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Szene aus "Loveless"

Polyfilm

Filmflimmern

Neu im Kino: „Unsane“, „The Death of Stalin“, „Loveless“, „The Woman Who Left“ und „Vor uns das Meer“. Außerdem: Steven Spielberg schimpft über Streaming und welche Serie heuer vieles toppen könnte.

Von Christian Fuchs

Unsane

Das tolle an Steven Soderbergh ist seine Unberechenbarkeit. Slickes Mainstreamkino, raue Lo-Fi-Filme oder gleich ein kompletter Bruch mit Hollywood, man weiß nie, was einen erwartet. Nicht jedes Experiment glückt dem Regisseur aber, wie seine jüngste Serie „Mosaic“ bewiesen hat. Eher durchwachsen ist auch Soderberghs neuer Psychothriller „Unsane“. Die eindringlich spielende Claire Foy („The Crown“) landet darin wider Willen in einer Nervenklinik, in der sie eine furchtbare Entdeckung macht. Ausgerechnet der Stalker (Joshua Leonard), dem die unfreiwillige Patientin ihre psychische Zerrüttung verdankt, arbeitet in der Anstalt als Pfleger.

Filmstill aus "Unsane"

Centfox

Eine Weile fesselt „Unsane“ als moderne Variante von Psychiatrie-Klassikern wie „One Flew Over The Cuckoo’s Nest“, auch die eigenwillige, bewusst trostlose iPhone-Ästhetik passt zu dem Paranoia-Drama. Aber dann hagelt es leider miefige Horrorklischees. „Letztlich klebt ‚Unsane‘ mehr am konventionellen Genrefilm“, stellt auch Petra Erdmann fest. „Er ist zwar zwar auf der technologischen Höhe seiner Zeit, bleibt aber nicht mehr als ein B-Movie mit einem wenig smarten Plot.“ Dafür gibt’s 6 von 10 Gänsehäute.

The Death of Stalin

Ein Film über eines der grausamsten Kapitel in der russischen Geschichte, in dem die Darsteller im breiten britischen Akzent schwelgen und noch dazu den unfassbaren Terror satirisch aufs Korn nehmen, geht sich das aus? Ja, wie „The Death of Stalin“ beweist.

Regisseur Armando Iannucci lässt in seinem tragikomischen Meisterstück Steve Buscemi, Jeffrey Tambor oder Michael Palin als Mitglieder des russischen Zentralkomitees anno 1953 aufeinandertreffen. Genosse Stalin hat eben einen Hirnschlag erlitten und die mächtigen Männer um ihn kämpfen heftig um die Nachfolge. Robert Rotifer hat über die exzellente Verfilmung einer gleichnamigen Graphic Novel an dieser Stelle geschwärmt, meine Kollegin Pia Reiser ist von dem Film ebenfalls erschüttert wie begeistert. „Völlig frei von staubigen Anmutungen eines Historienfilms macht Ianucci seinen Film zu einer allgemeingültigen Abhandlung über Größenwahn“, fasst sie zusammen und vergibt 8 von 10 Pelzkappen.

Szene aus "Death of Stalin"

Filmladen

Loveless

Nochmal Russland, diesmal befinden wir uns aber in der Gegenwart. Während einem in „The Death of Stalin“ das Lachen oft in der Kehle stecken bleibt, kommt es in „Loveless“ erst gar nicht auf. Der neue Film des Regisseurs Andrey Zvyagintsev schließt nahtlos an sein schockierendes Melodram „Leviathan“ an. Während in westlichen Filmen Ehepaare, die sich scheiden lassen, oft erbittert um das Sorgerecht für ihr Kind streiten, will in „Loveless“ niemand den kleinen Alyosha zu sich nehmen. Zhenya und Boris, seine Eltern, stehen kurz vor der Trennung und nur mehr weißglühender Hass ist von der Beziehung zurückgeblieben. Der zwölfjährige Bub verkörpert für beide bloß die Erinnerung an eine schreckliche Lebensphase. Auch als Alyosha vermisst wird, bleibt das Expaar zunächst ungerührt. Eine ausgedehnte Suche beginnt, mit Hilfe einer privaten Rettungsmannschaft, aber die Spuren verlaufen im Nichts.

Szene aus "Loveless". Kind sitzt am Tisch

Polyfilm

Andere Filme würden sich an dieser Stelle in einen Thriller verwandeln. Aber „Loveless“ taucht noch tiefer in die sozialen Abgründe seiner Protagonisten ein. Trostlosigkeit und Tristesse beherrschen sämtliche Orte, an denen sich die Figuren bewegen, ob es sich nun um miefige Kleinbürgerwohnungen, schicke Appartments oder gar die eisige Außenwelt handelt. Andrey Zvyagintsev erweist sich erneut als spiritueller Verwandter heimischer Regisseure wie Ulrich Seidl und Michael Haneke. Seine Charaktere taumeln als emotional vergletscherte Existenzen durch die urbane Hölle, starren apathisch auf ihre Mobiltelefone, während Kriegsbilder auf den Fernsehschirmen flackern - und Kinder einfach verschwinden. Weil das Private bei Zvyagintsev immer untrennbar mit dem Politischen verküpft ist, kann man auch den Beziehungshorror von „Loveless“ als Allegorie auf das moderne Russland lesen. Ich verleihe dem radikalen Drama 7 von 10 erstickten Tränen.

Vor uns das Meer

Der Name Donald Crowhurst drückt heute wohl keine Knöpfe, 1968 dominierte er aber eine Weile die Nachrichten. Der britische Geschäftsmann und Hobbysportler nahm damals an einer Solo-Segelregatta teil, mit dem Ziel, einen Rekord für die schnellste Umsegelung der Erde aufzustellen. In „The Mercy“, bei uns „Vor uns das Meer“ betitelt, erzählt James Marsh die true story des Mannes (Colin Firth), der seiner Frau (Rachel Weisz) und den gemeinsamen Kindern mit dem Preisgeld ein besseres Leben ermöglichen wollte. In seiner gefeierten Doku „Man on Wire“ widmete sich der Regisseur bereits einem sturen sportlichen Einzelgänger, dem Seiltänzer Philippe Petite. Trotz formidabler Besetzung und einigen Twists wirkt das Segelabenteuer im Spielfilmformat bei weitem nicht so mitreißend. Ein irgendwie biederes, wenn auch solides Drama, meint Pia Reiser und vergibt 6 out of 10 Riesenwellen.

The Woman Who Left

Lav Diaz ist so etwas wie die lebende Antithese zum Hollywood-Blockbusterkino. Der philippinische Festivalliebling dreht Spielfilme in gewaltiger Überlänge, nicht selten in Schwarzweiß, in denen oft ganz bewusst die Zeit stillsteht. Diaz’ längstes Werk dauert über 10 Stunden, sein neuer Streifen „The Woman Who Left“ nicht ganz 4 Stunden. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nach dreißig Jahren aus der Haft in einem philippinischen Gefängnis entlassen wird. Ihre Freundin habe den Mord gestanden, sagt man Horacia, und ihr Fall sei damit hinfällig. In langen Totalen, die wie einem Fotoband entnommen wirken, erzählt Lav Diaz von den Rachegedanken, die in der Frau aufkeimen. Maria Motter empfiehlt in jedem Fall, in das eigenwillige Universum des Regisseurs einzutauchen und verleiht 5 von 10 philosophische Gedanken über Gut und Böse.

Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

Filmgarten

Außerdem

Drehbuchautor Taylor Sheridan, seit „Sicario“, „Hell Or Highwater“ und seinem Regiedebüt „Wind River“ als genialer Grenzgänger zwischen Thriller-Härte und sozialem Gewissen gehandelt, macht eine TV-Serie. Für das Paramount Network hat er sich die Geschichte eines Familienclans ausgedacht, der im Montana der Gegenwart über Leichen geht. „Yellowstone“ versammelt Wes Bentley, Kelly Reilly und Luke Grimes rund um Familienpatriarch Kevin Costner und könnte eine der eindringlichsten Serien des Jahres werden. „Dallas“ und „Denver Clan“ meets „True Detective“.

Apropos, wer das Serienwunder von Nic Pizzolato so anhimmelte wie der Schreiber dieser Zeilen bekommt heuer endlich Nachschub. HBO bereitet die dritte Staffel von „True Detective“ vor, diesmal spielt die Krimihandlung in den Ozarks, wo makabre Morde eine Gruppe Polizisten in Anspannung halten. Niemand geringerer als der großartige und kompromisslose Jeremy Saulnier („The Green Room“) führt bei der Miniserie Regie, Pizzolato schreibt alle Drehbücher, der tolle Mahershala Ali (Oscar für „Moonlight“) und der unterschätzte Stephen Dorff entdecken das dunkelste Geheimnis, seit Rust Cole den Yellow King enttarnte.

Und weil wir gerade bei Nic Pizzolato sind: Vor kurzem trudelten erste Kritiken zum NeoNeoir-Thriller „Galveston“, der auf seinem gleichnamigen, sehr lesenswerten Roman basiert, ein. Mélanie Laurent, göttlich als Darstellerin in „Inglorious Basterds“ und „Beginners“, setzte sich in den Regiestuhl, um einen lebensmüden Auftragskiller auf eine Mission der Liebe zu schicken. Elle Fanning und Ben Foster klingen nach Traumbesetzung.

Steven Spielberg hat die Promotiontour zu seinem neuen Sci-Fi-Blockbuster „Ready Player One“ genützt, um gegen Netflix zu wettern. Jetzt, wo viele Filme keinen Start mehr bekommen und exklusiv auf dem Streaming Service zu sehen sind, sei die Gefahr für das Kino groß. Wer sich Netflix oder Amazon verpflichte statt der großen Leinwand, soll zumindest vom Oscar-Rennen ausgeschlossen sein, meint die Regielegende.

Termine:

05.04: Maria Lassnig Retro, Filmmuseum Wien
05.04. Gustav Deutsch Retro, Filmarchiv Wien
06. 04. Aki Kaurismäki Retro, Filmmuseum Wien
06.04. Dialogveranstaltung mit Werner Boote zu „The Green Lie“, Cineplexx Graz

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