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FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

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FM4 Schnitzelbeats

FM4 Schnitzelbeats- Rohe First-Takes aus dem Paralleluniversum!

Das Licht geht an. Dann 2 Minuten Rauschen, Knistern und Knacken. Voice-O-Graph, eine Geschäftsidee aus den 50er-Jahren mit visionärem Potential.

Von Al Bird Sputnik

In den späten 1950er-Jahren stand in der Wiener Burggasse ein Audio-Aufnahme-Automat der US-amerikanischen Firma Voice-O-Graph. Jede Bürgerin und jeder Bürger konnte dort einfach hingehen und eigene Recordings anfertigen. Und das ohne die Anwesenheit eines Tontechnikers oder das Einverständnis einer Plattenfirma. Wer auch immer Lust hatte, seine eigene Stimme einmal auf einer Schallplatte zu hören, hatte plötzlich die Gelegenheit dazu. Gemäß der zeitlosen D.I.Y.-Formel: „Das kann ich auch“. Das, meine Damen und Herren, ist immerhin die Quintessenz des Punk.

FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

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Zum Geleit: Der Voice-O-Graph wurde der Öffentlichkeit bereits in den 1940er-Jahren vorgestellt und entwickelte sich in den USA zu einer beliebten Attraktion, etwa auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings oder auf Jahrmärkten. Der Automat hatte die Größe einer Telefonzelle und beheimatete ein vollautomatisiertes Recording Studio, in dem Menschen ihre Stimme (oder was-auch-immer sie in die Kabine mitnehmen wollten: Musikinstrumente? Küchengeräte? Haustiere?) via Mikrofon auf eine 6-Zoll-große Schallplatte bannen konnten. Ähnlich einem Passbildautomaten, ging nach Münzeinwurf ein Licht an, woraufhin der Benützer für exakt 2 Minuten die Möglichkeit hatte, sich mit einem akustischen Gruß an Freunde, Verwandte und Nachgeborene unsterblich zu machen.

Dem Voice-O-Graph wohnte ein simples phonographisches Direktschnitt-Verfahren inne, mit dem der Schall in Echtzeit in die Oberfläche einer Kunststoffscheibe geritzt wurde – im Gegensatz zum kosten- und materialintensiven Erzeugungsverfahren einer Vinyl-Schallplatte, bei dem der voraufgezeichnete Klang in die Rillen gepresst wurde.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal war die Quantität: Während handelsübliche Tonträger in hundert-, tausend- oder zigtausendfachen Mengen vervielfältigt wurden, waren Voice-O-Graph-Disks in aller Regel Einzelstücke. Wollte man ein weiteres Exemplar seiner Aufnahme besitzen, musste man zurück in den Automaten und den Song nochmal in Echtzeit einsingen oder das Gedicht nochmal aufsagen. Optisch abgerundet wurde die krude Versuchsanordnung noch von industriell vorgefertigten Etiketten mit eindringlichen Warnhinweisen, wie etwa: ACHTUNG! BITTE SCHALLPLATTE ZWISCHEN KARTONEINLAGEN STECKEN! oder VORSICHT – ENTZÜNDLICH!

FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

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Die schlichte One-Take-Beschaffenheit des Mediums in Verbindung mit der strikt begrenzen Aufnahmedauer von 2 Minuten, übertrug sich zudem direkt auf den spontanen Charakter der resultierenden Aufnahmen: In etlichen dokumentierten Fällen entstanden Geburtstags- und Weihnachtsgrüße an entfernt lebende Verwandte, für die sich die gesamte Familie in den Automaten quetschte, um Floskeln aus dem Poesiealbum runterzuhudeln, bis die Aufnahme plötzlich zu Ende war.

Für Pophistoriker weitaus interessanter, sind freilich die Recordings euphorisierter Teenager, die sich – unter dem Einfluss von Billy Haley oder Elvis Presley – der Aufregung aussetzen wollten, selber als Schluckaufsänger aus den Rillen einer Schallplatte zu erklingen: „Like talking on the phone… But a thousand times more thrilling!“, wie eine damalige Voice-O-Graph-Reklame suggerierte.

13.07.18 FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

Voice-O-Graph

In Wien gab es ab den späten 1950er-Jahren einen derartigen Voice-O-Graph-Automaten, der sich in der Burggasse 60 befand. Für die aktuelle Ausgabe der FM4 Schnitzelbeats haben wir einige der schönsten österreichischen Voice-O-Graph-Flohmarktfunde hervorgeholt und in der heutigen Sendung aneinandergereiht. Wir hören namenlose Wienerinnen und Wiener mit ungelenken Cover-Versionen damaliger Pop- und Rock-n-Roll-Hits aus dem (ungefähren) Zeitraum 1957 bis 1961.

FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

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Die Compilation-Serie „Schnitzelbeat“, die auch dieser Sendereihe den Namen gab, startete im Jahr 2013 übrigens mit einer Aufnahme aus dem Voice-O-Graph-Automaten: Der ungestüme Wiener Rock-n-Roll-Sänger Werner Gavac war ein Vollblut-Amateur, der wohl nie einen Plattenvertrag ergattert hätte. Seine einzige erhaltene Aufnahme, die im Jahr 1958 im beschriebenen Einzelstück-Modus entstanden war, eine deutschsprachige Cover-Version der Paul Anka-Nummer „I love you Baby“ stellt indes in der Retrospektive einen bemerkenswerten Beleg für die Existenz einer damals in der öffentlichen Wahrnehmung unterdrückten Teenager-Subkultur in Österreich dar und zeigt die herrschenden Defizite an brauchbaren infrastrukturellen Einrichtungen deutlich auf: Weit und breit kein Produzent, kein Label oder sonst jemand, die musikbegeisterten Teenagern in den 1950er- oder 60er-Jahren die Tür zu einem Aufnahmestudio geöffnet hätte.

Im Sinne der Sichtbarmachung von sogenannten „Subkulturen“ (z.B. Rock-N-Roll) aber auch in der Schaffung von Freiräumen für österreichische Jugendliche, hat der Voice-O-Graph dem Narrativ heimischer Popgeschichte tatsächlich seinen Stempel aufdrücken können. Gut, dass es ihn gab!

FM4 Schnitzelbeats- Voice-O-Graph

Vinylograph

Apropos: Gegenwärtig finden sich in Wien gleich 2 nennenswerte Kulturprojekte, die direkt oder indirekt auf den Spuren des Voice-O-Graph wandeln: Der „Record Elevator“ im Café/Analog-Store Supersense (Praterstraße 70, 1020 Wien) ist ein zum Recording Booth umfunktionierter Fahrstuhl mit Münzeinwurf und grüner Lampe. Für 20€ kann man sich dort ganz unkompliziert eine 7“-Single schneiden lassen.

Einen experimentelleren Ansatz verfolgt der „Vinylograph“, ein transportabler Schallplattenschneideautomat, der aktuell in der SSTR6 (Schönbrunner Straße 6, 1040 Wien) beheimatet ist. Die beiden Entwickler Natascha Muhic und Christoph Freidhöfer haben sich den historischen Voice-O-Graph zum Vorbild genommen und einige Jahre in die Realisierung gesteckt. Mit Erfolg: Seit der Präsentation vor rund 2 Jahren, gibt es nahezu im Wochentakt neue limitierte Releases zu feiern, die mithilfe des Vinylograph realisiert worden sind. Alles Einzelstücke, gefertigt im Spirit der zeitlosen D.I.Y.-Formel: „Das kann ich auch“. Und das, meine Damen und Herren, ist nach wie vor die Quintessenz des Punk.

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