Adora für Gänsehaut.

Man hat schon erheblich mehr Blut und Gewalt in einer Serie gesehen. Aber noch nie so viel Alkohol. In fast jeder Szene greift eine Figur zum Glas oder zur Flasche, Camille Preaker treibt ohnehin im Dauerrausch durch das Kleinstadtszenario. Irgendwann verblassen dabei, wie im Buch, die Grenzen zwischen Realität und Hangover-Albtraum. Jean-Marc Vallée findet die ideale Bildsprache für diese fiebrige Erzählung: Rauer Realismus, erzeugt durch eine subtile Handkamera, vermischt sich nahtlos mit halluzinatorischen Flashbacks und stilisierten Sequenzen.

Dabei ist das Schnitt-Tempo zwar durchaus zügig, auf die Ausführlichkeit, mit der Vallée die Geschichte aufrollt, muss man sich dennoch einlassen. Für eingefleischte Thriller-Junkies dürften vor allem die ersteren Abschnitte dieser Reise ins Herz der Finsternis etwas dahinziehen. Aber in „Sharp Objects“ ist definitiv der schmerzhafte Weg das Ziel.

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