FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Sharon Van Etten 2018

Ryan Pfluger

Artist Of The Week

Sharon Van Etten: Neuer Sound. Neue Rolle. Neues Leben?

Die New Yorker Rockmusikerin Sharon Van Etten startet mit einer künstlerischen Verwandlung ins neue Jahr. “Remind Me Tomorrow” handelt von den Überforderungen der Gegenwart und Vergangenheit und ist ein früher Höhepunkt im Musikjahr 2019.

Von Christian Lehner

Das ist die Sharon Van Etten von ihrem letzten Album “Are We There”, das vor vier Jahren erschienen ist:

Sharon Van Etten 2014

Christian Lehner

Und das ist die Sharon Van Etten von heute:

Sharon Van Etten - Remind Me Tomorrow

Ryan Pfluger

Nicht nur optisch ist hier einiges passiert, ist ein Mensch ein anderer geworden, zeigt die Zeit Zeichen. So klang Sharon Van Etten früher:

So klingt Sharon Van Etten heute:

Remind Me Tomorrow

“Remind Me Tomorrow” heißt das neue Album der New Yorkerin. Wo früher akustische und elektrische Gitarren den Ton angegeben haben, mischen jetzt Synthesizer und andere elektronische Zwitscherkisten mit. “Der aktuelle Witz meines Freundes ist, dass ich den Fans nun die andere Hälfte meiner Plattensammlung zeige”, so Van Etten beim FM4-Interview in Berlin, “und dort finden sich Alben von Portishead, Suicide, Nick Cave und vielen anderen Künstlern, die mit Elektronik experimentiert haben.”

Sharon Van Etten - Remind Me Tomorrow

Jagjaguwar

„Remind Me Tomorrow“ von Sharon Van Etten erscheint am kommenden Freitag, den 18.01.2019 auf Jagjaguwar/Cargo

Das, was man auf “Remind Me Tomorrow” zu hören bekommt, war also immer schon da. Und wie das nun mal so ist, brauchte es einfach den richtigen Zeitpunkt, um diese Facetten hervorzubringen. “Ich war mit dem straighten Rock-Ding durch. Es wurde Zeit für neue Herausforderungen, ich weiß gar nicht, ob ich sonst weitergemacht hätte.”

Post-Punk, No Wave, Trip Hop, Suicide, Nick Cave und Portishead. All diese Referenzen haben eines gemeinsam: Sie sind nicht unbedingt auf der hellen Seite des Mondes angesiedelt. Dementsprechend düster und bedrohlich klingen viele der Stücke auf “Remind Me Tomorrow”. Songs wie “Jupiter 4”, “Hands” und “No One’s Easy To Love” wirken wie direkt aus der Trip-Hop-Industrial- GmbH. Produzent John Congleton (St. Vincent, David Byrne, Lana Del Rey) hat sich dankenswerterweise nicht mit der Heckenschere an diesen sonischen Wildwuchs herangemacht. Die seltsamen Blüten und Triebe stehen so im Garten, wie von Van Etten gepflanzt. Das neue Faible für synthetische Klänge rührt nicht zuletzt aus dem mit Schauspieler und Musikkollegen Michael Cera geteilten Proberaum, der dort einige Korgs und Rolands herumstehen hatte.

Obwohl der Grundton dunkel ist, begreift Van Etten die Musik als emotionalen Befreiungsschlag. Waren die ersten vier Alben Gefäße zur Bewältigung eines Missbrauchstraumas, so schüttet Sharon Van Etten auf “Remind Me Tomorrow” die letzten toxischen Reste der Vergangenheit über Bord. Die aus New Jersey stammende Songschreiberin macht das mit einem Trick, sie geht noch weiter zurück in die Vergangenheit als auf den Vorgängeralben.

New Jersey Elegie und Elektronik

In den Schlüsselsongs “Seventeen” und “Comeback Kid” besucht die aus New Jersey stammende Songschreiberin die Zeit vor der toxischen Beziehung und spricht zu ihrem Teeanger-Ich, seinen Ängsten und aufkeimenden Gefühlen von Freiheit.

Ein Stück wie das entfesselte “Comeback Kid” (Siouxsie and the Banshees meets Pat Benatar) funktioniert auf zwei Bedeutungsebenen. Man kann den Song als einen Themenklassiker des Pop hören: Ich bin gefallen, es wurde mir übel mitgespielt, das Herz gebrochen, das Leben versaut, aber ich lasse mich nicht unterkriegen und stehe immer wieder auf. File under Durchhalte-Song.

Oder man kann den Titel wortwörtlich nehmen und einem weiteren Pop-Narrativ zuordnen. “Es geht um die gemischten Gefühle, die einen überkommen, wenn man das Elternhaus besucht. Mom und Dad sehen dich immer noch als Kid und du kämpfst dagegen an, so wie du es als Teenager getan hast”, so Van Etten. Ähnlich das Stück “Seventeen”. Dort spricht Sharon zu ihrem jüngeren Ich, zur Außenseiterin in der High-School, und reiht sich damit in den Kanon der New-Jersey-Elegie ein, der von Bruce Springsteen über Patti Smith zu Karen O reicht. File under Coming-Home-Song (der oft den Runnaway-Song als Voraussetzung hat).

Logo des FM4 Interview Podcasts

radio fm4

Das komplette Interview mit Sharon van Etten gibt’s jetzt auch im FM4 Interviewpodcast

Warum Van Etten nun Verständnis für die Projektionen ihrer Eltern zeigt, liegt daran, dass sie selbst vor zwei Jahren erstmals Mutter wurde. “Ich habe da so eine leise Ahnung, dass es bei mir nicht viel anders sein wird”, so Van Etten. Die letzten vier Jahre waren sehr ereignisreich im Leben der Musikerin. “Ich wollte eine kreative Pause einlegen und zurück auf die Uni gehen”, doch dann kam das Engagement in derSerie The OA. Ein Filmagent hatte Van Etten im Vorprogramm von Nick Cave gesehen und sie zum Casting für die Rolle der Rachel engagiert. Prompt erhielt die Novizin den Part. Dass sie die Rolle einer Eingesperrten so überzeugend spielte, hatte wohl auch mit ihren eigenen misslichen Erfahrungen zu tun.

Wenig später klingelte abermals das Telefon. Am anderen Ende war David Lynch, der Van Etten mit ihrem Song "Tarifa” für die Fortsetzung von Twin Peaks engagierte. “Ich fühle mich wegen dieser Engagements noch immer wie eine kleine Betrügerin, schließlich habe ich noch nie eine Schauspielschule von innen gesehen,” sagt Van Etten dazu. (Zum Zeitpunkt des Interviews im November durfte sie noch nicht darüber sprechen, doch derzeit steht Van Etten für die zweite Staffel von “The OA” vor der Kamera. Anm.). Und dann war dann auch noch das Scoring für den Film “Strange Weather” von Katherine Dieckman, wo Sharon Van Etten erstmals Kompositionsluft jenseits des Songformats schnuppern konnte.

So ist “Remind Me Tomorrow” ein Album geworden, dass die Überforderungen der Vergangenheit (Missbrauchstrauma und Bewältigung) mit denen der Gegenwart (Filmrolle, Mutterrolle, Komponistenrolle, Studium) kurzschließt und letztere als Überwindung ersterer feiert. Exemplarisch dafür steht der Auftakt der Platte. „I Have Told You Everything“ ist mehr Refrain-lose Beschwörung als Song. Hier spricht Sharon Van Etten direkt zum Vater ihres Kindes, ihren Ex-Drummer und jetzigen Manager Zeke Hutchins. „I have told you everything about my first time“, versichert sie ihm und macht so den Weg frei für das Neue.

Sharon Van Etten 2018

Christian Lehner

Sharon Van Etten beim FM4-Interview in Berlin

Musikalisch kokettiert Sharon Van Etten nicht mit der Elektronik, so wie das bei vielen arrivierten Indie-Rockern derzeit der Fall ist, sie braucht die neuen Sounds, um den entscheidenden Schritt vorwärts zu kommen. Und was für ein Schritt das geworden ist. “Remind Me Tomorrow” ist ein früher Höhepunkt im noch jungen Musikjahr.

Aktuell: