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Natalia KOLESNIKOVA / AFP

Blumenaus WM-Journal

Diese WM zeigt: Fußball wird zu American Football!

Stimmt natürlich so nicht - ist nur ein hysterischer Titel, der euch zum Weiterlesen drängeln soll. Und reißt eine wesentliche, bei der WM deutlich sichtbare Entwicklung auch nur an. Mit Schluss-Gag!

Von Martin Blumenau

Fußball wird solange nicht American Football sein, solange der Spielfluss, die tickende, nicht anzuhaltende Uhr, den Spannungsbogen bildet.
Aber: Fußball lernt gerade, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, einiges von anderen Sportarten, was Differenzierung von Trainingsarbeit und Diversifizierung von Strategie und Taktik betrifft.

Die gute Nachricht: die von Motivation und Küchenpsychologie lebenden Ex-Rumpelfuß-Spieler und Haudrauf-Coaches des 20. Jahrhunderts, die nach dem Ende des Tiki-Taka-Ballbesitz-Fußballs schon wieder Morgenluft gewittert haben, sind weiter chancenlos.
Die schlechte Nachricht, vor allem für jene, die sich nicht jenseits von Überschriften bewegen können/wollen: Fußball wird, ganz wie das richtige Leben, wieder ein Stück komplexer.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Blumenaus WM-Journal 2018 gibt es auch als täglichen Podcast!

Es wird gerade an Gareth Southgate, dem englischen Coach, festgemacht, der eine, was Begabung/Talent und Erfahrung betrifft, eher mittelprächtige Mannschaft bis ins Halbfinale gebracht hat. Oder an Belgiens Roberto Martinez, der sowohl die Hürde nur über die Ressourcen einer kleineren Nation zu verfügen, als auch die Hürde Stars gegen ihre Natur zu einem Team formen zu müssen, übersprungen hat.

Man könnte auch den russischen Coach, Stane Cherchesov, dazu nehmen, oder den alten Fuchs Tabarez, der Uruguay eingestellt hat. Und auch Mexiko, Kolumbien, Portugal und in Ansätzen Frankreich (und sogar Argentinien, wo alles misslungen ist) haben es in ihrer WM-Performance adaptiert oder bereits im Vorfeld in ihrer Spielidee, also ihrer strategischen DNA, integriert.

Sie alle sind multitaskingfähig, also imstande die Anforderungen mehrerer Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen: im Fußball bedeutet das den Umschaltpunkt zu erwischen als auch das Davor (die Defensive) und das Danach (die Offensive) gleich gut zu managen. Das ist der aktuelle Schlüssel. Dass jede Mannschaft zumindest drei Varianten ihrer selbst automatisiert haben muss.
Was Southgate getan hat um sich sowohl öffentlichkeitswirksam als auch die Selbstfindung seiner Spieler bestärkend in Szene zu setzen (und so Überzeugungsarbeit zu leisten, die deutlich nachhaltiger und auch inhaltsreicher ist als die reine Motivation und die Küchenpsychologie): er borgte sich Tools aus den Trick-Kammerln des American Football.

Dort gibt es unter dem Chefcoach je einen Offensive- bzw. Defensive-Coordinator, die ausschließlich für die jeweiligen Spiel-Situationen verantwortlich sind. Nun gibt es einen entscheidenden Unterschied: beim American Football erledigen diese Aufgaben zwei personell gänzlich unterschiedliche Teams, Spezialisten.
Beim Fußball, wo es philosophisch, im Kern darum geht Unzulänglichkeiten zu überwinden (deshalb wird das Ball ja auch mit dem Fuß, der der Hand deutlich unterlegenen Ball-Zugriffs-Extremität, gespielt), machen alle alles. Weshalb dann auch alle alles abrufbereit haben müssen.

Das lässt sich trainieren. Es dann aber auch in Extremsituationen (und jedes Spiel, in dem es um etwas geht, ist eine) abrufen zu können - das ist die höchste Stufe der Fußball-Kunst; und nicht jedermann gegeben.

Vorbereitung/Coaching bedeutet nicht den Akteuren den Kopf mit Info oder Theorie zu verstopfen, sondern ihnen alle Werkzeuge in die Hand zu geben um wahrscheinliche Situationen zu händeln. Deshalb tritt jedes halbwegs ambitionierte Team dieser WM (also eh fast alle außer den Zwergen und den Skandinaviern) mit dieser Dreifach-Idee an, die Antworten auf drei Fragen beinhalten muss:
1) wie stehen wir, was ist unser grundsätzliches System?
2) wie verschieben/verändern wir uns, wenn wir defensiv stehen, also den Gegner blocken wollen?
3) was tun wir bei Balleroberung (der berühmte Umschaltmoment) - wie strömen wir in der blitzartigen Offensive aus?

Dazu kommen noch viele weitere Fragen, etwa die nach der Spielanlage: weite vertikale, das Mittelfeld überfliegende Bälle auf Zielspieler und schnelles Nachrücken? Vorrangiges Flügelspiel mit hohen/halbhohen Flanken oder Stanglpasses? Technisch hochwertige Kombination durch die Zentrale mit variablen vorletzten Passes? Eckiges Hauruck und das Hoffen auf Standards? Oder eine Mixtur? Je nach Antwort stellt sich die Mannschaft dann auf. Passieren schon hier grundlegende Fehler (siehe Argentinien) wird Nachrangiges dann obsolet.

In den Coaching-Teams hinter den Mannschaften bei den großen Clubs wird schon länger spezialisierter gearbeitet, Wert auf schnellstmögliches Switchen zwischen Defensiv/Offensiv-Formation gelegt - jetzt hat man auch bei den größeren nationalen Verbänden nachgezogen (nicht beim ÖFB, wo Marcel Koller in dieser Hinsicht ein großer Bremser war). Und diese Sichtbarkeit vor der gesamten Fußball-Weltöffentlichkeit wird ihre Wirkung nicht verfehlen.

Geschickte Varianten wie das Martinez-Pendel (die mit drei/vier personellen Switches erledigte Umstellung zwischen offensivem 4-3-3 und defensiven 5-3-2 im Brasilien-Spiel) werden schon weltweit untersucht und in der kommenden Saison nachgebaut werden.

Es wird sich jetzt nicht jeder Erstliga-Verein einen Offensive-Coordinator und schon gar nicht einen wie Thierry Henry leisten können - solange aber die Idee dahinter verfängt, kann der professionelle Spitzenfußball aus dieser WM gewichtige Lehren ziehen.

Und darin wird sich der Unterschied zu von vor 4 Jahren manifestieren. Denn letztlich war die Botschaft der WM 2014 schon dieselbe. Wurde dann halt nicht flächendeckend umgesetzt; weil auch nicht so öffentlichkeitswirksam verbreitet.

Achtelfinale
AF1: Frankreich - Argentinien 4:3 Review
AF2: Uruguay - Portugal 2:1 Review
AF3: Spanien - Russland 1:1 - 3:4 i.E. Review
AF4: Kroatien - Dänemark 1:1 - 3:2 i.E. Review
AF5: Brasilien - Mexiko 2:0 Review
AF6: Belgien - Japan 3:2 Review
AF7: Schweden - Schweiz 1:0 Review
AF8: Kolumbien - England 1:1 - 3:4 i.E. Review
Viertelfinale
VF1: Frankreich - Uruguay 2:0 Review
VF2: Brasilien - Belgien 1:2 Review
VF3: Schweden - England 0:2 Review
VF4: Russland - Kroatien 2:2 - 3:4 i.E. Review
Semifinale
SF1: Frankreich - Belgien 1:0 Review
SF2: England - Kroatien 1:2 Review
Spiel um Platz 3
Belgien - England 2:0 Review
Finale
Frankreich - Kroatien 4:2 Review

Aktuell:

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