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Women and Boxing in NYC

Christian Lehner

Reportage

Women of Boxing

Linke Haken und unrechte Geschlechterverhältnisse. Zu Besuch bei den Boxerinnen des weltberühmten Gleason’s Gym in Brooklyn.

Von Christian Lehner

Women of Boxing im FM4 7-Tage-Player

Ein Boxing Gym erkennt man auch am Geruch: der Schweiß, das nasse Leder der Handschuhe und Sandsäcke, der Ring, der wie ein Schwamm alle Salztränen und Blutstropfen aufsaugt, die in ihm vergossen wurden. Bruce Silverglade ist stolz auf den smell in seinem Club. Gleason’s Gym ist nicht nur die älteste noch aktive Trainingsstätte des Faustfechtens, sondern auch die berühmteste. In Gleason‘s Gym bereitete sich Muhammad Ali auf seinen ersten Weltmeisterschaftskampf vor. Roberto Duran, Mike Tyson und „Smoking“ Joe Frazier droschen auf Sandsäcke, Boxbirnen und Sparringpartner ein. Robert De Niro bereitete sich hier auf seine Rolle als Jake „The Raging Bull“ LaMotta (ebenfalls ein Gleason’s-Zögling) vor, ebenso wie Hilary Swank auf ihre Performance in „Million Dollar Baby“.

Women and Boxing in NYC

Christian Lehner

Women and Boxing in NYC

Christian Lehner

Seit 1937 ist das Gym viermal umgezogen – zuletzt vor wenigen Monaten von der Brooklyn Bridge einen Block weiter zur Manhattan Bridge.

The Smell

„Geblieben ist der Geruch“, sagt Silverglade, „der ist stets mitgekommen.“ Silverglade, der das Gym seit über 40 Jahren managt, setzt nicht auf die neuesten Fitness-Tools, er übersiedelt einfach das alte Equipment, wenn ihn die hohen Mieten wieder einmal von einem Standort vertreiben. Eine Boxbirne stammt noch aus den 30er-Jahren. Auf die ist der Veteran besonders stolz, wie auch auf den hohen Frauenanteil im Gym.

Der große Knall. Die in Wien lebende Profi-Weltmeisterin Nicole Wesner im FM4-Doppelzimmer

Tatsächlich treffe ich bei meinem Besuch an einem sehr heißen Nachmittag im Juni hauptsächlich auf Boxerinnen. „Alle sechs aktiven World Champions, die aktuell bei mir trainieren oder Stunden geben, sind Frauen“, erzählt der 74-jährige Manager. „Sie trainieren härter und sind disziplinierter als die Jungs.“

“Sobald wir die Boxhandschuhe tragen, sind wir alle gleich”, sagt Keisher „Fire“ McLeod, die sich gerade auf das Training vorbereitet. Doch das gilt nur für den Sportsgeist im Gleason’s Gym. Keisher, 2-fache Amateur- und Profi-Weltmeisterin im Fliegengewicht, trainiert heute nicht für den nächsten Kampf, sie gibt Stunden für Mitglieder, die aus Fitnessgründen kommen und keine Wettkämpfe bestreiten, darunter viele Celebrities und Wall-Street-Manager.

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Christian Lehner

Keisher „Fire“ McLeod

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Christian Lehner

Keisher kam über ein Casting für „Terminator 3“ zum Boxen. „Ich sollte etwas mehr Muskeln aufbauen, meinte mein Agent, und so habe ich mit dem Boxen angefangen.“ Nicht zuletzt wegen ihrer schillernden Erscheinung wurde Keisher bereits von der New York Times und Vanity Fair portraitiert. Die in Brooklyn Geborene gilt als Riesentalent, trotzdem kann sie von dem Sport, dem sie ihr ganzes Leben widmet, nicht leben.

„Ich halte mich mit mehreren Jobs über Wasser. Neben den Trainingsstunden putze ich und designe meine eigenen Schmuckkollektionen. Ich würde mich gerne auf meine Karriere konzentrieren, aber das ist unmöglich“, erzählt Keisher, bevor sie wieder in den Ring klettert. Der nächste Kunde wartet. Eine Session bringt ihr zwischen 20 und 60 Dollar.

Where’s the money at?

175 Millionen Dollar Preisgeld wurden vor zwei Wochen beim Schaukampf zwischen dem Boxweltmeister Floyd Mayweather und seinem MMA-Herausforderer Conor McGregor ausbezahlt. Von solchen Gagen können US-Profiboxerinnen nur träumen. Selbst in Europa, wo das Frauenboxen wesentlich populärer ist, nehmen sich die Prämien im Vergleich zu den Männern äußerst bescheiden aus. Knapp zehn- bis zwanzigtausend Dollar ist ein WM-Titel wert. Nur wenn die TV-Kameras dabei sind, zahlt sich der Fausttanz wirklich aus.

„Ich fighte wie Tyson. Ich bin eher klein und muskulös, deshalb versuche ich über die Innenbahn einen linken Haken anzubringen.“ Sonya „The Scholar“ Lamonakis ist ein Star des US-Frauenboxens. Die 42-Jährige ist Schwergewichts-Champ, hat mehrere Golden Gloves-Titel, Staats- und Weltmeistergürtel erkämpft. Und sie kommt gerade aus dem Gym-Büro, wo sie manchmal beim Papierkram aushilft. Hauptberuflich ist Sonya Lehrerin an einer Public School in Brooklyn. „Mit der Disziplin gibt’s bei mir keine Probleme“, grinst sie freundlich. Seit 15 Jahren steigt die Lehrerin bereits in den Ring. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Lamonakis zählt zu den wenigen Boxerinnen, die bei sogenannten „Undercards“ im Fernsehen zu sehen sind. Als Undercard bezeichnet man die Vorkämpfe vor einem Hauptevent. „Immer mehr Frauen schaffen es in die Hauptübertragung, aber ich denke nicht, dass die Gagen jemals auf das Niveau der Männer kommen werden.“

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Christian Lehner

Sonya „The Scholar“ Lamonakis

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Rising Stars

Tatsächlich konnten in diesem Jahr Nachwuchsstars wie die zweifache Olympiasiegerin Claressa „T Rex“ Shields lukrative Deals für Kämpfe abschließen. Die wichtigsten Plattformen sind die Kabelsender HBO und Showtime und die PBC-Serie, die sich bisher wenig aufgeschlossen zeigten. „Boxerinnen sind schlechter vermarktbar als Boxer“, sagt Lamonakis. „Eine Frau, die Aggressionen zeigt, ist im Sponsoring und der Werbung noch immer nicht gern gesehen.“

Hoffnung macht ausgerechnet der Konkurrenzsport MMA (Mixed Martial Arts). Dort kämpfte sich die Kalifornierin Ronda Rousey zum millionenschweren Star hoch. Top-Boxerinnen, wie etwa Holly Holm, haben bereits die Seiten gewechselt. 2015 schlug Holm Rousey sensationell beim Kampf um den UFC-Titel im Bantamgewicht. Der Fight zog ein Millionen-Pay-Per-View-Publikum an. Wollen die arrivierten Sender nicht den Anschluss verlieren, müssen sie sich zwangsläufig dem Frauenboxen öffnen.

Blood, Sweat and Tears

Im Gleason’s bereitet sich Mahagony Williams auf ihren ersten Amateur-Kampf vor. Mit der Mitgliedschaft im Gym hat sich die Kalifornierin einen Traum erfüllt. Heute sparrt sie mit Leon Moore, einem jungen Ex-Champ aus der Karibik. An eine spätere Profikarriere denkt Williams noch nicht. Jetzt geht es darum, den ersten Kampf zu überstehen. „Beim Sparring merkt man schnell, wo die Ängste lauern. So kann man sie fokussieren und überwinden. Es ist eine mentale Sache.“ Am Gym gefällt ihr die Geschichte und der Spirit, der das alles zusammenhält.

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Mahagony Williams

„Mir ist egal, ob das Frauen oder Männer sind, Kurze oder Lange, Dicke oder Dünne“, antwortet Bruce Silverglade abschließend auf die Frage nach der Philosophie seines Clubs. „Ich respektiere jeden Menschen, der es wagt, in einen Ring zu steigen und sich zu messen.“ In Gleason’s Gym unter der Manhattan Bridge kann man das sogar riechen.

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